Kritiken
The Adventures Of Tintin: The Secret Of The Unicorn (John Williams)
Sony Classical / 2011
Bewertung:

“Wenn Abenteuer einen Namen hat, muss er John Williams lauten”, ist sich Steven Spielberg in den Album Notes zu „The Adventures Of Tintin: The Secret Of The Unicorn“ sicher. Auch wenn diese Aussage natürlich den Beigeschmack einer persönlichen Danksagung an viele gemeinsame Scores hat, ist sie faktisch nicht leicht von der Hand zu weisen. Einige der am nachhaltigsten in das kollektive Gedächtnis eingebrannten Abenteuerfilme der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts tragen die Handschrift des inzwischen altehrwürdigen amerikanischen Komponisten: Was wäre der Mythos Indiana Jones ohne den rasanten „Raider’s March“, was wäre die Sternensaga „Star Wars“ ohne Williams berühmten „Main Title“ und wie würden sich E.T.s „Adventures On Earth“ anfühlen, würde nicht die Musik den Takt der Gefühle vorgeben? Williams und Abenteuer – ob zu Pferd, im Weltraum, bei Zauberern, im Jurassic Park oder auf den Spuren des Großen Weißen – ist eine höchst erfolgreiche Paarung, kommerziell wie künstlerisch.
Nun hat also Steven Spielberg, mit dem Williams den Großteil dieser Filme gemeinsam realisierte, einen Streifen in die Kinos gebracht, der „Adventure“ im Namen trägt. Für die Adaption der weltberühmten Tim-und-Struppi-Comics des belgischen Künstlers Georges Prosper Remi, genannt Hergé, wagte er sich gemeinsam mit Produzent und Kreativpartner Peter Jackson in die Welt der Motion-Capture-Animation vor. Lose basierend auf drei Episoden um Investigativjournalist Tim und seinen Kumpanen Struppi (Milou respektive Snowy in französisch und englisch), erschuf er einen bildgewaltigen Kosmos mit großen Schlachten, exotischen Szenerieren und rasanten Verfolgungsjagden. Der Streifen mit Jamie Bell, Andy Serkis und Daniel Craig hinter den digitalen Masken wurde überwiegend positiv aufgenommen, gar von einer Rückkehr Spielbergs zu alten Abenteuer-Qualitäten war, in Abgrenzung zum vierten Indiana Jones drei Jahre zuvor, die Rede. Tatsächlich ist der erste Teil der „Tintin“-Reihe (so viel steht wohl schon fest) ein höchst vergnüglicher Achterbahnritt, rasant, humorvoll und mit beeindruckenden Bildern. „Indy’s very very first adventure“ ist man geneigt zu sagen, ob einiger nicht zu bestreitender Parallelen zwischen „Tintin“ und den „Indiana Jones“-Filmen.
Große Abenteuer bedeuteten für John Williams gleichzeitig große Themen. Nahezu jeder seiner Erfolgsscores in diesem Genre zeichnet sich durch eine oder mehrere melodische Phrasen aus, die nicht nur in der Filmmusik-Community Anklang gefunden haben, sondern im kollektiven Gedächtnis verankert sind und damit Teil der Mainstream-Kultur geworden sind. Nahezu jeder mit leichter Affinität zum Film erkennt die Signaturen von Indiana Jones oder Darth Vader sofort. Williams steht damit in der Tradition der spätromantischen Tonsetzer wie Richard Strauss oder Gustav Holst, die der Melodie – etwa in „Don Juan“ oder dem Jupiter aus „The Planets“ – eine übergeordnete Rolle in ihrer Musik zugestanden haben. Gleichzeitig nimmt er naturgemäß Einflüsse aus früheren Epochen des Films auf, etwa aus Abenteuerscores wie „Prince Valiant“ (Franz Waxman) oder „Beneath The 12-Mile Reef“ (Bernard Herrmann). Trotz der teilweise brillanten Instrumentationen und geschickten dramaturgischen Gestaltung seiner Musiken bleibt das Primat der Themen ihr prägendstes Merkmal.
