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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Star Trek: Nemesis (Jerry Goldsmith)

Varèse / 2002

CD

Bewertung:


    01. Remus (01:57)
    02. The Box (02:21)
    03. My Right Arm (01:04)
    04. Odds And Ends (04:39)
    05. Repairs (06:27)
    06. The Knife (03:10)
    07. Ideals (02:16)
    08. The Mirror (05:23)
    09. The Scorpion (02:24)
    10. Lateral Run (03:55)
    11. Engage (02:14)
    12. Final Fight (03:49)
    13. A New Friend (02:38)
    14. A New Ending (06:08)

    TT: 48 min

2002 erhielt die “Star Trek"-Filmreihe eine letzte Chance auf der großen Leinwand. Schon Jahre zuvor war der künstlerische Zenit der Saga überschritten, der dramaturgisch und filmisch äußerst bescheidene Vorgänger “Insurrection” spülte zudem weniger Geld in die Kassen als bis auf “The Final Frontier” alle Filme vor ihm. “Star Trek: Nemesis”, der zehnte Kinofilm der Serie, wurde also als letzter Rettungsanker produziert - floppte er, so schienen die Abenteuer auf der großen Leinwand für die Enterprise beendet. Nach dem Start im Dezember 2002 erfüllten sich diese Befürchtungen, heute ist “Nemesis” der mit Abstand umsatzschwächste Film der Reihe und bedeutete das Ende für die zweite Crew um Patrick Stewart im Kino. Erst sieben Jahre später wagte J.J. Abrams eine Wiederbelebung, doch mit größtmöglichem Abstand zu Optik, Charakteren, Inszenierungsstil und Geschichte. Sein “Star Trek” konnte die Reihe finanziell wieder auf Kurs bringen, er spielte allein in den USA bis dato knapp 250 Millionen Euro ein. Das ist mehr als doppelt soviel wie der zweite Platz ("The Voyage Home") und sechsmal so viel wie “Nemesis”.

