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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Star Trek: First Contact (Jerry Goldsmith)

GNP Crescendo / 1996

CD

Bewertung:


    01. Main Title/Locutus (04:17)
    02. Red Alert (02:13)
    03. Temporal Wake (02:07)
    04. Welcome Aboard (02:40)
    05. Fully Functional (03:18)
    06. Retreat (03:59)
    07. Evacuate (02:19)
    08. 39.1 Degrees Celsius (04:44)
    09. The Dish (07:05)
    10. First Contact (05:52)
    11. End Credits (05:24)
    12. Magic Carpet Ride -- Steppenwolf (04:25)
    13. Ooby Dooby -- Roy Orbinson (02:22)

    TT: 50 min

Das Star Trek Phänomen blickt auf eine mittlerweile über vierzigjährige Geschichte in Form von Serie und Kinofilmen zurück. Dass dabei die Qualität der mehreren hundert TV-Episoden ebenso wie die der zehn Kinofilme nicht immer konstant bleiben konnte, erschließt sich retrospektiv ohne weiteres. So gab es insbesondere im Kino zwischen 1979 und 2002 heftige Qualitätsschwankungen, besonders dramaturgisch entwickelten sich die Filme teilweise hin zu aufgeblähten Fernsehfolgen. Offenkundig wurde auch, dass sich die Besetzung der zweiten Generation abzunutzen begann. J.J. Abrams startete die Reihe nach sieben Jahren nun konsequenterweise komplett neu. Doch auch unter den Filmen der Next Generation gibt es einige wenige, die es in die Annalen der Filmgeschichte geschafft haben. Allgemein als bester Film der mit “Generations” gestarteten Zweitbesetzung der Filmreihe anerkannt ist “Star Trek: The First Contact” aus dem Jahr 1996. Verglichen mit dem zwei Jahre später gestartetem Desaster “Insurrection” weist der achte Star-Trek-Film ein gerüttelt Maß an charakterlicher Differenziertheit, dramaturgisch geschicktem Aufbau und spannender Rahmenhandlung auf.

Der Film führt die Science-Fiction-Reihe an seine Ursprünge zurück, indem er den Kern der Handlung auf der Erde ansiedelt. Dieser überaus gelungene Schachzug spielt mit der Grundthese des Genres, dass erst im Vergleich mit einer gegenwärtigen Realität die Vision zur Vision wird. Der Übergang von einem dem Betrachter nachvollziehbarem Zustand, in diesem Fall eine Erde nach dem Dritten Weltkrieg im Jahr 2063, zu einem technologischen Neuland ist das eigentlich Spannende an dem Genre Science-Fiction. In den meisten literarischen oder cineastischen Zukunftsvisionen ist dieser Shift implizit eingebaut, doch “Star Trek: First Contact” stellt die Frage nach dem “Wie sind wir dorthin gekommen?” explizit. Der Film portraitiert die Restzivilisation auf unserem Heimatplaneten just zu jenem Zeitpunkt, als ein Dr. Zefram Cochrane den Warp-Antrieb erfindet. Dramatisch befeuert wird dies durch den Versuch der Borg, mittels einer Zeitreise den Lauf der Dinge an der entscheidenen Stelle zu ändern und den “ersten Kontakt” der Erdbevölkerung mit Außerirdischen zu verhindern. Die Crew der Enterprise nimmt nun ebenfalls die Spur von Cochrane auf uns versucht, den Kontakt unter allen Umständen eintreten zu lassen. Die eigene Gegenwart hängt von der Ermöglichung einer Vergangenheit ab - eine Frage existentieller Natur.

