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Kritiken

Soylent Green / Demon Seed (Fred Myrow / Jerry Fielding)

FSM / 2003

CD

Bewertung:


    Soylent Green

    01. Prologue/Opening City Music (04:20)
    02. Can I Do Something for You? (01:47)
    03. Out for a Walk/Nothing Like This/Assassin Approaches/Necessary to Good/New Tenant (05:29)
    04. Stalking the Pad (01:41)
    05. Tab's Pad/Furniture Party (03:43)
    06. Shirl and Thorn (02:08)
    07. Home Lobby Source (02:58)
    08. Sol's Music (06:29)
    09. Symphony Music (06:17)
    10. Infernal Machine/Thorn in Danger/Are You with Us?/Alternate City Opening/End Credits (05:13)

    Demon Seed

    11. Birth Scene/Speaking Room/Elk Herd (03:17)
    12. Proteus Requests/Light On/Your Phone is Out (08:24)
    13. Visiting Hours/Probed and Put to Bed (03:24)
    14. The Gaz Chamber/Rape of the Earth/How?/Hypnosis/Chimes (08:23)
    15. Pre-Trip/Big Wind/Sperm/Spirograph/Tetra Waltz (07:18)
    16. Last Voyage (02:35)
    17. Closing Crawl (02:03)
    18. End Credits (03:59)

    TT: 78 min

Lukas Kendall veröffentlichte 2003 auf seinem Label FSM zwei Soundtracks aus Filmen des Regisseurs Richard Fleischer. Auf der CD Vol.6 No.8 sind zu hören „Soylent Green“ des Komponisten, Dirigenten und Arrangeurs Fred Myrow (1939-1999) sowie „Demon Seed“ von Peckinpah- Freund und Kollaborateur Jerry Fielding (1922-1980).
Von diesen beiden Werken dürfte der dystopische Science Fiction-Film „Soylent Green“ am bekanntesten sein. Der mit Charlton Heston und Edward G. Robinson prominent besetzte Streifen beschäftigt sich mit den Themen Überbevölkerung (2022 zählt New York 40 Millionen Einwohner), Umweltverschmutzung und globaler Erwärmung - aufgrund letzterer Thematik dürfte der Film heute wieder recht aktuell sein. Soylent Green ist dabei die künstlich hergestellte Nahrung, die von einem den Lebensmittelmarkt kontrollierenden Unternehmen hergestellt wird, das in ein Mordkomplott verstrickt ist.

Fleischer verpflichtete seinen Freund Fred Myrow, die Musik zu schreiben. Der in Brooklyn geborene Myrow studierte erst an der USC, ehe er für drei Jahre die Santa Cecilia Akademie in Rom besuchte, von den Fromm, Guggenheim und Rockefeller Foundations unterstützt wurde und ein Jahr mit dem legendären Leonard Bernstein arbeitete. Zudem kooperierte Myrow mit Jim Morrison („The Doors“) an einer nie aufgeführten Rock Oper, verdiente sich sein Geld auch als Lehrer, Dirigent und auch als Komponist für knapp zwei Dutzend Filme. „Soylent Green“ ist von diesen zweifellos der bekannteste.
Myrows Partitur für den Katastrophenfilm orientiert sich sehr stark am Jazz, weist aber auch dezente Einflüsse von Folklore und Rockmusik der 70er Jahre auf, teils verschmolzen mit sinfonischer Musik. Der „Main Title“ ist gleich das beste Beispiel und der gelungenste Track des Soundtracks. In der Filmmusikgeschichte wohl einmalig komponierte Myrow ein Stück, welches musikalisch die Wandlung der futuristischen Stadt New York als eine Art Montage beschreibt. Und so wie die Montage sich im Vorspann des Films verändert, verändert sich Myrows Musik, die mit Jazz-Akkorden und dezentem Folk beginnt, um bald überzugehen in rockmusik-typische Percussion, verschmolzen mit Jazz, während im Hintergrund Streicher ein so genanntes „sinfonisches Overlay“ spielen. Ein pulsierendes Stück Musik, das nicht nur Spaß macht, sondern in seiner Verschmelzung verschiedenster Musikstile hochkomplex ist.
Myrow machte sich zudem Gedanken, wie die Musik der Zukunft klingen könnte - ähnlich wie Jerry Goldsmiths „Logan’s Run“ klingen eben diese Teile jedoch mittlerweile recht antiquiert. Bei Myrow sind es jazzig-funkige Fantasien, teilweise finden hier unter anderem eine elektrische Violine und Synthesizer Verwendung, um eine Lounge Musik der Zukunft zu kreieren, bei der Dissonanzen nicht vermieden werden. Diese Art von jazziger, teils leicht funkiger Lounge Musik macht den Großteil der Filmmusik aus, und obwohl Myrow recht interessante Klangfarben durch z.B. ungewöhnliche Besetzung (Schlagzeug, Harfe, Oboe) erzeugt, kann dies nicht verhindern, dass die Musik an einigen Stellen durchhängt und eher ermüdend wirkt. Zugabe ist hier die „Symphony Music“, dirigiert von Gerald Fried, die nicht von Fred Myrow, sondern von Tchaikovsky, Grieg und Beethoven stammt und für eine der wichtigsten Szenen des Films - Sol’s Sterbehilfe - mit einem 50 Mann Orchester eingespielt wurde.