Finanziell wurde “Star Trek” also 2002 zunächst beerdigt, doch filmisch gehört “Nemesis” eher zu den besseren Streifen der Reihe. Vor allem im Vergleich zum Vorgänger entspannt sich um den Gedanken, dass zu allen Figuren eine antithetische Gegenfigur existiert, ein recht spannende Geschichte. Im Zentrum steht ein Klon von Jean-Luc Picard (Stewart), der sich zum Prätor der Romulaner “hochgearbeitet” hat und vorgibt, mit der Föderation einen Friedensvertrag schließen zu wollen. Natürlich entpuppt sich Shinzon (Tom Hardy) als gerissener Emporkömmling, der Picard als Quelle genetischen Materials kidnappt. Die sehr düstere Geschichte ist angereichert mit metaphorischen Gedanken der Selbstreflexion, überdurchschnittlichen Dialogen und dem bewegenden Tod von Data (Brent Spiner). Dies hebt “Nemesis” sicher über viele seiner Vorgänger und verschafft der Reihe ein halbwegs versöhnliches Ende.
Mit an Bord des sinkenden Schiffes war ein letztes Mal Jerry Goldsmith, der damit den fünften Star-Trek-Film unterlegte. Mit “The First Contact” gelang ihm ein guter Wiedereinstieg in die Reihe, während ihn “Insurrection” zu blasser Routine inspirierte. Mit “Star Trek: Nemesis” lag Goldsmith schlussendlich genau in der Mitte dieser zwei Befunde. Der goldsmithsche Klangkosmos für die Sternensaga war zu diesem Zeitpunkt bereits hinlänglich bekannt und er verließ sich auf exakt diese orchestralen Bestandteile. So erklingen die Fanfare von Alexander Courage sowie das Enterprise-Theme von Goldsmith in gewohnten Instrumentationen, lassen aber breiten Raum für “neue” Musik. Diese setzt sich fast paritätisch aus Actionstandards und eher ruhigen, mit synthetischen Klangfarben spielenden Musikpassagen zusammen. Die Actionmusik ist vielleicht der große Schwachpunkt der Musik, denn obwohl sie enorm routiniert und damit effekt- und wirkungsvoll gerät (beispielsweise die schöne Kombination von Snaredrums, Streicherwirbeln und Posaunen in “The Scorpion"), verlässt sich sich Goldsmith doch zu stark auf ausgetretene Pfade der Actionvertonung. Mit den wuchtigen, ostentativen Percussionrhythmen von Pauken und großer Trommel und den darüber gelegten, kraftvollen Blechbläsermelodien, sind auch die dynamischen Titel in “Nemesis” im Prinzip Klone der Klingonen- und Borg-Themen. Recht Kräftig schimmern hier zusätzlich die “U.S. Marshalls” und sogar “The Mummy” respektive “The 13th Warrior” durch die Partitur. Zwar findet sich selbstredend kein archaisierendes Kolorit im Instrumentarium, die rhythmische Grundstruktur und die Hörnerlinie kommt den Historienabenteuern bedenklich nahe ("Remus" oder “Lateral Run"). Hier geht Goldsmith auf Nummer sicher, was im filmischen Kontext sicher nicht die schlechteste Wahl war. Gerade der genannte “Lateral Run” entwickelt trotz bekannter Ingridenzien einen beträchtlichen Drive.
Spannender sind die ruhiger und vielschichtiger angelegten Passagen der Musik. Hierbei setzt Goldsmith sehr prominent synthetische Klänge ein, allerdings deutlich mit anderer Schwerpunktsetzung als die vordergründige Effekte in “The Motion Picture”. Wie bereits im Eröffnungstitel “Remus” zu hören, kreiert er eine homogene, teil sphärisch teils fast impressionistisch anmutende Collage aus künstlichen und natürlichen Klängen. Das Orchester setzt dabei vor allem Streichinstrumente, Holzbläser und Percussions ein, der Synthesizer gibt eine Mischung aus schwebenden, perlenden und piependen Klängen von sich. Die Verbindung gelingt Goldsmith vielerorts äußerst spannend, da er die künstlichen Klänge als bereichende Klangfarbe einsetzt. In “The Box” paart er sie beispielsweise auch mit kräftigen Actionplateaus, welche dann um eine Facette reicher sind als in der “Standardausführung”.
Thematisch bietet Goldsmith keine überragenden neuen Ideen auf. Ein dem Klingonenthema verwandtes Motiv wird in “Remus” vorgestellt, das sehr wandelbar Einsatz sowohl in dramatisch-packenden Passagen als auch als introvertierte Untermalung findet. Eine schöne Ausführung entwirft Goldsmith für die End Credits, in denen er die Melodie nach allen Regeln der Kunst mit Oboensolo, wunderbar ausschwingenden Streichern und pastoralem Hornklang ausarbeitet. In dieser Ausführlichkeit taucht es im Kontext des eigentlichen Filmes nicht auf, erscheint aber sowohl als kräftige Blechfigur (mit Ähnlichkeiten gerade zu “The Mummy") als auch als feinsinnige Klangspielerei.

Fazit: Weder Top noch Flop für die letzte Episode in der langen Geschichte um Jerry Goldsmith und Star Trek. Der Score zu “Nemesis” enttäuscht in Teilen mit allzu standardisierter Action und einem eher risikoarmen Einsatz neuer Motive und Themen. Andererseits gelingen Goldsmith aber auch spannende, vielschichtige Kombinationen auch orchestralen und synthetischen Klängen. Die Verarbeitung der Motive ist wie immer bei Goldsmith erstklassig und so kann man auch musikalisch von einem versöhnlichen Ende der Reihe sprechen. Interessant ist nicht zuletzt, dass der Score bei Varèse Sarabande als SACD mit einer schön gemischten Multikanalspur erschienen ist.

Jan Titel / 14.06.09

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