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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Standard Operating Procedure (Danny Elfman)

Varese / 2008

CD

Bewertung:


    01. S.O.P. Theme #1: Standard Operating Procedure (5:56)
    02. The Infamous Pyramid (3:48)
    03. Photos (2:56)
    04. The Shooter (3:26)
    05. Dogs (3:42)
    06. The Wolf (1:11)
    07. Saddam’s Egg (3:30)
    08. Main Titles: Vacation in Iraq* (2:07)
    09. S.O.P. Theme #2: Amnesty (1:33)
    10. What Is Going On Here? (2:32)
    11. Gilligan (3:02)
    12. Story of the Ants (3:36)
    13. The Table Breaker (1:01)
    14. S.O.P. Theme #3: Feelings & Facts (5:26)
    15. Unusual, Weird & Wrong (2:32)
    16. A Bad Feeling* (2:22)
    17. Birdies (1:38)
    18. S.O.P. End Credits (1:26)
    19. Oli’s Lullaby (2:00)

    TT: 54 min

Als Bilder aus dem irakischen Abu-Ghraib-Gefängnis vor einigen Jahren an die Öffentlichkeit gelangten, war der Skandal groß. In diesem Gefängnis hatte Saddam Hussein jahrelang politische Gefangene einsperren, foltern und hinrichten ließ. Pikant an den Fotos war allerdings, dass zu dem Zeitpunkt, als die Bilder entstanden, der Irak schon lange von US-amerikanischen Truppen eingenommen war und Abu Ghraib mittlerweile ein Militärstützpunkt der Invasoren war. Den Gefängniskomplex benutzte man gerne weiter. Das Image des Befreiers vom Übeltäter Saddam Hussein war für Präsident Bush damit erst mal weg.

Dokumentarfilmer Errol Morris (für seinen vorherigen Film „The Fog of War“ mit dem Oscar ausgezeichnet), packte dieses heiße Eisen an - mit künstlerisch sehr großen Erfolg, wenn man den Kritiken und den Auszeichnungen vertrauen kann. „Standard Operating Procedure“ oder kurz „S.O.P.“ lief im Wettbewerb der Berlinale und war als erster Dokumentarfilm überhaupt dort mit einem Preis ausgezeichnet worden, dem Große Preis der Jury. Es ist beeindruckend zu lesen, wen Morris für den Film vor die Kamera bekommen hat. Mehrere der damaligen Täter sprechen offen über die Taten, unter anderem sogar die stark durch den Medienzirkus geschleifte Soldatin Lynndie England. Das sich sogar Frauen an diesen Folteraktionen beteiligt haben, war für die Öffentlichkeit damals wohl besonders schockierend.
Mit Hilfe des brillanten Hollywood-Kameramanns Robert Richardson hat Morris dann auch einige Szenen nachgestellt, mit enormer visueller Qualität, wie man sie von Richardson erwarten darf.

Bei der Musik überraschte Morris mit der Wahl seines Komponisten – denn nahezu alle seiner Dokumentarfilme fürs Kino wurden vom berühmten Mitbegründer der Minimal Music, Philip Glass, geschrieben. Doch für „S.O.P.“ heuerte Morris Danny Elfman an, der allerdings Philip Glass, neben einigen anderen, auch zu seinen größten Einflüssen zählt, wie man im Booklet seines Konzertwerks „Serenada Schizophrana“ nachlesen kann. Und so überrascht es nur bedingt, dass der Eröffnungstrack mit seiner Kombination aus langsam wogenden Streichern und Klavierakkorden zuerst ein Stück weit an „The Hours“ erinnert. Im Gegensatz zum oscarnominierten Score von Glass fügt Elfman hier allerdings weitere Teile des Orchesterapparats, vor allem Holzbläser und ein Glockenspiel, hinzu und arbeitet mit etwas mehr Variationen, so dass der Eindruck nicht ganz so repetitiv erscheint wie beim berühmten Vorbild.

Das Glockenspiel taucht auch noch in weiteren Teilen der Partitur auf- der Eindruck eines kohärenten Gesamtwerkes entsteht bei dieser Partitur sowieso eher durch die Instrumentierung und die Stilismen Elfmans als durch eine Verarbeitung motivischer Kerngedanken. Zwar erscheint das „S.O.P. Theme“ insgesamt dreimal auf der CD, ist dabei aber weitestgehend harmonisch unverändert und eher durch Tempo und den Wechsel in eine andere Orchestergruppe variiert. Alle anderen wiederkehrenden musikalischen Ideen sind bestenfalls unscheinbar.

Ein Markenzeichen Elfmans ist die gekonnte Kombination aus elektronischen und orchestralen Elementen. Ein Cue in dem dies recht ansprechend gelungen ist, ist zum Beispiel „Dogs“. Xylophon, elektronische Beats und der gesampelte Sound einer E-Gitarre ergeben hier den „Minimal Music“-Puls, über den sich eine rhythmisch interessant akzentuierte Streicherfigur entwickelt. Neben den Einflüssen bei Glass hat Elfman auch ein bisschen bei sich selber abgeschrieben – so sind zwei Tracks von seinem Konzertwerk „Serenada Schizophrana“ adaptiert worden. Der erste Cue, in dem das der Fall ist (die Main Title-Sequenz) ist dann letzten Endes auch das Highlight der ganzen CD, aber vom Original kaum zu unterscheiden. Soundtrackfans, die also schon die Serenada Schizophrana zu Hause im Regal stehen haben, dürften hier deutlich weniger beeindruckt sein als die „Ersthörer.“ Dieser Titel besticht durch einen knackigen Rhythmus und einem interessanten Klavierpart.

Nach dem sehr enttäuschenden „The Kingdom“ hat Elfman hier (fast) zu alter Form zurückgefunden. Um zu einem uneingeschränkt empfehlenswerten Score zu werden, fehlt es ein bisschen an Abwechslung und prägnanterer motivischer Arbeit, auch gerade was die Variationen angeht. So bleibt eine Ansammlung von stimmungsvollen Einzeltracks, die für sich genommen auch gut anhörbar sind – in der Gesamtheit hat die CD aber ein paar Durchhänger, zu mal die meisten Cues auch alle eine ähnlich schwermütige Stimmung erzeugen. Dies lag sicherlich in der Absicht der Filmemacher und des Komponisten, verhindert aber ein durchgehend spannendes Höralbum. 

Jan Boltze / 29.05.08

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