Mit „The Adventures Of Tintin“ ging er nun andere Wege. Anders als in seiner letzten großen Filmreihe, dem „Harry Potter“-Franchise, bietet Williams kein sofort ohrgängiges „Main Theme“ an, das jeder Kinogänger nach dem Film im Kopf hat. Dies hat bereits kurz nach Erscheinen der CD für Enttäuschung bei jenen Filmmusikfans geführt, die Williams genau für die Themen lieben. Doch aus diesem Fakt bereits auf die Qualität der Musik zu schließen, wäre vorschnell. Weder ist der Score durch das Fehlen eines Über-Themas gesichtslos, noch fehlt es ihm generell an Melodien. Im Gegenteil: „Tintin“ ist einer der motivisch reichhaltigsten Scores der letzten Jahre mit punktgenauen Charakterisierungen fast aller Haupt- und Nebenfiguren sowie teilweise artistischen Variationen.
Einen Vorgeschmack auf diese motivische Vorgehensweise bietet gleich die Eröffnungssequenz des Films, die ihren Weg als ersten Titel auf die CD gefunden hat. Williams versteckt das Thema seines Titelhelden in einem quirligen, mit Jazz- und Chanson-Anleihen versehenen Stück. Neben vielen melodischen Linien erklingt nach einer halben Minute der Kern des Themas am Cembalo, gegen Ende des Titels lässt es Williams an der Trompete etwas deutlicher vortreten. Es besteht aus einer forschen Fünfnotenphrase und einer sechnotigen Antwort, leichte Ähnlichkeiten lassen sich im Vergleich zu „Young Sherlock Holmes“ von Bruce Broughton erkennen. Eine dominante Rolle nimmt das Thema im gesamten Score jedoch nicht ein, bei genauerem Hinhören ist es aber erstaunlich oft präsent. Ist es in „Marlinspike Hall“ noch als dunkles Fragment zu hören, geht es im Blechbläser-Arrangement von „Escape from Karaboudjan“ schon stärker aus sich heraus. Fanfarenartig hat Williams es nur selten vorgesehen, der am ehesten als „Indiana Jones“-Moment zu bezeichende Auftritt des Themas ist in „The Pursuit of the Falcon“ zu hören – wenn Tim auf einem Motorrad drei Schatzpergamenten hinterherjagt.
Als gleichwertig anzusehen sind die Themen für Struppi, Captain Haddock oder die Interpol-Polizisten Schultze und Schulze. Während Struppi (Snowy) eine wirbelnde Streicher- und Klaviermelodie zugeteilt bekommt (die improvisiert wirkenden, jazzigen Einwürfe des Klaviers werden auch abseits von der Erkennunsgmelodie zum Markenzeichen des Vierbeiners), haben die beiden anderen Motive ähnliche Wurzeln. Der stets betrunkene Seemann Haddock wird von einem unbeholfenen Marsch charakterisiert, vornehmlich gespielt von Saxophon und tiefen Holzbläsern. Die etwas shantyhaft klingende Melodie reflektiert dabei gekonnt sowohl den alten Stolz als auch die momentane geistige Unzulänglichkeit Haddocks. In der Anlage des Themas gibt es dabei Ähnlichkeiten zum Smee-Motiv aus „Hook“. Auch hier sind aber Variationen des Themas nennenswert, vor allem die zur Melancholie neigenden Versionen zum Finale des Films („Return to Marlinspike Hall“ zielen direkt auf die verschiedenen Ebenen des Charakters ab. Etwas oberflächlicher, da deutlich mehr der Karikatur verhaftet, gestaltete Williams den aufgeplusterten Marsch für die Schul(t)zes. Tuba, Fagott und Akkordeon spielen die Melodie am häufigsten, die Mischung aus übertrieben angeberischem Auftreten und offenkundiger Tolpatschigkeit fängt Williams blendend ein.
