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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Star Trek (Michael Giacchino)

Varèse / 2009

CD

Bewertung:


    01. Star Trek (01:03)
    02. Nailin' the Kelvin (02:09)
    03. Labor of Love (02:51)
    04. Hella Bar Talk (01:55)
    05. Enterprising Young Men (02:39)
    06. Nero Sighted (03:23)
    07. Nice to Meld You (03:13)
    08. Run and Shoot Offense (02:04)
    09. Does It Still McFly? (02:03)
    10. Nero Death Experience (05:38)
    11. Nero Fiddles, Narada Burns (02:34)
    12. Back from Black (00:59)
    13. That New Car Smell (04:46)
    14. To Boldly Go (00:26)
    15. End Credits (09:11)

    TT: 45 min

“Back to the roots” - so lautet eines der zur Zeit erfolgreichsten Konzepte Hollywoods für die Produktion massentauglicher Kassenschlager. Dass dieses “zurück zu den Wurzeln“ zwei Dimensionen haben kann, geht in den Budgetorgie der “… Returns” und “… Begins” Streifen völlig unter. Zunächst ist es vorstellbar, dass einer künstlerisch und kommerziell abgegrasten Filmreihe neues Leben eingehaucht wird, indem sie wieder zu der Ästhetik und der Erzählweise ihres Ursprungs zurück kommt. Da auf diese Weise aus “Batman” oder “Superman” zumindest in den Augen der Produzenten kaum Kassenschlager werden, herrscht eine zweite Herangehensweise vor: Mit hohem Materialeinsatz und einer entsprechend modernen Ästhetik werden Episoden aus dem Leben der bekannten Protagonisten erzählt, die vor dem bisher bekannten liegen. Die dabei entstehenden Geschichten drehen sich zumeist darum, wie die Leinwandhelden zu dem geworden sind, wie sie uns bekannt sind. Dies erleichtert die Strukturierung des Plots und zieht die Massen in die Lichtspielhäuser.

Nun ist auch die “Star Trek” Filmreihe Adressat dieser Strategie geworden. Nach zehn Kinofilmen hatte sich der Kosmos um die zwei Crews der Enterprise dramaturgisch und charakterlich erschöpft. Die beiden letzten Teile “Insurrection” und “Nemesis” rangieren zudem auf den Plätzen 8 und 10 in Bezug auf die Einspielergebnisse an den amerikanischen Box Offices. Weder künstlerisch noch finanziell war die Kinoserie also noch lukrativ und eine elfte Auflage hätte sie wohl kaum überlebt. Die produzierenden Paramount Studios setzten also auf einen radikalen Neubeginn nach dem mittlerweile bewährten Schema. Kultregisseur J.J. Abrams ("Lost") führte Regie bei der Spurensuche an den Wurzeln des Mythos. Er besetze den Film mit weitgehend unbekannten Darstellern, die die jugendlichen Ebenbilder von Kirk und Spock darstellen. Die Optik und Erzählweise wiederum ist hochmodern und packend - “back to the roots” ist “Star Trek” also ebenfalls nur in Bezug auf den Lebensabschnitt der Protagonisten.
Komponist Michael Giacchino, der als Hauskomponist von Abrams gilt (obgleich er selbst bestreitet, das dies ein Automatismus ist), kam also die reizvolle und anspruchsvolle Aufgabe zu, den Beginn der mythischen Enterprise-Crew neu zu erfinden. Damit tritt er in die großen Fußstapfen von Jerry Goldsmith und James Horner, vor allem aber von Gene Rodenberry und Alexander Courage. Der neue Film ist handlungstechnisch deutlich näher an der Fernsehserie, die in den 60er Jahren im US-Fernsehen lief, als an den Star-Trek-Filmen. Giacchino ignorierte daher konsequenterweise jegliches melodische Material von Goldsmith bis Rosenman und stützte sich lediglich auf Fanfare und Thema zur Serie von Courage. Den Großteil der Musik bestreitet er komplett ohne Bezug zu bekannten Star-Trek-Themen, um zu verdeutlichen, dass diese Geschichte vor allem bekannten steht. Sein Score nähert sich aus demselben Grund auch stilistisch keinem Vorgänger an, so dass bekanntes Star-Trek-Feeling lange außen vor bleibt.

