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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Sunset Boulevard (Franz Waxman)

Varese / 2002

CD

Bewertung:


    01. Sunset Boulevard Prelude (3:51)
    02. Paramount Studio (0:55)
    03. Chase and Mansion (3:42)
    04. Norma Desmond (2:18)
    05. An Aging Actress (0:54)
    06. Reading The Script (2:34)
    07. The Strange Garden (1:56)
    08. Norma's Gallery (1:24)
    09. The Waxworks and The Bridge Game (1:44)
    10. Afternoon Outings (1:00)
    11. Sacrifice Of Self-Respect (4:07)
    12. The Old Bathing Beauty (2:29)
    13. Parading To Paramount (0:55)
    14. Old Friends (1:27)
    15. DeMille's Compassion (0:42)
    16. Norma's Suspicions (3:55)
    17. A New Interest and the Studio Stroll (5:08)
    18. Her First Husband (2:56)
    19. The Showdown (4:14)
    20. Farewell (1:56)
    21. Joe Walks Out (5:22)
    22. The Corpse (1:11)
    23. The Comeback (4:24)
    24. Sunset Boulevard Cast (0:31)
    25. Prelude and Conversing Corpses (9:01)

    TT: 70 Min

Franz Waxman und Billy Wilder kannten sich bereits seit den “roaring twenties”, als beide in Berlin arbeiteten, Wilder bei der UFA und Waxman, der damals noch Wachsmann hieß, als Pianist bei einer Jazzband, den “Weintraub Syncopators.” Später bekam der studierte Komponist einen Job als Orchestrator bei Friedrich Holländer und arbeitete mit ihm unter anderem an dem Filmklassiker “Der blaue Engel”, mit Marlene Dietrich.
Mit dem Aufkommen der Nazis flüchteten die beiden Juden Wachsmann und Wilder nach Paris, nachdem der Komponist auf offener Straße zusammengeschlagen wurde. In Paris drehte Wilder seinen ersten Film “Mauvaise Graine”, Wachsmann vertonte den Film. Danach zog es beide schnell nach Hollywood. Wachsmann bekam den Job als Komponist für James Whale’s Frankenstein-Fortsetzung “The Bride Of Frankenstein” und erregte damit bei dem produzierenden Studio Universal solche Aufmerksamkeit, dass man ihm anbot als Chef des Musikdepartments zu arbeiten. Wachsmann akzeptierte und nannte sich von da an Franz Waxman. Bis 1942 blieb er bei Universal, danach wechselte er zu zu Warner, bevor er 1947 als freischaffender Filmkomponist sein Geld verdiente.

Wilder hatte zuvor schon mehrmals versucht, mit seinem Freund aus Deutschland zusammenzuarbeiten, aber wegen seiner Studioverpflichtungen und einem ständig vollen Terminkalender (Waxman war während seiner gesamten Komponistenlaufbahn bei über 290 Projekten an der Musik beteiligt) gelang den beiden keine Zusammenarbeit bis zum Film “Sunset Boulevard” im Jahre 1950, der in den Karrieren der beiden einen wichtigen Platz einnimmt. “Sunset Boulevard” gilt als eine der wichtigsten Filme von Wilder, Waxman gewann seinen ersten Oscar für den hervorragenden Score, den er für den Film beisteuerte. Weitere Oscars gingen an die Autoren Charles Brackett, D.M. Marshman und Billy Wilder und an das Ausstattungsteam. Ausserdem gab es Nominierungen in 8 weiteren Kategorien unter anderen in allen Schauspielerkategorien und auch für die beste Regie und den besten Film war Sunset Boulevard mit im Rennen.

