[ Sie sind zur Zeit nicht eingeloggt. ] [ Registrieren oder Einloggen im Kontrollzentrum ]

Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Speed Racer (Michael Giacchino)

Varese / 2008

CD

Bewertung:


    01. I Am Speed (00:37)
    02. World’s Best Autopia (01:15)
    03. Thunderhead (03:07)
    04. Tragic Story of Rex Racer (04:49)
    05. Vroom and Board (03:38)
    06. World’s Worst Road Rage (02:41)
    07. Racing’s In Our Blood (01:52)
    08. True Heart of Racing (04:05)
    09. Casa Cristo (04:02)
    10. End of the First Leg (02:20)
    11. Taejo Turns Trixie (01:37)
    12. Bumper to Bumper, Rail to Rail (03:07)
    13. The Maltese Ice Cave (02:04)
    14. Go Speed, Go! (01:24)
    15. He Ain’t Heavy (01:45)
    16. 32 Hours (03:49)
    17. Grand Ol’ Prix (06:13)
    18. Reboot (03:08)
    19. Let Us Drink Milk (04:33)
    20. Speed Racer (04:21)

    TT: 60 min

“Meine Leidenschaft ist die Evolution des Kinos, nicht die Entwicklung von Spezialeffekten.” Visual-Effects-Designer John Gaeta nimmt in einem Interview für den neuen Film der Brüder Larry und Andy Wachowski große Worte in den Mund. “Für ‘Speed Racer’ haben wir etwas entwickelt, das wir ‘Photo Anime’ nennen und das wird vielleicht eines Tages als genauso revolutionär angesehen, wie die Pioniertechnik, die wir für ‘Matrix’ verwendet haben.” Tatsächlich gelang dem Team mit der düsteren Science-Fiction 1999 ein gewaltiger Schritt in der Entwicklung von Effekten wie Sehgewohnheiten, doch ob Gaeta ein ebensolcher Meilenstein mit dem jüngsten Film gelingen wird, ist fraglich. Die in quietschbunte CGI-Bilder getauchte Geschichte um einen jungen Rennfahrer, der seinen Sport als Protest gegen eine von großen Konzernen dominierte, entmenschlichte Welt ausübt, floppte am Startwochenende. Ob es nun die antikapitalistischen Tendenzen der Handlung oder die Diskrepanz zwischen Geschichte und Optik ist, der Versuch einer Revolution erweist sich wieder einmal als Risiko in der stark auf Trends ausgerichteten Filmwelt.

Für die Musik der 120-Millionen-Dollar-Produktion setzten die Wachowski-Brüder ebenfalls auf Erneuerung. Nachdem Don Davis ihren Durchbruch “Matrix” und das Erstlingswerk „Bound“ untermalte, durfte für den von ihnen produzierten “V for Vendetta” der aufstrebende Dario Marianelli ans Pult und für “Speed Racer” sicherten sie sich mit Michael Giacchino wieder einen der hoffnungsvollen frischen Köpfe der Branche. Für den Amerikaner, der in diesem Jahr erst vierzig Jahre alt wird, dürfte die Vertonung ungeachtet des Erfolgs des Films ein weiterer großer Schritt auf der Karriereleiter sein, die er mit “Ratatouille” nicht zuletzt durch der Oscarnominierung kräftig in Schwung gebracht hat. Neben seinem Standbein im Fernsehen mit “Lost” etabliert er sich in rasender Geschwindigkeit im Kino.
Rasende Geschwindigkeit ist auch das Stichwort für die Musik von “Speed Racer”. Der Film erfordert vor allem eine Untermalung der unzähligen Rennszenen und weniger eine ausgefeilte Charakterisierung, weshalb Giacchino folgerichtig einen vor allem durch Rhythmus und wechselnde Orchestrationen bestimmten Ansatz wählte. Ein durch ein bigbandartiges Bläserensemble sowie einige Percussions aufgepepptes Orchester ist dabei ähnlich wie bei “The Incredibles” oder Teilen von “Ratatouille” die Grundlage, wobei im Gegensatz zu letzterem die Variantenvielfalt bei der Instrumentation deutlich enger gesteckt ist. Nur vereinzelt kommen jene enorm farbigen, spielerischen Kleinode der Orchestrationskunst zur Geltung, ein Fakt der sicherlich auch dem stilistisch geradlinigeren und dramaturgisch simpleren Film geschuldet ist. Als spannendstes Element bietet Giacchino zum Ende der Vertonung einen großen Chor auf, um die Dramatik des Showdowns episch zu überhöhen.

