Kritiken
Rome (Jeff Beal)
Rykodisk / 2007
Bewertung:

Das musikalische Umsetzen eines antiken Stoffes ist für einen Filmmusikkomponisten der einfachste und der schwerste Job zugleich. Obgleich gesicherte Erkenntnisse darüber, wie Musik zur Zeit der Römer und Griechen geklungen haben mag, Mangelware sind und somit die historische Authentizität für den Komponisten kein harter Maßstab an die Vertonung ist, werden gerade unter diesem Gesichtspunkt die unterschiedlichen Herangehensweisen heiß diskutiert. Vergleicht man das Idiom von Miklós Rózsa mit der heftig gescholtenen Komposition von Hans Zimmer zu „Gladiator“ wird klar, dass so etwas wie eine authentische Umsetzung der Antike ein zutiefst moderner Prozess ist und der Zuschauer seine Referenzen nicht in einer harten „Wahrheit“ findet, sondern in dem was die Kulturgeschichte der letzten hundert Jahre als adäquat angesehen hat.
Prinzipiell scheinen also jegliche Herangehensweisen legitim zu sein, denn ein Sinfonieorchester wie bei „Ben Hur“ hat es vor 2000 Jahren ebenso wenig gegeben wie elektronisch und ethnisch verstärkte Klangmalereien. Der Komponist Jeff Beal stand als bisher letzter Kandidat vor dieser Aufgabe, er wurde mit der Vertonung der HBO-Show „Rome“ betraut, die in den USA 2006 startete. Es handelt sich um eine aufwändig produzierte Mini-Serie nach dem Schema von „Carnivale“ oder „Band Of Brothers“, der Name HBO dürfte zudem eine halbwegs hohe Qualität der Folgen garantieren.
Jeff Beals Herangehensweise hat wenig mit Rózsas archaisierender Sinfonik gemeinsam, aber interessanterweise auch nicht viel mit dem lockeren weltmusikalischen Flair, der durch wahlloses Einstreuen von ethnischen Instrumenten in leichte Orchesterklänge erzeugt wird. Sein Konzept musste zuerst auf das begrenzte Budget der Serie reagieren, wodurch der Einsatz von akustischen Instrumenten wohlüberlegt sein musste – ein Nachteil den man der Musik an keiner Stelle anhört. Zudem setzte Beal traditionell sinfonische Instrumente gleichwertig zu ethnischen ein und erzeugt damit eine enge Verwobenheit und Dichte der Klänge. Er beschreibt dies als Komposition „von Grund auf“, bei der jegliche Instrumente nach gleichen Maßstäben eingesetzt werden. Eine kammermusikalische Transparenz ist daher ein Merkmal weiter Teile der Musik, in der Soli das Klangbild bestimmen und einzelne Instrumente geschickt eingesetzt werden. In anderen Teilen bestimmen rhythmischere Strukturen und gezielte, fanfarenartige Blechbläser das Bild. Seine Herangehensweise an die Musik beschreibt Beal gegenüber http://www.original-score.de so:
„It was fun to imagine a sense of what this world was like, as we have virtually no notated music from the time period. It was very much a pre-christian world with it’s own gritty sense of daily life, connection to the earth, pantheism, etc. I tried to throw out a lot of the typical tricks and gestures of the film composers trade and build the music up from much simpler, tribal, or performance gestures. There were themes and melodies that did emerge for various characters and aspects of the show - for example the worlds for Vorenus & Pullo vs. the world of the Patricians (Caesar, Atia, Servilia, etc) had different approaches to scoring.”
Die Palette der Instrumente und der Themen ist naturgemäß breit und die Erarbeitung der Themen funktioniert weit weniger in einem Bogen als bei einem geschlossenen Film. Die HBO-Serien fokussieren sich auf mehrere historische Ereignisse und Personen, entsprechend gibt musikalische Entsprechungen für Cäsar und Niobe, für Cleopatra und Octavian und für Vorenus und Pullo. Thematische Momente sind häufig besonders delikat gearbeitet, zum Beispiel in „Caeser Reunited with Servilia“ als Oboensolo mit Begleitung von Streichern und exotischem Zupfinstrumentarium. Ähnlich wie in „Niobe’s Theme“, dessen Basis Cello und Oboe sind, wird die Melodiestimme organisch von ethnischen Instrumenten abgelöst. Das Zusammenspiel von Duduk, Oboe und Cello erweist sich als besonders gelungen.
Der Einsatz von ethnischen Instrumenten folgt natürlich auch hier dem Zeitgeschmack. Insofern ist das Dekorieren historischer Stoffe mit ethnischen Einflüssen ein deutlicher Indikator für die moderne Sichtweise, einen Ort vor 2000 Jahren einfach einem exotischen Ort irgendwo auf der Welt gleichzusetzen. Exotik ersetzt die nicht vorhandene authentische Umsetzung, doch im Falle von „Rome“ ist dies durchaus mit Bedacht gemacht worden, wie Beal im Interview erklärt:
“I liked the idea not just of purely ‘Roman’ instruments, but also instruments which represented the scope of the Roman Republic at the time of our show. (which was much larger geographically). I also used some medieval instruments as modern day ‘fill ins’ for things that might have been used. Oud and Rababa (egypt), Shofar, Cornu, Duduk and Zerna (Armenia), Basuri wood flutes, recorders, crumhorn, and many many types of percussion instruments (frame drums, shakers, tambourines, etc.)”
Während die ruhigen Momente, in denen Beal die kammermusikalische Verwebung der Instrumente und damit auch die dramatische Wirkung praktizieren kann und über das geringe Budget hinwegtäuschen kann, die stärksten Passagen der CD sind, dominieren in den packenderen Passagen die Percussions, teilweise auch synthetische Rhythmen und ein kleiner Streichersatz mit Blechbläserergänzung. Dies ist zwar nicht weniger sorgfältig gearbeitet, die Nähe zu modernen Standardvertonungen ist hier aber höher und lässt daher die Spannungskurve der Musik abfallen.
Fazit: Es handelt sich bei „Rome“ um eine durchaus spannende Angelegenheit, durch die kompromisslose Kompositionsweise mit gleichberechtigten ethnischen und traditionellen Instrumenten gelingt Jeff Beal ein zum Teil faszinierender und anspruchsvoller Cocktail. Dass dieses Niveau nicht über die komplette Musik aufrecht zu erhalten ist, ist bei dem Budget und der Zeit für die Komposition einer TV-Musik nicht allzu negativ anzukreiden. Jeder möge sich von den über 70 min auf der CD eine Zusammenstellung programmieren und erhält eine gelungene „moderne“ Umsetzung der Antike.
Jan Zwilling / 13.06.07
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