Kritiken
Star Wars Episode 1: The Phantom Menace (John Williams)
Sony / 2000
Bewertung:

In der Filmbranche Hollywood ging das Jahrtausend mit einem lang ersehnten Paukenschlag zu Ende. Nachdem sich Jahrzehnt der 90er mit gigantischen Megaproduktionen und ebensolchen Erfolgen ("Jurassic Park”, “Titanic") den Hype um bestimmte Filme in eine neue Dimension hat schnellen lassen, schien die Zeit für George Lucas gekommen, seinem Vermächtnis “Star Wars” eine neue Trilogie voranzustellen. Bereits 1997 brachte er eine digital restaurierte und mit Spezialeffekten ergänzte Fassung der alten Trilogie in die Kinos (die zusammen über 200 Mio. Dollar einspielten) und 1999 sollte dann mit “Episode I: The Phantom Menace” die Saga neu beginnen. Im Gegensatz zu “Titanic”, wo der ungeheure Hype erst nach dem Kinostart begann, kannte die Verzückung der zahlreichen Star Wars Fans schon Wochen vor dem Kinostart keine Grenzen; es wurde vor den Kinos campiert, Kostüme geschneidert, Vorstellungen waren über Wochen restlos ausgebucht.
Am Ende des Jahres blieb ein Kassenerfolg von gut 900 Mio. Euro und damit das zweitbeste Einspielergebnis aller Zeiten - und eine gespaltene Fangemeinde. Der enthusiastischen Freude vieler Zuschauer mischten sich recht bald kritische Stimmen, die sogar soweit gingen, George Lucas vorzuwerfen er habe seinen eigenen Mythos geschändet. Die Kritikpunkte waren offenkundig: ein hanebüchenes Drehbuch, allzugroße Technikverliebtheit bei den Spezialeffekten und vor allem der debile Humor des Jar Jar Binks. Vom rauhen Charme der Original-Trilogie blieb wenig übrig.
Eine große Konstante blieb der Trilogie aber erhalten: John Williams und das London Symphony Orchestra. Mit den zu seinen erfolgreichsten Filmmusiken zählenden Star Wars Vertonungen, die weit über Filmmusikkreise hinaus bekannt sind, zementierte Williams seine Stellung als einer der einflussreichsten und erfolgreichsten Filmmusikkomponisten im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Eine ebensolche Erwartungshaltung wie an die Filme machte im Vorfeld bei den Filmmusikfans die Runde - und sie wurden nach einhelliger Meinung nicht enttäuscht. “Episode I” reihte sich ohne Bedenken ein die vorangegangenen musikalischen Höhepunkte und darf ohne Zweifel zu den gelungstenen Filmscores der neunziger Jahre zählen.
Zunächst lässt sich konstatieren, dass sich Williams in vollem Maße der Tradition der alten Musiken bewusst war und nahtlos an den opulenten, kraftvollen und mit grandiosen Melodien ausgeschmückten Stil der Teile vier bis sechs anschloss. “Episode I” beginnt wie alle Star Wars Filme mit dem weltberühmten Main Theme, das zugleich im Filmkontext das Thema für Luke Skywalker darstellt - und somit in der ersten Episode bis auf einige wenige Stellen nicht mehr auftaucht. Eine Stippvisite gibt noch das “Force"-Theme ab, das hier an einigen Stellen organisch in die Musik eingeflochten wurde. Als Motiv für die “Macht” ist es eins der universellen Themen der Sextalogie und taucht häufig im Zusammenhang mit den Jedi auf.
Da die Handlung von “Episode 1” noch deutlich vor der alten Trilogie spielt, hält sich Williams mit dem Zitieren alten Materials aber clevererweise noch zurück; vielmehr vollbringt er das Kunststück, mit zu 80% neuen Themen den klassischen Star Wars Sound wieder zum Leben zu erwecken.
Das prägnanteste neue Thema ist das sogenannte “Duel Of The Fates”, welches den Kampf der beiden Jedi Qui-Gon und Obi-Wan gegen den Handlanger des Sith-Lords, Darth Maul, begleitet. Zum ersten Mal innerhalb des Star Wars Zyklus’ setzt Williams hier prominent den Chor ein. Das Stück besteht aus einem kleinen motivischen Kern, der zyklisch wiederholt wird und daher vor allem rhythmisch wirksam ist. Anfangs treiben die niedrigen Streicher das Stück voran und geschickt erweitert Williams die Instrumentation erst um dunkles Blech, dann kommen Pauken und schmetternde Trompeten hinzu und sukzessive erklingt die komplette Wucht des Blechbläserapparates. Typisch für Williams sind auch hier die brillant eingesetzten Gegenstimmen, Einwürfe aus allen Ecken des Orchesters erhöhen das Tempo in die Kraft des Stückes enorm. Am Klimax setzt Williams auf einen langen Blechbläserakkord den großen, dramatischen Chor - um sofort nach Abbrechen des Tuttis prominent die Pauke aufspielen zu lassen. Dieses Thema, in verschiedenen Ausführungen vor allem gegen Ende in der finalen Schlacht immer wieder eingesetzt, gehört eindeutig zu den beeindruckendsten Statements im Star Wars Universum.
