Kritiken
Soul Surfer (Marco Beltrami)
Madison Gate / 2011
Bewertung:

Marco Beltrami ist nicht zu stoppen. Jahr für Jahr arbeitet er engagiert und konzentriert an größeren und kleineren Stoffen in der Traumfabrik Hollywoods und stellt die vermeintliche Komponistenelite ein ums andere Mal in den Schatten. Dass er trotz einiger vielversprechender Aufträge und Kassenerfolge nie den Sprung zu einem A-List-Komponisten geschafft hat, ist unter diesen Umständen wenig bedauerlich – kaum ein anderer Tonsetzer setzt sich schließlich mit „kleineren“ Filmen und ihren Vertonungsmöglichkeiten so gewissenhaft auseinander, dass Perlen wie „The Three Burials Of Melquiades Estrada“ oder „In The Electric Mist“ entstehen. Technische Brillanz und der Ehrgeiz, alle kulturellen und dramaturgischen Fäden der Geschichte aufzunehmen und zu einem dichten Teppich zu verweben, sind die Zauberwörter.
„Soul Surfer“ ist das jüngste Kapitel dieser Erfolgsgeschichte. Der Film handelt von einer talentierten Profi-Surferin aus Hawaii, die von einem Hai attackiert wird und dabei schwere Verletzungen davon trägt. Die Frage, ob sie ohne einen Arm wieder ihrem Lebenstraum nachgehen kann, ist zentraler Kristallisationspunkt der Handlung, die sowohl dramatische, als auch exotische, actionreiche und spannungsgeladene Momente bietet. Für Beltrami bot sich die Möglichkeit, umfangreiche Recherchen zu traditioneller hawaiianischer Musik anzustellen und sie zu einem wichtigen Pfeiler seines Scores zu machen. Hawaiinische Musik manifestiert sich vor allem in „Hulas“ genannten Sprechgesängen, die das Erzählen einer Geschichte zu speziellen Anlässen mit Tänzen und Instrumentalmusik verbinden. Neben der Stimme prägen vor allem Schlaginstrumente (Trommeln, Rasseln, Stäbe, Holzbretter) sowie Gitarren und Klavier die Musik. Durch die enge Verknüpfung von Musik, Tanz und Text gelten Hulas als Kern der hawaiianischen Kultur.
Beltrami war sich dieser großen Bedeutung bewusst und wollte daher Klischees, Popanleihen und billige Exotismen vermeiden. Sorgfältig wählte er mit Musikwissenschaftlern und Hula-Experten von der University of Hawaii Melodien und Texte aus, die passend für bestimmte Szenen des Films sind. Auf Beltramis Website sind diese Texte sogar nachzulesen (http://www.marcobeltrami.com/audio.html). Anschließend baute er den Score um die Hulas herum auf, ohne dass diese Gesänge als Sourcemusik in Erscheinung treten. Vielmehr integrierte Beltrami ethnische, sinfonische und elektronische Elemente so organisch, dass eine Trennung kaum mehr möglich ist. Dies bedeutet, dass Melodiefragmente und Instrumentationen aus den Hulas selbstverständlich in den orchestralen Kontext eingefügt sind, aber auch dass die Gesänge nicht isoliert von der Dramaturgie stehen, sondern essentieller Bestandteil dieser sind. So schafft Beltrami ein optimales Konglomerat aus Einzelstimmen, Chören, Trommeln, Rasseln, Gitarren, Streichern, Holz- und Blechbläsern, Klavier, gesampelten Naturklängen und elektronischen Sounds.
