Kritiken
Star Trek: The Wrath Of Khan (James Horner)
GNP Crescendo / 1982
Bewertung:

Sucht man nach den Ursprüngen von James Horners künstlerisch und kommerziell erfolgreichen Filmvertonungen in der ersten Hälfte der achtziger Jahre, muss man sich immer wieder die Reihenfolge dieser Kompositionen vor Augen führen. Schon damals machte sich der Amerikaner die Methode zu nutze, ein einmal etabliertes musikalisches Konzept mehrfach und und in verschiedensten Variationen für seine Filme zu benutzen. Gemeinhin gilt das Fantasy-B-Movie “Krull” als Urknall für jene opulente, dynamische und farbenfrohe Orchesterkultur, die mit Recht bis heute als die kompositorisch wertvollste im hornerschen Kanon gilt. Exakterweise ist der Score zu “Krull” (1983) jedoch bereits der zweite, mit weiter Auslegung sogar der dritte Aufguss dieses Konzeptes. Der Film, für den Horner jene Klangpracht zur ersten vollen Blüte brachte, ist “Star Trek II: The Wrath Of Khan” aus dem Jahr 1982. Zwei Jahre zuvor deutete Horner dies bereits mit “Battle Beyond The Stars” an, Filme wie “Star Trek III”, “Brainstorm” oder “Cocoon” folgten dem zweiten Sternenabenteuer um die Enterprise-Crew jedoch eindeutig nach.
Dass diese Sequenz für die realistische Einschätzung der Qualität von Horners Musik zu “Star Trek II” bedeutsam ist, wird sich später noch zeigen. Vornehmlich bestimmend für den großen stilistischen Schwenk in der Musik von Jerry Goldsmith’ vielfältiger und erhabener Eleganz zum ersten Teil hinzu Horners expressiveren Actiontableaus ist sicherlich der Film. Anders als “The Motion Picture”, der von Stimmungen, visuellen Reizen und philosophierenden Untertönen lebte, ist “The Wrath Of Khan” ein stark story-getriebener Film. Große Schlachten im Weltraum - wenn auch mit dem schmalen Budget von 10 Millionen Dollar sparsam inszeniert - und viele Charaktermomente der schärfer gezeichneten Figuren bestimmen den zweiten Teil. Die Musik musste sich dementsprechend von der Zeichnung des Subtextes lösen und bedeutend griffiger und szenenbezogener werden. Gute Voraussetzungen für den damals 30-jährigen Horner, der einen zu Goldsmith antithetischen Star-Trek-Score komponierte.
Erstes Anzeichen dafür ist, dass Horner auf das Main Theme von Jerry Goldsmith verzichtet und stattdessen lediglich die Fanfare von Alexander Courage, die dem Serienthema vorangestellt ist, kurz zitiert. Ersetzt werden diese prägnanten Motive durch ein eigenes Titelthema von Horner, dass einen ähnlich feierlichen und noblen Gestus anvisiert wie Goldsmith’ Enterprise-Thema. Es steht aber mit seinem eher liedhaften-energischen Gestus Melodien vor allem aus Krull näher als dem bekannten Star-Trek-Klang. Horner arrangiert es als lebhafte Streicherphrase, die von schnellen Ostinati der Hörner und der zweiten Geigen begleitet wird. Obwohl das Thema, gerade wenn es von den Hörnern melodieführend übernommen wird, durchaus eingängig ist und die große Geste sucht, wirkt es dennoch weniger getragen als das Goldsmith-Pendant. Gene Rodenberrys Vision eines “Swashbucklings im Weltraum” trifft Horner aber dadurch vielleicht sogar besser als sein Vorgänger, denn sein Main Theme besitzt mit Anleihen bei Erich Wolfgang Korngold oder Alfred Newman viel Verve und Unbekümmertheit.
Diese Perspektive, den Film eher als Action-Abenteuer zu unterlegen, verlässt Horner auch für die funktionalen Teile der Musik nicht. Die Actionpassagen, auf der CD sogleich mit “Surprise Attack” beginnend, sind ebenso ausladend, frisch und vielstimmig gestaltet wie das Main Theme. Die konzeptuellen Ähnlichkeiten zu Krull treten dabei umso deutlicher zutage: Kraftvolle Einsätze der Hörner, parallele Stimmführung in den Blechbläsern, Kontrast zwischen langen Noten und wirbelnder Begleitung, “Schaumwirbeln” der Geigen und starker Beckeneinsatz auf die betonten Actionschläge. Ebenfalls charakteristisch und selbst 15 Jahre später in “Titanic” noch präsent ist der oft abrupte Wechsel zwischen Tuttipassagen und kleiner orchestrierten Ruhepolen. Metallische Percussions und Klaviergrollen runden hier ebenso das Bild ab wie in vielen anderen Horner-Scores.
Ein Großteil des Scores wird von jenen Passagen eingenommen, die im weiteren Sinne als Actionmusik definiert werden kann. Dennoch sind die Klangfarben sehr variabel. Zuweilen komponiert Horner sehr düster, wenn er beispielsweise in “Khan’s Pets” tiefe Basstöne mit einem Echo verfremdet - eine Vorwegnahme eines für “Aliens” (1986) charakteristischen Klangelements. Dynamischer und unterhaltsamer sind hingegen die vollen Orchestertableaus in “Battle in the Mutura Nebula”. Hier versteckt Horner als Referenz zu Goldsmith einige Male den Blaster Beam im Arrangement. Bereits in der “Surprise Attack” führt Horner sein berühmt-berüchtiges Gefahrenmotiv ein. Es dürfte sich um eine der frühesten, wenn nicht um die erste Musik mit jenem später bis zur Übersättigung verwendeten Melodiefragment handeln. Erwähnenswert ist noch die dezente und klangschöne Glasharfenmelodie für Spock, die im gleichnamigen Titel zu hören ist. Sie zeigt Horners Händchen für besondere Klanglösungen, das in der jugendlichen Frische der zweiten Star-Trek-Musik noch unverfälscht zu bestaunen ist.
Die für “The Wrath Of Khan” gemachten Beschreibungen und Feststellungen könnten spiegelbildlich auch für eine Reihe andere Horner-Scores der achtziger Jahre gelten. “Brainstorm”, “Krull”, “Aliens” oder “Cocoon”, ja sogar “Something Wicked This Way Comes” oder “Wolfen”, weisen zum Teil erhebliche Ähnlichkeiten zu diesem Score auf. Entscheidend für die Bewertung sind aber letzenendes zwei Dinge: Erstens, der vorliegende Score wirkt frisch, dynamisch, hervorragend instrumentiert und thematisch inspiriert. Und zweitens, der Score ist damit eher eine Vorlage für nachfolgende Musiken von ähnlichem Schlage als umgekehrt. In dieser Form betrat der junge Amerikaner 1982 mit “The Wrath Of Khan” tatsächlich Neuland und der Score ist daher - obgleich er sich vom klassischen, goldsmith’schen Star-Trek-Klang fundamental unterscheidet - ein Must-Have in Horners Repertoire. Die CD von GNP Crescendo deckt mit 45 min alles Wesentliche der Partitur ab.
Jan Zwilling / 24.05.09
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