Eher ruhig und intim gestaltet sich das Thema für Anakin Skywalker und das kleine Seitenthema für seine Mutter Shmi. Streicher und Holz geben den Ton an und Williams spielt seine Stärke für solche Arrangements, bekannt von “Amistad” bis “Jurassic Park”, voll aus. Das Thema erweist sich trotz seiner exzellenten Fertigung nicht ganz als der große Ohrwurm wie früher “Leia’s Theme”, doch steht es nicht nur wegen eines Kunstgriffes hinter den Vorbildern nicht zurück: Rhythmische Parallelen und die subtile Schlussformel des Themas hin zum angedeuteten “Imperial March” zeichnen das Schicksal Anakins vor - ein Paradebeispiel sorgfältig konzipierter Themenarbeit.
Ebenfalls passend charakterisiert wird Jar Jar Binks, für den sich Williams sehr signifikant aus dem Fundus seiner eigenen Stilismen bedient. In bester “Home Alone” Manier untermalt er den tolpatschigen Binks mit liebevoll auskomponiertem Mickey Mousing. Fagotte, Holzbläser, Streicherzupfen und ein verschmitztes Marschthema stehen Pate für den Gungan. Hier lässt sich wie an vielen anderen Stellen sehr gut erkennen, mit welcher Beharrlichkeit Williams der relativ platten und plakativen Geschichte eine ebenso fundierte und ausgefeilte Untermalung angedeien lässt.
Nur annähernd beschrieben werden kann die weitere Fülle an thematischen Ideen. Für Qui-Gon ersann Williams ein nobles, zurückhaltendes Thema, in dem wunderbaren “Anakin Is Free” erklingt es wie Shmis Thema in seiner vollsten version. Eine großartige Fanfare mit komplexem, begeisterndem Bläsersatz erklingt zur Eröffnung des Pod Race’ und das brillant orchestrierte Marsch-Thema der Droidenarmee füllt einen signifikanten Teil der finalen Schlacht aus.
Neben dem zu hundert Prozent gelungenen thematischen Material liegen die Stärken der Musik vor allem noch in zwei Bereichen: der Orchestration und dem gekonnten dramatischen Aufbau des kompletten Filmscores. Für die Orchestration sind die vorangegangen Star Wars Musiken eine gute Referenz und dieses Niveau hat Williams nur mit geringen Abstrichen gehalten. Die Schlachtsequenzen sprühen vor wirbelnder Energie, jegliche Instrumentengruppen sind prominent eingesetzt - da fällt es schwer die Rolle der Pauke, des Xylophons oder den unermüdlich arbeitenden Holzes zu betonen, denn auch die Streicher sind eingespannt und das Blech ist zu einem Maße an Komplexität eingesetzt, wie es eine Filmmusik nur selten erreicht. Die große Schlacht wechselt zudem musikalisch auch völlig flüssig zwischen den vier Schauplätzen. Aber auch kleinere Momente wie Jar Jars Auftritt, der ätherische Chor für Otoh Gunga, das epische “Anakan Is Free” oder die heroischen Momente bei der Durchfahrt von Naboo ("Attack Of The Giant Fish") sind perfekt gelungen und lassen in keiner Minute den Gedanken an musikalisches Füllmaterial aufkommen. Dem zuträglich ist auch eine hervorragende Dramaturgie der kompletten Musik, die dramatische Momente, Schlachtszenen oder Kämpfe zielgerichtet auf den Höhepunkt des Films hin aufbaut. So erstaunt uns Williams immer wieder mit Steigerungen bekannter Themen (vor allem des “Droid Armee” Themas) und immer dramatischer werdenden Arrangements.
Was lässt sich nun zu den “technischen” Angelegenheiten der Musik sagen? Erstens ist die Aufnahme mit dem London Symphony Orchestra eine absolute Referenzeinspielung geworden, sowohl spieltechnisch als auch aufnahmetechnisch. Die Londoner meistern die Partitur bravourös, die Präzision und Kraft vor allem der Blechbläsersektion ist Weltklasse. Zudem ist “Episode I” ein Musterbeispiel für eine klare, transparente und dynamische Aufnahme. Closemiking bringt einem jedes kleinste Detail der Musik ins Wohnzimmer, aber nicht auf Kosten des Gesamteindrucks. Die extreme Rauscharmut der CD trägt ebenfalls zum ungetrübten Genuss bei.
Es existieren zwei Veröffentlichungen der Musik, der zum Filmstart erschienene Original Soundtrack und die später nachgeschobene “Ultimate Edition” mit der kompletten Musik auf 2 CDs. Auf dem Original Soundtrack fehlen naturgemäß einige wichtige Passagen und vor allem ist die komplette finale Schlacht nicht in der Filmversion zugänglich, sondern nur als Extrakt der einzelnen Themen. Somit ist die “Ultimate Edition”, trotz des schwachen da textlosen Booklets, ein Pflichtkauf für jede ernsthafte Filmmusikkollektion. Doch daneben macht der Original Soundtrack als Ergänzung Sinn, denn er enthält eine ausgespielte Themen, die so nicht im Film und somit auf der Ultimate vorkommen- die erweiterte “Flag Parade”, ein Theme-Arrangement von “Anakin” und “Duel Of The Fates”.
Das Fazit ist denkbar einfach und doch wieder nicht: Eine quasi exzellente Musik, die durchaus mit den alten Scores mithalten kann. An die beiden stärksten Scores der Reihe, Episode 5 und 6, kommt sie aber doch nicht ganz heran, somit lässt sich “Episode 1” am sichersten auf dem Niveau der ersten “Star Wars” Musik eintakten. Positiv zu Buche stehen zudem eine grandiose Einspielung und eine würdige und eine ergänzende Veröffentlichung auf CD. Herz was willst du mehr. Da hat sich der Hype doch gelohnt.
Jan Titel / 31.01.07
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