Der zweite Film, „Demon Seed“, dürfte weniger bekannt sein und ist nur selten im Nachtprogramm der Öffentlich-Rechtlichen zu finden. Julie Christie spielt in diesem recht gelungenen Science Fiction Film die Frau des Erfinders Harris, der einen allwissenden Supercomputer baut, welcher bald die Kontrolle über Harris’ Haus und dessen Frau übernimmt. Der Plan, den Computer „Proteus“ verfolgt, ist die Fortpflanzung - mit der gefangen genommenen Frau seines Erfinders.
Jerry Fielding hat im 2008 durch diverse Veröffentlichungen des Labels Intrada eine Art Revival erlebt: durch strenge Limitierungen waren Filmmusiken wie „The Nightcomers“, „Chato’s Land“ oder „The Mechanic“ schnell ausverkauft und sind jetzt nur noch zu hohen Preisen auf diversen Internetseiten zu erwerben. Komponist Fielding stand in den 50er Jahren auf der Grauen Liste des berüchtigten Senators McCarthy, sodass er zu dieser Zeit kaum Arbeit fand. Als diese Zeit der McCarthy Ära vorbei war, holte Fielding all das nach, was er verpasst hatte und nahm jeden Auftrag, den er bekommen konnte, dankend an. Seine Arbeitswut wurde ihm jedoch bald zum Verhängnis: im Alter von nur 58 Jahren verstarb der talentierte, experimentierfreudige Tonschöpfer an einem Herzinfarkt.

Seine Filmmusik zu „Demon Seed“ ist einmalig in seiner Diskographie und eine der ungewöhnlichsten Soundtracks, die jemals entstanden. Fielding setzte sich hierfür mit der „musique concréte“ auseinander, eine Lehre, die von der These ausgeht, dass jedes Geräusch Musik ist. Diese Filmmusik ist stark an den einflussreichen Vertreter Karlheinz Stockhausen angelehnt, der bereits Ende der 50er Jahre mit elektronischen Geräten experimentierte. Dasselbe Konzept wählte Fielding und bemerkenswert ist hieran, dass seine Musik immer noch überraschend frisch und keinesfalls veraltet klingt. Die sinfonischen Teile, sehr sparsam und nur - bis auf Ausname der „End Credits“ - im Zusammenspiel mit Elektronik eingesetzt, wurden an nur zwei Tagen im Februar und März 1977 aufgenommen. Eine Untermalung, die größtenteils für den Hörer eher Sounddesign ist als Musik. Fielding experimentierte zudem mit alltäglichen Gegenständen wie zum Beispiel Nägeln, Gongs oder der menschlichen Stimme, deren Ächzen und Stöhnen das Gefühl eines abstrakten Entfremdetseins hervorrufen. Die orchestralen Teile sind nicht weniger experimentierfreudig und präsentieren sich stark expressionistisch bis avantgardistisch mit Streicherclustern, Glissandi oder tiefem Rollen und Brummen. Fieldings abgehacktes Motiv für Proteus’ Manipulation des Hauses ist zudem stark an Strawinsky angelehnt, während die „End Credits“ von Lutoslawskis „Konzert für Orchester“ inspiriert sind. Kongeniales Highlight der Musik ist Track 15 mit der „Sperm“ Sequenz, der Szene im Film, in der Julie Christie vom Computer Proteus geschwängert wird: Fieldings herbe, abstrakte und kalte Musik spielt mit sexuellen Konnotationen der Sounds, so beschreibt er die Spermien mit klopfenden Synthesizer- Effekten und Crescendi.
„Demon Seed“ ist eine extrem anspruchsvolle, sehr experimentelle Filmmusik, die vom Hörer viel abverlangen mag, aber bei der eine Beschäftigung mit den Klangwelten sehr lohnend ist. Fieldings Konzept und Herangehensweise an die Thematik des Films sowie die Umsetzung und das Einsetzen von Elektronik in Hinsicht auf die „musique concréte“, der polyrhythmischen, komplexen Orchestermusik ist hochinteressant, hervorragend ausgeführt und ein Paradebeispiel für eine experimentelle, ungewöhnliche Filmmusik, welche die Musik des 20. Jahrhunderts perfekt für sich zu nutzen wusste.

Wertungsmäßig wären für den Fred Myrow 3,5 Sterne, für den Fielding glatte 5,5 angemessen, was einer Endwertung von 4,5 entspräche. Für die vorzügliche Edition mit sehr informativem, reich bebilderten Booklet gibt es jedoch noch einen halben Bonusstern.

Stephan Eicke / 26.10.09

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