Kritiken
Something Wild (Aaron Copland)
Varese / 2003
Bewertung:

Aaron Copland (*1900) stand während seiner gesamten Karriere zwischen den Stühlen des seriösen Konzertkomponisten und der vermeintlich populistischen Vertonung von Filmen. Nichtsdestotrotz hat er in der Hall Of Fame der bedeutenden Komponisten des 20. Jahrhunderts einen Platz sicher, insbesondere durch das von ihm erschaffende Genre des “Americana”, jener opulenten und vom amerikanischen Geist durchströmten Musik ("Fanfare for the Common Man"). Doch auch als Moderner und vom Jazz beeinflusster Komponist hat Copland sich einen Namen gemacht.
Die Filmmusik zu “Something Wild” liegt um einiges entfernt von Coplands Americana-Arbeiten wie “Appalachian Spring”. In dem düster-dramatischen Großstadtthriller von Regisseur Jack Garfein geht es um eine junge Frau, die mit der Gewalt in New York City konfrontiert wird. Im Booklet ist beschrieben, wie der Score einerseits viel Raum durch wenig Dialoge bekam, andererseits aber auch gegen die Geräuschkulisse der Stadt bestehen musste. Coplands Ansatz ist folgerichtig weniger melodisch als hypnotisch, er unterlegte den Film mit einer düsteren und zum Teil wild klingenden Klangcollage, unterbrochen von lyrisch-melancholischen Momenten. Blechbläser und Percussions, ein unterschwellig jazziges Idiom im Rhythmus und vor allem der ständige, aufreibende Wechsel zwischen Ruhepunkten und Ausbrüchen geben dieser Musik ihren charakteristischen Ton.
Der grundsätzliche Ansatz des düsteren Parts der Musik ist nicht spektakulär, ein überwiegend dissonanter Ansatz auf der Basis der rhythmusorientierten Instrumentengruppen eines klassischen Orchesters gehört in der Filmmusik zumindest im Horror- und Thrillergenre zum Standard. Coplands Arbeit hebt sich aber dennoch eindeutig von schematischer Einheitsware ab, denn die technische Qualität und die beeindruckende Dynamik der Musik wissen eindeutig zu überzeugen. Gleich zu Beginn der CD-Veröffentlichung beeindruckt “Something Wild” durch eine ausgeklügelte und clevere Mischung von clusterartigen Bläserstrukturen (vor allem prägnante Posaunenstöße in sich reibenden Intervallen und die hellen, metallischen Trompeten) und Percussionsequenzen. Beim Schlagwerk kommen vor allem die Becken und verschiedene helle, hölzerne Percussions zum Einsatz. Gelegentlich geben die Streicher in bewährter Herrmann-Manier kühl und rau einen dramatischen Unterton. An thematischem Material findet sich wenig Prägnantes.
Neben dem dynamisch-dramatischen Hauptteil hält die Musik noch ein paar lyrische Momente bereit, in denen mit Streichern und Flötensolo ein Ruhepunkt geschaffen wird. Diese sind aber recht schlicht gehalten und von der Stimmung ebenfalls eher unbequem und aufreibend. “Mary Ann Resigned” enthält sogar eine kurze thematische Phrase mit Wiedererkennungswert, die im folgenden Track geschickt in einer Variation als Ausgangspunkt für ein herbes Streicheradagio dient.
Fazit: “Something Wild” ist in der nur acht Engagements umfassenden Filmmusik-Biographie von Aaron Copland mit Sicherheit ein lohnenswerter Baustein. Die Musik zeugt von großer technischer und konzeptioneller Klasse, auch wenn die Grundidee beider stilistischer Teile der Musik nicht mehr als bemerkenswert zu bezeichnen ist. Lobenswert ist auf jeden Fall die Varèse-Veröffentlichung, die in sehr sauberer Klangqualität, mit der originalen Plakat-Illustration von Saul Bass und umfangreich und informativ betextetem Booklet daherkommt.
Jan Zwilling / 06.06.07
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