Der actionreichen Handlung folgend bietet Giacchinos “Star Trek” Score vor allem kraft- und tempogeladene Cues. Er arbeitet dabei sehr geradlinig und konventionell mit einem großen Orchester nebst Chor. Kern seiner Neuschöpfung ist ein einfaches Hauptthema, das auf den ersten Blick jene ausufernde Eleganz oder jenen Verve vermissen lässt, der bei Goldsmith und Horner zu spüren war. Die kurze Phrase weckt eher melancholische Gefühle und ist auch in pompös arrangierten Varianten eher zurückhaltend. Dass sie sich hingegen gut wiederholen und dabei über die Instrumentation entwickeln lässt, passt zum eher auf Fernsehserien orientierten Themenmaterial des Films. Sehr anschaulich ist diese kleine Evolution im Titel “Hella Bar Talk”, bei dem die Melodie aus einer introvertierten Streicher- und Oboenphrase zum militaristisch mit Snare-Drums aufgebohrtem Blechstatement erwächst. Melodische und harmonische Variationen sind mit dem neuen Thema aber selten, sodass jede Adaption lediglich über die Instrumentierung geschieht. Dies verstärkt den Eindruck, dass das Hauptthema die Komposition zu stark dominiert. Ob es als Melodie beim Hörer zündet, ist letztlich freilich Geschmackssache.
Entlang des Main Themes dominieren robuste Actiontableaus die Musik. Im Gegensatz zu von Giacchino bekannten gelungenen Actionpassagen in “The Incredibles” oder “Lost” kommen die Cues in “Star Trek” aber nur selten über ein solides Level hinaus. Giacchino vertraut eher groben, einfachen und daher zwar markanten aber wenig feingliedrigen Arrangements. Häufig sind Wiederholungen, simple Ostinati oder schlichte Steigerungen der Instrumentenstärke das bestimmende dramaturgische Mittel, wodurch der kompletten Actionmusik eine gewisse Leblosigkeit und Einfallslosigkeit anhaftet. Deutlich wird es vor allem im Titel “Enterprising Young Men”, der aus vielen aneinander gereihten und schemenhaften Arrangementblöcken besteht. Eine streicherbetonte Variation des Hauptthemas geht unvermittelt über in ein Blechbläserstakkato, das wiederrum von einem Donnergrollen der Pauken und einem weiteren Blecheinsatz mit dem Hauptthema übergeht. Giacchino deutet dabei immer lediglich an, dass er zu pfiffigen Arrangements in der Lage ist. Eingelöst werden diese Versprechen jedoch im Rahmen der “Star Trek” Musik kaum. Beispielhaft für die mangelnde Rafinesse ist der Choreinsatz in der zweiten Hälfte der Musik. Er bietet kaum mehr als eine weitere Potenzierung der musikalischen Mittel ohne eine weitere Idee, diese Mittel kreativ zu verwenden.
Abwechslung bieten am Ende zwei Dinge: Erstens unterlegt Giacchino einige Passagen mit dem Vulkanier Spock mit dem chinesischen Erhu und zweitens bringt die Fanfare und das Thema der Fernsehserie in den beiden abschließenden Titeln der CD jene Seele ins Spiel, die der vorangegangenen Musik größtenteils abgeht. Das Erhu ist mit seinem synthetisch verfremdeten Klang (Giacchino lässt es dadurch extrem sphärisch klingen) eine willkommene Abwechslung und bietet sicherlich eine interessante klangliche Perspektive für den Charakter Spock. Die End Credits, in denen Giacchino sein Thema und einige unbedeutende Seitenmotive etwa für den Bösewicht Nero zusammen mit Courages Beitrag verschmilzt, beschließen den Film und die CD aber letztendlich versöhnlich. Das unterhaltsame Chor-Arrangement des Serien-Themas zeugt von der Fähigkeit Giacchinos, mit bereits vorhandenem Material virtuos zu arbeiten.

Leider ist im dies über die gesamte Länge der Musik nicht gelungen und so ist “Star Trek” zwar eine solide und an und für sich achtbare Actionmusik, wird den hohen Erwartungen aber dennoch nicht gerecht. Zu profan gestaltet Giacchino den Großteil des Scores, zu wenig Pfiff investiert er in thematische Verarbeitung. Dass er genau dies besser kann, hat er mehrfach bewiesen. Einmal mehr kann eine Filmfortsetzung Marke “back to the roots” musikalisch nicht die Erwartungen erfüllen, die in sie gesetzt wurden.

Jan Zwilling / 27.05.09

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