Wilders Film erzählt vom erfolglosen Drehbuchautoren Joe Gillis (gespielt von William Holden), der nach einer Flucht vor Geldeintreibern sich in einen heruntergekommenen und verlassen aussehenden Haus am Sunset Boulevard versteckt. Doch wie sich herausstellt, wohnt dort Norma Desmond (Gloria Swanson), eine vergessene Berühmtheit aus der Zeit der Stummfilme, die immer noch glaubt, dass Millionen Fans auf ihr Comeback warten. Sie plant eine Verfilmung des “Salomé"-Stoffes, das Drehbuch hat sie selbst geschrieben, Cecil B. DeMille soll Regie führen. Sie bittet Joe um Hilfe bei der Überarbeitung des Skripts. Norma behält den Drehbuchautoren bei sich zu Hause und reagiert sehr eifersüchtig auf Joes Interesse an dem Script Girl Betty Schaefer. Als es Joe bei der zunehmend verrückter werdenden Schauspielerin nicht mehr aushält und sie verlässt, erschiesst sie ihn vor ihrem Swimming Pool.
Was den Film besonders stark macht ist das Casting. Gloria Swansons Karriere hatte einen ähnlichen Punkt in ihrer Karriere erreicht, wie Norma Desmond als sie die Rolle in diesem Film angeboten bekam. Sie war ein Star aus einer längst vergangenen Zeit. Pikant war auch die Besetzung vom Butler der Desmond durch den Stummfilm-Regisseur Erich von Stroheim, der einige der wichtigsten deutschen Stummfilme in den 20er Jahren gedreht hat, und dessen Karriere als Regisseur durch die Swanson zu Ende ging, nachdem sie und ihr Liebhaber Joseph Kennedy Sr. ihr Geld aus dem Projekt “Queen Kelly” zurückzogen. Stroheim führte danach nie mehr Regie. Daneben haben auch noch diverse andere Hollywood-Größen wie Cecil B. DeMille und Buster Keaton in dem Film Gastauftritte.

Waxmans Score ist leitmotivisch organisiert. Die Melodien für Joe Gillis und Norma Desmond bilden das Herzstück der Musik und sind zueinander passenderweise auch schon ein großer Kontrast. Joe’s Thema ist ein rhythmisch lebhaftes Jazz-Stück, meistens vom Klavier vorgetragen, während Normas Thema ein langsamer und oftmals auch ein wenig schwermütiger Tango ist, der auch als Anspielung auf den Stummfilmstar Valentino funktioniert, mit dem Norma in einem ihrer erfolgreichsten Werke gespielt hat. Beide Themen charakterisieren nicht nur mit eindrucksvoller Genauigkeit die beiden Hauptpersonen sondern sind auch sehr leicht wiederzuerkennen, was Waxman unglaublich vielfältige Variationen seiner Musik erlaubt.
Exemplarisch dafür ist das musikalisch faszinierende Finale, beginnend mit dem Track “Joe Walks Out.” Norma’s Thema wird hier in dissonanter Form eingesetzt, um zu verdeutlichen, dass die alternde Filmdiva jetzt wirklich verrückt geworden ist. Überraschenderweise setzt Waxman hier auch eine sehr verlangsamte Variante des Nebenthemas ein, dass er für die Verfolgung durch die Krediteintreiber am Anfang des Films komponierte ein, um zu verdeutlichen, dass die Situation für Joe Gillis gefährlich wird. Danach werden die Zitate von Normas Thema noch einen Schritt dissonanter um dann von dem ungewöhnlichsten Statement von Joe’s Theme abgelöst zu werden, dem an dieser Stelle völlig das jazzige fehlt. Stattdessen wird die Melodie in die sehr tiefen Register des Klaviers verlegt und mit donnernden Paukenschlägen betont, als Norma Joe Gillis tötet.

Neben den zwei Hauptthemen und dem schon erwähnten Verfolgungs-Thema, dem Waxman ebenso interessante Variationen abgewinnt wie den anderen, hat der Komponist noch den Paramount-Wochenschau-Marsch in einen langsamen Walzer umgewandelt, der als musikalische Begleitung für den Spaziergang von Betty Schaefer und Joe Gillis über das Paramount-Gelände fungiert. Generell hat “Sunset Boulevard” ein für den Film sehr zeitgenössisches Klangbild. Weniger durch die Romantik, wie viele der Golden Age-Scores, als durch Kurt Weill und Krenek inspiriert wirkt der Score auch heutzutage kein bisschen altmodisch, sondern beweist auch den Hörern, die vielleicht nicht so viel mit dem Golden Age anfangen können, enorme Hörqualitäten.

Joel McNeely’s Neueinspielung kann man nur als sehr gelungen betrachten. “Sunset Boulevard” zählt mit Sicherheit zu den besten Neueinspielungen, die er für Varèse aufgenommen hat.

Fazit: “Sunset Boulevard” zählt sowohl zu den Meilensteinen der Filmgeschichte als auch der Filmmusikgeschichte. Der Score wirkt dank seiner Jazz-Einflüsse auch heute immer noch frisch und kein bisschen altmodisch und ist auch formal so hervorragend, dass man nur staunen kann, dass es so lange gedauert hat, bis dieser Score eine adäquate Veröffentlichung erfahren hat. 

Jan Boltze / 04.07.07

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