Besonders deutlich wird die Konsequenz, mit der Beltrami diese Verschmelzung betreibt, an der zentralen Szene des Haiangriffs („Shark Attack“). Die sechs Minuten lange Sequenz enthält der klassischen Avantgarde zuzurechnende und aus Horrorfilmen bekannte orchestrale Vertonungsmuster wie Blechbläsercluster, aufgebrochene Rhythmik und Dissonanzen, packende Percussioneinlagen, die sowohl dem Sinfonieorchester als auch der Hula-Instrumentenpalette entstammen, synthetische Verfremdunge und Klangeffekte und – last but not least – auf die Spitze getriebene, düster-morbide Gesänge. Zunächst steht ein kehliger, gutturaler Bass symbolisch für den Hai, später kontrastiert Beltrami diese Stimme noch mit einer Frauenstimme, wobei ein entrückter Todesreigen entsteht. Die große Leistung besteht darin, alle musikalischen Elemente nicht isoliert nebeneinander zu stellen, sondern auf grundlegende Emotionen hin zu verknüpfen: Nackte Überlebensangst, Schmerz und Panik. Sowohl das Konzept, als auch die Ausführung ist kreativ und hochkompetent und gehört zum Besten und Prägnantesten, dass in den letzten Jahren als Filmmusik in den Kinos zu hören war.
Klanglich und konzeptionell vergleichbar geht es im Track „Homecoming“ zu, der größere Teil des Films verlangte aber nach weit weniger dramatischer Vertonung. Dennoch kann die beschriebene Herangehensweise bedenkenlos auch für den Rest der Musik postuliert werden. Die „Main Titles“ und die zwei folgenden Titel führen in die von Gesängen, Streichern, Gitarren und Klavier bestimmte Klangwelt der Musik ein. Ein eingängiges, mehrteiliges Hauptthema fungiert als Bindeglied der traditionellen und folkloristischen Elemente. Beltrami setzt in diesen Titeln wenige Stimmen nebeneinander und stimuliert bewusst die Exotik-Sensoren der Hörer. Dass ein Film, der an hawaiianischen Stränden mit teilweise berauschenden Panoramen spielt, genau dies von Zeit zu Zeit braucht, ist ebenso ehrlich wie die Mutation der ethnischen Einflüsse in der Haiszene. Transparente und ökonomische Stimmführung ist aber in diesem Fall nicht gleichzusetzen mit Banalität, denn gerade in den harmonischen Übergängen, beispielsweise vom A- zum B-Teil des Hauptthemas, arbeitet Beltrami äußerst raffiniert und ideenreich. Bestes Beispiel ist der Titel „Half Pint Boards“: Eine Surf-Guitar leitet das Main Theme ein, die akustische Gitarre begleitet mit lockeren Riffs, später kommen Klaver und Streicher hinzu, nehmen die Melodie auf und steigern es mit jeder Wiederholung. Schlussendlich komplettieren Trommeln und traditioneller Chor die Szene, in der eine perfekte hawaiianische Idylle postkartengleich heraufbeschworen wird – freilich alles mit Sinn und Tiefgang konstruiert. Eine ähnliche Wirkung hat die „Paddle Battle“, in der Beltrami den Hai in Gestalt der Männerstimme mit Percussion noch einmal aufnimmt, die Panik aber mit viel Drive in den Blechbläsern positiv kanalisiert und zu einem triumphalen Ende führt. Gänsehaut ist garantiert, wenn die Streicher das Thema an sich reißen, da man allein in der Musik den Leidensweg der Protagonistin nach der Attacke bis zur Rückkehr in das Wasser nachempfinden kann. So muss Filmmusik sein.
Alles in Allem ist „Soul Surfer“ eine vielseitige, aber erstaunlich geschlossene Filmvertonung. Sie verbindet bekannte Standards mit einigen innovativen Ideen. Beltrami agiert hinsichtlich der Verbindung von Folkore und Sinfonik/Neo-Sinfonik auf einem Level mit „Memoirs Of A Geisha“ von John Williams und „Mao’s Last Dancer“ von Christopher Gordon – und natürlich mit „In The Electric Mist“ aus seiner eigenen Feder. Auf jeder ernstzunehmenden Bestenliste von 2011 darf „Soul Surfer“ damit unter keinen Umständen fehlen.
Jan Zwilling / 12.12.11
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