Kritiken
She (Max Steiner)
TFC / 2008
Bewertung:

John Morgan und William Stromberg muss man einfach dankbar sein. Nicht nur dass sie mit ihrem neuen Label Tribute Film Classics (TFC) dem etwas dürren Fluss der Neueinspielungen wieder Schub verliehen haben, sie erarbeiten mit der Akribie von Perfektionisten wahre Referenzprodukte. Zugleich verlieren sie aber nicht die Fanperspektive aus den Augen und setzen kuriose Liebhaberstücke auf ihren Aufnahmeplan. Die Mischung mit gut gehenden Klassikern machte schon den Vorgänger Marco Polo attraktiv für wirkliche Entdeckungen, mit “She” von Max Steiner lösen sie das Versprechen, dieser Philosophie treu zu bleiben, auch für TFC ein. Ein vergessener Fantasyfilm aus dem Jahr 1935, eine Musik die wohl in keiner Favoritenliste auftauchte und nur wahre Spezialisten im Detail kannten - nur der Name des Komponisten bürgte für ein Interesse bei potenziellen Käufern. Doch unter der Patina der vergangenen 70 Jahre bringen die drei (Strombergs Frau Anna Bonn gehört gleichberechtigt zum Produzententeam von TFC) eine kleine Perle an das Tageslicht. Mit allen Finessen neu aufgenommen und aufwändig präsentiert ist die Filmmusikwelt hier um einen Schatz reicher geworden.
Der Film der Regisseure Lansing C. Holden und Irving Pichel wurde produziert von RKO, dem Stammstudio Max Steiners in den frühen Jahren. Er erzählt von Leo Vincey, dem sein sterbender Onkel von einem mysteriösen Land erzählt, das einer seiner Vorfahren vor einem halben Jahrhundert entdeckt haben soll. In der russischen Arktis stößt Leo dann auf das Königreich Kor, das von einer unsterblichen Königin, nur als “She” bezeichnet, regiert wird. Diese sieht in dem Neuankömmling den ewig verschollenen Geliebten. In der Werbezeile für den Abenteuerfilm ist der Streifen “a wondrous story of the beautiful woman who bathed in flame and lived 500 years”, doch die Zeit urteilte härter. Heute gilt der Film als skuril und verstaubt, dennoch bekam er 2007 eine ansehnliche DVD-Veröffentlichung.
Die Musik von Max Steiner aus dem arbeitsreichen Jahr 1935 gehört jedoch zu den erinnerungswürdigen Teilen der Produktion von Merian C. Cooper. Kurze Zeit nach seinem revolutionären Werk “King Kong” ersann der Wiener eine vollmundige, großorchestrale Abenteuermusik im aus heutiger Sicht besten altmodischen Stil. Harfenarpeggien, wallende Streicher, Triller vom Holz und kraftvolle Schichtklänge der Hörner sind die Ingredenzien, aus denen er eine rundum unterhaltsame Musik schuf. Die Stimmung ist dabei geheimnisvoll, dunkel und elegant, aber auch abwechslungsreich und abenteuerlich. Gegelegentlich entwickelt sie einen hypnotischen Sog, an anderen Stellen glänzen kraftvolle Ausbrüche. Melodisch und rhythmisch vielfältig ist Steiners “She” ein Panoptikum der fantasievollen Exotismen, in dem ein mysteriöser Frauenchor ebenso Platz findet wie ein schwungvolles Trek-Motiv. Dass John Morgan bei der Erstellung der neuen Partituren die originalen Skizzen von Steiner als Referenz heranzog, lässt die orchestrale Pracht aus den Fesseln des begrenzten Budgets der originalen Einspielung heraustreten. Mit leicht vergrößertem Ensemble, passend dimensioniertem Frauenchor und für eine sorgfältige Aufnahme ausreichenden Zeitreserven während der Sessions in Moskau erklingt der Score, wie er noch nie gespielt wurde. Selbst der Komponist hätte angesichts der Produktion wohl nostalgische Gefühle bekommen, schließlich zählte “She” zu seinen persönlichen Lieblingen - Steiner präferierte die Musik gegenüber “The Informer”, für den er im gleichen Jahr den Oscar gewann.