Ein weiteres thematisches Standbein sind all jene Melodien, die mit dem Mysterium um die „Einhorn“ assoziiert sind, jenem legendären Segelschiff, das eine zentrale Rolle im Film spielt. Williams bedachte das Schiff mit einem klassischen Mystery-Motiv, das Erinnerungen an die Gringotts-Verliese aus „Harry Potter“ weckt. Durch seinen leichten Noir-Touch und die stellenweise hypnotischen Steigerungen ergibt sich auch eine leichte Nähe zum „Skull“-Motiv des letzten Indiana-Jones-Films. In jedem Fall ist dies die längste und präsenteste melodische Figur der Tintin-Musik, ihre Variationen reichen von mysteriös-skizzenhaften Fragmenten (auch hier häufig vom Saxophon gespielt) bis hin zu großorchestralen, packenden Arrangements mit williamstypschen Blech-Schichtungen und Paukenwirbeln (beispielsweise „Sir Francis and the Unicorn“ oder das Finale). Gleich mehrere Motive komponierte Williams für die Piraten-Rückblenden aus Haddocks Erinnerungen: Bösewicht Red Reckham erhält kraftvolle Streicherostinati als Erkennungszeichen, die eng verwandt sind mit einem eindrucksvollen Duel-Thema. Diese Melodie steht in der Tradition großer Williams-Schlachtenmusik und ist entsprechend deftig orchestriert. Es hat seinen großen Auftritt im Kampf zwischen Sir Francis Haddocks und Red Reckhams Schiffen und in den End Credits („The Adventure Continues“) als Konzertsuite. Ein exotisch angehauchtes Motiv ist mit dem sagenumwobenen Schatz der Einhorn verbunden (erstmals in „Escape from Karaboudjan“), als großformatige Locationmusik leitet es zudem an den Schauplatz Bagghar über. Diese Passage (am Ende von „Red Reckham’s Curse and the Treasure“) versprüht eine Energie wie zu alten Indiana-Jones-Zeiten, die Assoziationen gehen soweit, dass man jede Sekunde den eifrigen Sallah (John Rhys-Davies) um die Ecke biegen glaubt.
Schließlich sei noch erwähnt, dass sich Williams zusätzlich zu diesem Themengerüst den Luxus leistet, weitere szenische Motive einzuführen und streckenweise sogar Melodien mit hohem Wiedererkennungswert außerhalb des Motivkonstrukts einzusetzen. Quasi keine Sekunde des Scores ist dadurch melodiefrei, was gemessen an derzeitigen Vertonungsstandards bemerkenswert ist – ohne daraus an dieser Stelle eine voreilige Bewertung dieses Umstands vorzunehmen. Bei einigen melodischen Kurzauftritten, beispielsweise der wunderbar eleganten Oboenfigur in „Return to Marlinspike Hall“ weckt Williams aber eindeutig die Neugier der aufmerksamen Hörer. Dies ist in jedem Fall nicht Schlechtes.
Die leitmotivische Konstruktion und der melodische Gehalt ist also eindeutig auf der Habenseite des Scores zu verbuchen, zumal der kleinteiligere thematische Ansatz dem quirligen, rasanten Film sehr zu Gute kommt. Ein ikonenhaftes Heldenthema (etwa für Tim) wäre nicht die passende Herangehensweise für Williams gewesen. Neben der Themenfrage ist aber auch die Frage nach der instrumentatorischen respektive orchestratorischen Umsetzung spannend und bewertungsrelevant. Wie bereits erwähnt, eröffnet Williams diesen Film mit für das Abenteuergenre eher ungewöhnlichen Klängen. Der Eröffnungstitel ist inspiriert von „Catch Me If You Can“ und dem „Knight Bus“ aus dem dritten Potter-Score, aber auch das Akkordeon und das Cembalo zählen nicht zum Genre-Standard. Entsprechend unheroisch ist denn auch die klangliche Wirkung: Jazzig-vibrierend, verspielt und anekdotenreich wirkt der Einstieg in den Film, was sich als passende Charakterisierung des Nachwuchs-Investigativjournalisten Tim erweist. Ebenso sind die teilweise aus der Harmonik herausfallenden Klavierpassagen für Struppi ein bemerkenswerter Einfall mit ungemein passender Wirkung. Williams zeigt hierbei seine stilistische Vielseitigkeit ebenso wie sein exzellentes Gespür für Klangwirkungen.