Unter Star-Trek-Fans gilt “First Contact” daher als einer der gelungensten Filme der Reihe, gemeinsam mit dem eleganten Opener “The Motion Picture” könnte er sich gar die Spitzenposition teilen. Im direkten Vergleich mit “Generations”, dem Debüt der neuen Crew, hat Regisseur Jonathan Frakes vor allem auf eine absolut kinotaugliche Handlung, Optik und Produktion wert gelegt. Für die Musik holte er ein weiteres Mal Jerry Goldsmith mit ins Boot, der nach dem ersten Film in der Zwischenzeit noch “The Final Frontier” (Nummer fünf) untermalt hatte. Bis zum Ende blieb Goldsmith der Reihe denn auch treu, was seinen Star-Trek-Klang als den Definitiven festigte.
Goldsmith hatte für den ersten Teil das Kunststück vollbracht, eine Fernsehserie mit bereits bekannter und gerühmter musikalischer Signatur auf die große Leinwand zu übertragen und ein eigenes Hauptthema zu ergänzen, dass organisch aus dem bekannten Material erwuchs. Obwohl es zeitlich nachgeordnet ist, ist Jerry Goldsmiths Thema für die Enterprise die bestimmende Melodie der Filmreihe geworden. Er erkannte das Potenzial der Fanfare, die Alexander Courage dem Thema für die Serie vorangestellt hatte, und richtete sein neue Signatur nach deren raumgreifenden Gestus aus. Für “Star Trek: First Contact” geht er einen ähnlichen Weg. Direkt im Anschluss an die Fanfare, die er diesmal als Opener direkt zitiert, spinnt er eine weitere Melodie, die gleichsam ins Ohr geht und sich musikalisch inzwischen völlig im Kosmos der Trekkies etabliert hat. Das Hauptthema für “First Contact” ist eine elegante, ausschwingende und einprägsame Melodie für Streicher. Die Melodie gewinnt ihre Faszination aus dem wohligen, fast hymnischen Charakter, der sich durch orchestratorische Variation langsam und stetig steigern lässt. Auch hier findet sich wie beim Thema aus dem ersten Kinofilm jene ausufernde Weite, jener ungetrübte Wohlklang, der das Optimistische und Visionäre des Science-Fiction-Genres ausmacht. Goldsmith garniert den vollen Streicherapparat dabei nur subtil mit pastoralen Holzbläsern und fügt erst später Blechbläser und Percussions hinzu. Was dem Titelthema aus “First Contact” fehlt, ist die Wandelbarkeit von Goldsmith’ erstem Thema. Er belässt es daher bei getragenen Variationen.

Abseits des wunderbaren Hauptthemas gestaltet sich die Musik zu “First Contact” auf ansprechendem Niveau routiniert. Goldsmith unterwirft sein Main Theme keinen extravaganten Variationen, sondern bindet es meist unverfälscht in die Musik ein. Diese teilt sich zu fast gleichen Teilen in Suspense- und Actionmusik auf. Dafür lässt Goldsmith die Streicher nervös anschwillen, die Blechbläser kraftvoll zustoßen und die Synthesizer atmosphärisch am Klang werkeln. Prägnantestes neues Motiv dabei ist eine kurze Phrase für die Borg. Sie erwächst zumeist organisch aus Suspensetiteln wie “Retreat” und wird von gedämpften Blechbläsern, zumeist Hörnern gespielt. Über rhythmische Steigerung schafft Goldsmith (und sein Sohn Joel) es, das Thema in aggressive Arrangements umzuformen. Das Instrumentarium ist dabei Goldsmith-Standard: Percussion-Schläge von Pauke, Trommel und Becken, ostentatives Stampfen des Bleches, eine zweite Phrase durch Posaunen darüber und minimalistische, stark rhythmusgetriebene Figuren der Streicher. Deutlich wird beispielsweise in “Evacuate”, wie gerne Goldsmith eine einzelne Instrumentengruppe gegen den Marschrhythmus aller anderen Spieler melodisch arbeiten lässt.
Immer wieder verbindet Goldsmith das Borg-Motiv (das ironischerweise in seinem dunkel-unbestimmten Gestus dem neuen Star-Trek-Titelthema von Michael Giacchino ähnlich ist) mit dem aus dem ersten Teil bekannten Klingonenmotiv. Dieses benutzt er in fast allen nachfolgenden Filmen als allgemeinverbindliches Actionmotiv im Star-Trek-Kosmos. Das solide Einbinden von alten Bekannten, wie auch dem “Enterprise"-Thema im Abspann unterstreicht die Stellung der Musik von “First Contact” als routinierte und souveräne Weiterentwicklung der goldsmith’schen Klanglinie für “Star Trek”. Die Musik wirkt in sich stimmig, besitzt ein großartiges neues Titelthema und geht darüber hinaus kein weiteres Risiko ein. Im Kanon aller Star-Trek-Scores bleibt damit eine Position im oberen Drittel, jedoch mit gehörigem Abstand zum überragenden Erstling “The Motion Picture”.

Jan Titel / 21.05.09

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