Kritiken
Star Trek: The Motion Picture (Jerry Goldsmith)
Columbia / 1998
Bewertung:

Als man 1979 mit den Dreharbeiten zu dem “Star Trek”-Film began, war die TV-Serie bereits seit ca. 10 Jahren abgesetzt. Mit Robert Wise („Der Tag, an dem die Erde stillstand“) im Regiestuhl sollte der Franchise wiederbelebt werden. Da zu der Zeit Science-Fiction-Filme dank „Star Wars“ und „Alien“ wieder voll im Trend waren, ließ man sich den Film auch einiges kosten. 35 Millionen Dollar betrug das Budget – für 1979 eine beachtliche Summe.
Für die Vertonung wurde Jerry Goldsmith engagiert, der gerade vor kurzem die Arbeiten an „Alien“ abgeschlossen hatte. Regisseur Robert Wise wollte angeblich von Goldsmith eine Musik, die Assoziationen an die Seefahrt weckt, also ansatzweise eine Art „Swashbuckler“-Score. Der Komponist verwarf deswegen Alexander Courages TV-Serienmotiv für ein eigenes Motiv.
Da Goldsmith lange Zeit wegen der aufwändigen Effekte nur einen sehr unvollständigen Film zu sehen bekam, war dies für ihn nicht besonders leicht. Er entwickelte sein Hauptthema hauptsächlich aus dem sechsminütigen Titel „The Enterprise“, in dem zum ersten Mal das Schiff im Film gezeigt wurde. Was daraus wurde ist einer der größten Klassiker der Filmmusikgeschichte, eine Melodie, die so beliebt wurde, dass sie sofort Bestandteil der Popkultur wurde. Was das Thema neben seiner brillanten Eingängigkeit aber vor allem auszeichnet, ist seine große Wandlungsfähigkeit, die auch gerade in besagtem Track „The Enterprise“ alleine schon sehr deutlich zu Tage tritt. In der Szene ist Admiral Kirk in einem großen Raumschiffdock unterwegs zur „Enterprise“ – eine neu gebaute wohlgemerkt, deren Jungfernfahrt er mit seinen alten Gefährten kommandieren soll. Die Szene ist über 6 Minuten lang und dabei wird erst ganz am Ende das Schiff für den Zuschauer enthüllt, weshalb Goldsmith in diesem Cue permanent sein Hauptmotiv auch in der Prägnanz steigert. Alles beginnt ganz unscheinbar und endet in einem vollblütig-heroischem Statement – dem ersten in diesem Film. „Star Trek“-Schöpfer Gene Roddenberry war davon übrigens so begeistert, dass er für die „Next Generation“-Serie das Thema wieder verwenden wollte.
Doch nur mit diesem Thema hatte Goldsmith noch lange nicht seine gute Ideen aufgebraucht. Zwei weitere, ebenfalls sehr gelungene Motive dominieren ebenfalls in der Partitur. Das erste, „Ilia’s Theme“ ist eine Art Love Theme, ganz in der Tradition des Golden Age für hohe Streicher gesetzt. Das sehr eingängige Stück diente dem Film auch als Ouvertüre.
Das dritte Motiv ist Hauptbestandteil des ungewöhnlichsten Parts der Partitur. Da sich die Handlung des Films um eine mysteriöse Wolke dreht, die sich bedrohlich der Erde nähert, schrieb Goldsmith einen Teil der Partitur im impressionistischen Stil. Klangfarben spielen dabei eine sehr große Rolle, während Melodien eher aus fließenden, wellenförmigen Bewegungen bestehen, und sich zusätzlich dabei nicht an die starren Regeln der Harmonielehre halten. Impressionistische Musik ist atonal, ohne dabei allerdings dissonant zu klingen. Die bestimmenden Klangfarben für die Wolkenmusik kommen deshalb passenderweise von Blasinstrumenten, um mit musikalischen Mitteln das Luftelement der Wolke zu kommentieren, weshalb der Einsatz einer Windmaschine neben den üblichen Holz- und Blechbläsern nur folgerichtig ist. Als weiteres Effektinstrument wurde ein von dem Erfinder Craig Huxley entworfenes Instrument, der „Blaster Beam“, benutzt, bei denen Klaviersaiten über einen 6m langen Aluminiumhohlkörper gespannt wurden. Die resultierenden Klänge wurden dann anschließend elektronisch verstärkt. Die resultierenden Töne sind tief und metallisch und haben vor allem keinerlei Ähnlichkeiten zu dem normalen Kinozuschauer bekannten Instrumenten – somit konnte eine „außerirdische“ Wirkung sehr effektiv erzielt werden. Die Wolkenmusik besticht damit vor allem eben durch die sehr gekonnte Instrumentierung und ein sehr ausgewogenes Maß zwischen Mystery- und Bedrohungsgefühl.
Spezielle Erwähnung verdient auch noch „The Meld“, dem Finale des Films, in denen Goldsmith mit Leichtigkeit alle dieser drei Themen in einem Track aufeinandertreffen lässt. Trotz der sehr unterschiedlichen Formen des thematischen Materials entwickelt sich der Cue ganz organisch aus dem vorhandenen Material.
Neben diesen drei Hauptmotiven verstecken sich auch noch einige Nebenmotive in der Partitur – das auffälligste davon sicher das für die Klingonen. Für die aggressive Alien-Rasse schuf Goldsmith ein im Verhältnis zum Enterprise-Thema deutlich wilderes Gegenstück. Wo das Hauptmotiv in weiten Melodiebögen erklingt, ist das Klingonenmotiv eher rhythmisch aufgebaut und besteht aus der mehrfachen Wiederholung eines Intervalls mit nur leichten Variationen gegen Ende der Phrase. Instrumentiert für Percussions und Flöten über Streichern, die eher dezent im Hintergrund arbeiten, ensteht so ein bisschen der Eindruck einer weniger entwickelten, aber kriegerischen Zivilisation. Goldsmith verwendete dieses Thema übrigens auch in seinen späteren Star Trek-Scores weiter – selbstverständlich natürlich aber auch das berühmte Hauptthema.
Columbia brachte 1998 eine erweiterte Fassung der Musik heraus – als Doppel-CD. Leider nutzte man jedoch die zweite Disc nicht, um den kompletten Score herauszubringen, sondern veröffentlichte auf der zweiten Disc Interviews mit Gene Roddenberry und Cast-Mitgliedern. Somit ist die zweite Disc eher ein Bonus für Trekkies, für den normalen Filmmusikinteressierten aber eher uninteressant, bis auf eine Aufnahme von Alexanders Courages Serien-Hauptmotiv.
Fazit: „Star Trek – The Motion Picture“ ist nicht nur wegen seines einmaligen Hauptthemas eine lohnenswerte Anschaffung. Goldsmith demonstriert in jedem Cue seine Fähigkeit, tolle Themen zu schreiben und wunderbar zu verarbeiten, und glänzt mit sehr stimmungsvollen impressionistischen Parts bei den Wolkenszenen. Die CD gehört somit in jede Sammlung.
Jan Boltze / 19.05.09
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