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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Sherlock Holmes (Hans Zimmer)

Sony / 2010

CD

Bewertung:


    01. Discombobulate (02:25)
    02. Is It Poison, Nanny? (02:53)
    03. I Never Woke Up In Handcuffs Before (01:44)
    04. My Mind Rebels At Stagnation (04:31)
    05. Data, Data, Data (02:15)
    06. He's Killed The Dog Again (03:15)
    07. Marital Sabotage (03:44)
    08. Not In Blood, But In Bond (02:13)
    09. Ah, Putrefaction (01:50)
    10. Panic, Shear Bloody Panic (02:38)
    11. Psychological Recovery... 6 Months (18:18)
    12. Catatonictes (06:44)

    TT: 52 min

Neuerfindungen klassischer Geschichten oder Figuren sind in Hollywood gerade groß in Mode. Nach erfolgreichen „Reboots“ von „Batman“ und „Star Trek“ wurde nun Sherlock Holmes von den Studios für ein modernes Publikum aufgemotzt. Die Fans der literarischen Vorlage von Sir Arthur Conan Doyle werden nicht mehr viel wieder erkennen, unter der Regie von Madonnas Exmann Guy Ritchie ist ein sehr den aktuellen Trends gemäß erzählter Film dabei rausgekommen, was vor allem viel Action und weniger Knobeleien bedeutet. Der Film von Krawallproduzent übertreibt zudem gerade beim Krimiplot stark und spinnt eine so komplexe Intrige, dass der Zuschauer gar nicht mehr miträtseln möchte. Das der Film trotzdem durchaus sehenswert ist, liegt an dem charmanten „odd couple“ Sherlock Holmes und Dr. Watson, verkörpert von Robert Downey jr. und Jude Law.

Für die Musik wurde Hans Zimmer und seine Scorefabrik „Remote Control Productions“ engagiert. Das Booklet der CD nennt dieses Mal für „additional music“ nur einen weiteren Komponisten, nämlich Lorne Balfe, der auch als score producer auf dem Cover der CD neben Hans Zimmer Erwähnung findet.
Für solche Arten von Franchises hat Zimmer in der Vergangenheit meistens eher routinierte und schematische Arbeiten abgeliefert, die wenig kreatives Risiko eingingen. Hier überrascht er allerdings mit einem Score, der sich relativ wenig nach Fließbandarbeit anhört und durchaus inspiriert daherkommt. Dies ist hauptsächlich auf das Hauptthema für Holmes zurückzuführen, welches auch das bestimmendste Merkmal der Partitur ist. Dies ist sehr kreativ instrumentiert. Alle möglichen Arten von Saiteninstrumenten spielen dabei eine tragende Rolle. Dominierend ist hier überraschenderweise das Zymbal, welches ja eher ein Klischee ungarischer Folklore ist, allerdings gut zum Charakter des Holmes, wie ihn Robert Downey jr. interpretiert, passt. Weitere Instrumente, die das Thema spielen sind pizzicato-Streicher, verschiedene Gitarren, ein kaputtes Piano, das wohl an verbrauchte Klimperkästen in Irish Pubs erinnern soll, sowie ein Akkordeon.
In seinen ersten Ausprägungen kommt das Thema sehr humorvoll durch die „verrückte“ Instrumentierung daher. Zimmer hat es aber sehr kleinteilig aufgebaut – lange Melodieläufe gibt es hier nicht. So kann man sich für Variationen leicht bestimmte Passagen herauspicken und weiterentwickeln. Deswegen hat auch fast jede Actionpassage einen musikalischen Bezug zum Hauptmotiv. Eine erfreuliche Tatsache, da gerade die thematische Verarbeitung bei Zimmer zu wünschen übrig ließ. Allzu originell ist seine Lösung natürlich auch nicht, zumal seine Actionpassagen daran leiden, dass sie auf der CD zu lange laufen, ohne dabei in den Details variiert zu werden, und sich mit ihrer Dominanz von tiefen Streichertremolos, assistiert von synthetischen Orchesterklängen auch zu wenig von frühreren Zimmer-Arbeiten unterscheiden. Gerade in einem 18-minütigen Track wie „Psychological Recovery… 6 Months“ offenbart sich dann auch schnell Leerlauf, sowohl kreativ als auch dramaturgisch. Das kann aber trotzdem nicht verbergen, dass der Score in den meisten Momenten frischer und unverbrauchter klingt, als vieles, was man so von „Remote Control“ vorher gehört hat.

Nicht unerwähnt bleiben soll hier, dass „Sherlock Holmes“ kein rein monothematischer Score ist. Unter der Dominanz des Hauptthemas geraten die Nebenmotive aber ziemlich in Vergessenheit. Eine sehr düstere Streicherfigur für Celli, begleitet vom Rest des Streicherapparats im Hintergrund im Track „My Mind Rebels at Stagnation“ scheint das Thema des Bösewichts Lord Blackwood zu sein. Noch unauffälliger ist eine kleine Melodie für die weibliche Hauptfigur Irene Adler, die zum Beispiel am Ende des vorher erwähnten 18-Minuten-Cues kurz auftaucht.

Fazit: Das Meisterwerk, welches alle bisherigen Kritiker Lügen straft, haben Zimmer (und Co-Komponist Lorne Balfe) hier auch nicht vorgelegt, dafür ist das Actionscoring immer noch zu generisch und auf die Dauer einseitig. Viele ungewöhnliche Instrumentierungsideen, Ansätze von thematischer Verarbeitung (wenn auch auf einfachem Niveau) und auch eine stimmige Charakterisierung der Hauptfigur machen die Musik tatsächlich auch mal für ein paar Hördurchgänge für die Soundtrackhörer interessant, die sonst einen großen Bogen um die Musik von Zimmer machen.

Jan Boltze / 13.02.10

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