Weite Teile des Scores sind jedoch deutlich konventioneller gestaltet als die beiden Eröffnungstitel erwarten lassen. Sie stehen in der Tradition von „Hook“, „Harry Potter“ und „Home Alone“ – und last but not least „Indiana Jones“, wobei insbesondere der dritte Teil mit „Indy’s very first Adventure“ als Vorbild genannt werden muss. Elemente wie das Saxophon, Cembalo, die häufig auftretenden Fagotte, Klarinetten und Flöten sowie das Akkordeon bleiben dem gesamten Score natürlich erhalten, werden aber in einen klassischen Williams-Abenteuer-Score eingebettet. Diesen Umstand kann man verschieden interpretieren und bewerten, je nach dem ob man die im Williams-Kanon schon ausgetrampelten musikalischen Pfade als wenig originell bewertet oder erstaunt darüber ist, dass er seinen raffinierten, brillianten Orchestrationsstil auch im hohen Alter nicht verlernt hat.
Die Wahrheit liegt sicherlich wie so häufig in der Mitte. So ist es absolut korrekt festzustellen, dass Williams das Rad mit diesem Score und dafür ausgeführter Orchestration und Themenarbeit nicht neu erfunden hat und daher nur an einigen Stellen ungewöhnlich, originelle oder frische kompositorische Ansätze zu bieten hat. Auf der anderen Seite ist die Bezeichnung Routine für Handwerk dieser Qualitätsstufe nicht adäquat, zumindest nicht, wenn man sie nicht zu jenem in Relation setzt, was man bei John Williams unter Routine zu verstehen hat. Dies bedeutet nämlich auch in jenen Passagen, die von der Machart einigen Vorgängerscores ähneln, dass er mit ernormer Sorgfalt, Einfallsreichtum und noch immer brillianter Technik orchestriert und dadurch dramaturgische Effekte von sehr hoher Qualität erzielt. Was bei Williams leicht generisch wirkt, wäre für das Gros seiner Kollegen die absolute Crème de la Crème des Orchestersatzes. Bestes Beispiel ist die virtuose Flötenfigur, die er in „The Pursuit of the Falcon“ mit den Themen von Tim und Struppi verquickt, um den flüchtenden Vogel musikalisch abzubilden. Die Idee hatte Williams bereits in „Harry Potter and the Prisoner of Azkaban“ verwendet, aber auch in der hier gezeigten Variante wirkt sie stimmig im szenischen Kontext, virtuos ausgeführt und damit ungemein unterhaltsam als CD-Hörerlebnis.
Zusammenfassend lässt sich somit allzu harsche Kritik an dem „Tintin“-Score leicht entkräften, von Enttäuschung kann wohl höchstens in Relation zu überhöhten Erwartungen gesprochen werden. Williams erster Score seit drei Jahren gehört somit zweifelsohne zum Besten, was bisher im Jahr 2011 erschienen ist. Gleichzeitig muss man aber auch konstatieren, dass „The Adventures Of Tintin: The Secret Of The Unicorn“, trotz hoher Qualität als Filmmusik und als Höralbum, kein neuer „The Empire Strikes Back“ oder „The Temple Of Doom“ ist. Diese Oberklasse in Williams’ Werk steht mehr als eindeutig über „Tintin“. Stimmig ist somit eine Bewertung im Bereich von 4 bis 4,5 Sternen, wobei ich der höheren Bewertung vor allem wegen der Themenarbeit den Vorzug gebe. „The adventure has a name“ ist also durchaus ein passender Slogan für Williams’ jüngsten Score, wenn er diese Ehre sicherlich nicht mit „Tintin“ alleine gewonnen hätte.
Jan Zwilling / 09.11.11
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