Die Musik von “She” entwickelt Steiner aus dem grundlegenden Vertonungs- und Instrumentationsansatz in mehrere verschiedene Richtungen. Im ersten Drittel des Film dominieren klassische Abenteuervertonungen mit dem ausladenden Hauptthema in der Eröffnungssequenz. Streicherfiguren und von den Hörnern dominierte Blechbläsersequenzen prägen diese Teile der Musik. Besonders schwungvoll ist dabei das Reisemotiv, ein Vorläufer von John Williams grandioser Trek-Sequenz aus “Temple Of Doom”, gelungen - ein energisches Scherzo für Klarinette wird vom Orchester aufgenommen und mit auf und ab steigener Melodik und tänzerischem Rhythmus entwickelt. Später erlaubt sich Steiner auch kräftigere Passagen, in den kräftige Hornstöße, Streicherwirbel, stampfende Pauken und große Trommeln eine packende Dynamik erzeugen. Am markantesten gelingt dies in “Fight With The Natives”, wo die fallenden Blechkaskaden das äußerste an Reibung und Dissonanz aufzeigen, das der Wiener für diesen Abenteuerfilm aufbietet. Gerade in diesen Sequenzen, die sich von dem tonalen Rahmen nicht zu weit entfernen, kommt das herrlich nostalgische Abenteuerfeeling auf, dass die Musik so sympathisch macht.
Relativ früh werden aber auch die mystischen Linien der Geschichte angedeutet. Repetetive Muster in der Grundrhythmik deuten auf die hypnotischen Exotismen des unbekannten Reiches hin, das Leo Vincey entdecken wird. Herauszustellen ist aber die Vertonung der ewigen Flamme (des Symbols für “She") und die Themen der geheimnisvollen Königin selber. Die Musik ist von ungeheurer Eleganz, langsam fließende Linien der Celli und Violinen reichen sich die Hand und werden ergänzt von Oboe, Klarinette und Harfe. Das dunkle Timbre, die leichten Reibungen der kleinen Intervalle in den Melodien und die delikate Orchestration verweisen auf klassische Vorbilder wie die Schauspielmusik zu “König der Juden” von Alexander Glasunow oder “Sheherazade” von Nikolai Rimski-Korsakow. Gleichzeitig sind sie aber auch ein Vorbote von Bernard Herrmanns und Alfred Newmans Meisterwerk “The Egyptian”. Highlight ist hierbei sicherlich der erste Auftritt von “She” im Titel “The Queen/Tanya In Bed”. Durch einen tief singenden Frauenchor gibt Steiner zu dem eleganten Ausgangsmaterial noch einen Schuss Magie und Mystik hinzu, hypnotisiert durch repetetive Harfenakkorde und sorgfältig geschichtete Blechbläser. Das Liebesthema der Königin für Leo ist düster erstarrter Schmerz, in dem 500 Jahre Klagen in den Streichern lebendiger sind als gegenwärtige Gefühle.
Das furiose Finale kann stellvertretend für die Anreicherung des Instrumentariums mit exotischen Klängen gesehen werden. Im Königreich von “She” werden Xylophon, Marimba, Stabglocken, Gong und Glockenspiel eingesetzt, um diese Welt von der realen abzugrenzen. Hervorragend gelingt Steiner dies in der Ballettsequenz “The Hall Of Kings”, die den Höhepunkt des Films bildet. Die Musik steigert sich entlang des monotonen Grundrhythmus und der diversifizierten Orchestration ekstatisch zu einem düster-klangvollen Höhepunkt. Dicht gewoben in der Orchestration mit Harfen, Blechbläserclustern, wortlosem Chor und klangvollem Rhythmusinstrumentarium ist diese Sequenz klassischen Vorbildern ebenbürtig und zusammen mit dem Track “The Terrace” und den finalen “The Escape” und “The Flame Of Life” ein beeindruckender Schlusspunkt unter eine wundervolle Abenteuermusik.
Als Fazit kann man nur das eingangs gemachte Statement wiederholen. Die Filmmusikgemeinde ist dem Team von Tribute Film Classics zu Dank verpflichtet, dass sie nicht nur die Komplettierung der Discographie von Bernard Herrmann auf dem Programm haben (an sich schon eine ehrenvolle Aufgabe). Immer wieder graben sie für den Fan klingende Perlen wie “She” aus und präsentieren sie in bestmöglicher Form. Mit dem Bonus für ein fantastisches Hörvergnügen und die Referenzproduktion ist die Musik damit durchaus die 5,5 Sterne wert. Dass sie retrospektiv weit weniger innovativ wirkt als viele Meisterwerke von Goldsmith oder North, muss angesichts des Produktionsjahres 1935 relativiert werden. Und am Ende sollte sich der Filmmusikfan auch einfach zurücklehnen und genießen. Weiter so, Tribute Film Classics!
Jan Zwilling / 14.10.08
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