Diesem Pfad folgend bietet sich im Laufe der vollen Stunde Musik auf der CD ein durch viele Actionszenen und ihre Vertonung dominiertes Bild. Giacchino gibt sich alle Mühe, mit dieser gleichförmigen Anforderung kreativ umzugehen und wirft seine inzwischen weit gereiften Orchestrationsfähigkeiten in die Wagschale. So ist sein Panorama an “Speed Racer” Musiktiteln recht abwechslungsreich und bietet alle gängigen Stilmittel in hervorragender technischer Güte. Irrsinnig schnelle Streicherwirbel, relativ ausgefeilte Rhythmik, nette Einsätze von Xylophon, elektrischem Bass und vor allem das dynamische Spiel der Blechbläser. Einmal wallen die Harfen, andernorts gibt es pizzicato der Violinen oder einen hörenswerten Percussioneffekt. Ähnlichkeiten zu älteren Scores von ihm sind dabei unvermeidbar, so lugt Remy die Ratte in “Thunderbirds” kräftig um die Ecke.
Die(s) alles ist ein angenehmes Konzept für die Untermalung, doch an konkreten Ideen mangelt es leider. Einzelne Elemente wie die tragische Frauenstimme in “Tragic Story Of Rex Racer” oder die an John Barry angelehnten Streicher in “Racing’s In Our Blood” überzeugen nicht unbedingt und auch thematisch bleibt die Musik einiges schuldig. Es gibt zwar zwei halbwegs einprägsame Themen und ebenso viele Seitenmotive, doch eine gelungene thematische Durchdringung hört sich anders an. Auch ruhige Momente sin rar und recht einfach umgesetzt. Dass “Speed Racer” am Ende doch einen mehr als ordentlichen Eindruck hinterlässt, liegt an dem Drive den die Musik in der zweiten Hälfte aufnimmt und dem nicht unbeträchtlichen Spaßfaktor, wenn der Chor ab “Casa Christo” ins Geschehen eingreift. Hier lässt Giacchino die Muskeln seines Klangkörpers spielen und schafft eine Steigerung der bis dato recht gleichförmigen Musik. Dabei lässt er sich kurzzeitig von Don Davis in der Blechbläserbehandlung inspirieren, was ebenfalls die Wucht zu steigern vermag. Dies kann die leichten Schwächen der Musik nicht überdecken, lenkt aber den Blick auf die besten Anteile der Musik - die gelungene Umsetzung von “Speed” (besonders im “Grand Ol’ Prix") und die sehr gereifte Orchestration. Der abschließende Song, der die Zeilen “Go Speed Racer Go” im orchestralen Gewand des Scores präsentiert, ist hingegen sehr gewöhnungsbedürftig.

Fazit: Ein Giacchino auf Speed ist nicht das schlechteste, das dem Scorefan passieren kann - aber ebenso wenig die Evolution des Kinos, die John Gaeta vollmundig postuliert. Ein sehr solides Handwerk und viel Tempo trifft auf wenig spannende Dramaturgie und Themenbehandlung. Ist man darauf vorbereitet, kann “Speed Racer” auf der Zielgeraden sehr viel Spaß machen und hat daher eine Empfehlung eindeutig verdient.

Jan Zwilling / 19.05.08

Nutzer-Kommentare anzeigen

Zu diesem Beitrag existieren aktuell 0 Nutzer-Kommentare. Letzter Kommentar: - .

» Alle Kommentare anzeigen

Nutzer-Kommentar hinzufügen

Um Nutzer-Kommentare zu erstellen, müssen Sie eingeloggt sein. Klicken sie auf Kontrollzentrum, um sich einzuloggen oder einen Account zu erstellen.