Kritiken
Rich and Famous / One Is a Lonely Number (Georges Delerue / Michel Legrand)
FSM / 2011
Bewertung:

„Endlich haben wir ein Paar gefunden!“ Seit längerer Zeit hatte Lukas Kendall mit seinem FSM-Label die Veröffentlichungsrechte an Georges Delerus Musik zu „Rich and Famous“, ehe man ein weiteres Werk fand, mit dem man die sehnsuchtsvolle Klänge des emigrierten Franzosen koppeln konnte. Mit weniger als einer halben Stunde Laufzeit war die Filmmusik nicht für eine Solo-Veröffentlichung geeignet. So ergab es sich, dass sich in Michel Legrands „One Is a Lonely Number“ ein geeigneter Partner fand, damit einer Veröffentlichung auf CD nichts mehr im Weg stand.
Sowohl „Rich and Famous“, als auch „One Is a Lonely Number“ sind filmhistorisch zwar von geringer Bedeutung, doch trotzdem nimmt erstgenanntes Werk eine gewisse Sonderstellung ein, da es sich hierbei um den letzten Film des Regisseurs George Cukor handelt. Der Amerikaner hatte vor allem in den 40er Jahren mit Komödien wie „Die Nacht vor der Hochzeit“ große Erfolge gefeiert und sich unter anderem für Marilyn Monroes letzten Film „Somethings Got to Give“ verantwortlich gezeichnet, der aufgrund des überraschenden Todes der Hauptdarstellerin nie fertig gestellt wurde. Als „Rich and Famous“ gedreht wurde, war der Altmeister des Frauenfilms bereits 81 Jahre alt – eine beachtlich hohe Zahl im Verhältnis zu einer zarten 20jährigen Meg Ryan, die hier in diesem Film in einer kleinen Nebenrolle zu sehen ist.
Für die Musik zeichnete sich Georges Delerue verantwortlich, der kurz zuvor in die Vereinigten Staaten gezogen war. Er war bekannt für seine lyrischen Themen, womit das Sujet des Frauenfilms ein geeignetes Pflaster für den Tonsetzer zu sein schien. Eine fünfminütige Suite – das Hauptthema – nahm der Komponist später in London erneut auf, um es auf einer der drei „London Sessions“ CDs des Labels Varése Sarabande zu veröffentlichen.
Doch die komplette Partitur des gebürtigen Franzosen hat weitaus mehr zu bieten, als den ausschweifenden, delikaten Walzer als Hauptthema im wiegenden 6/8 Takt, auf dem die gesamte Filmmusik fußt. Darüber hinaus stellt Delerue mehrere eingängige Melodien vor, die das Hauptthema ergänzen und aus „Rich and Famous“ eine thematisch reichhaltige, elegante Musik voll bittersüßer Leidenschaft zu machen vermögen. Eines der zahlreichen Themen wird als Streichquartett vorgestellt – ein Quasi-Menuett, das in seinem für den Komponisten typischen Klassizismus Erinnerungen an die europäischen Tanzflächen des 18. Jahrhunderts wach werden lässt und bald darauf von einem weiteren schwungvollen Thema im nächsten Track abgelöst wird: in „Some Years Ago“ sind es Holzblasinstrumente, die sich unter Pizzicato spielenden Streichern zu einer fröhlichen, neuen Melodie formen. Während Delerue gekonnt neue, zumeist sehr lyrische Themen einführt, wie in „Taxi“ dominierend von einer Klarinette vorgetragen, vermag er außerdem das thematisch vorhandene Material gekonnt zu variieren, sodass in zahlreichen Tracks Hinweise auf das eingangs vorgestellte Hauptthema vorhanden sind.
Aufgrund dieser melodiösen Reichhaltigkeit und der ohnehin kurzen Laufzeit ist „Rich and Famous“ in der Lage, keine Durststrecken aufzuweisen, sodass sich hiermit eine Filmmusik präsentiert, die sowohl für all jene geeignet sind, welche lediglich träumen und sich von den zarten Klängen forttragen lassen wollen, als auch für die melodisch interessierten Hörer, für die diese Partitur eine spannende Entdeckungsreise in Sachen Thema und Variation darstellt.
In etwas anderem, aber nicht schlechterem Licht präsentiert sich „One Is a Lonely Number“ – ebenfalls ein Film mit Frauen im Fokus und ebenfalls vertont von einem Franzosen. Michel Legrand wurde beauftragt, den Soundtrack zu diesem Melodram zu komponieren, das sich mit einem Selbstfindungsprozess einer gerade getrennten Ehefrau beschäftigt. Diese muss lernen, was in ihrem Leben wirklich zählt, nachdem sie von ihrem Mann verlassen wurde. Legrands Musik zeichnet nicht in gleichem Maße wie bei Landsmann Delerue das Mitfühlende und sehnsuchtsvolle aus – stattdessen bleibt seine Komposition insgesamt zurückhaltender und nüchterner. Er erweist sich in einigen Tracks trotzdem als mitfühlender Geschichtenerzähler, der eine kompositorisch abwechslungsreiche Märchenreise entwarf. Legrand ist souverän im Umgang mit dem thematischen Material und spielt im Verlauf der Filmmusik mit Variationen seiner im „Main Title“ vorgestellten Melodie, die mal als Jazzvariation für Trompete bearbeitet wird oder gar in lyrischen Tönen der Flöte seinem Kollegen Delerue nahe steht.
Diese stetige Variation, die in ihrer kargen, reduzierten Orchestration bemerkenswert ist, wird lediglich durchbrochen von einer instrumentalen Rockmusik, die im Film als sog. Source-Musik funktioniert und auf geschickte Weise Jazzeinflüsse einarbeitet. Eine weitere abwechslungsreiche Zutat ist ein Chanson, das heimliche Highlight von „One Is a Lonely Number“. Vorgetragen wird dieses französische Lied vom Komponisten Michel Legrand selbst, der mit einer äußerst angenehmen, da sehr weichen Stimme überzeugt.
Insgesamt handelt es sich hierbei um eine ausnahmslos empfehlenswerte CD des Labels FSM, das zwei exquisite Filmmusiken vereint, die hervorragend miteinander harmonieren und besonders für den Liebhaber lyrischer Elegien empfehlenswert sind. Ausgestattet ist der auf 2.000 Exemplare limitierte Tonträger mit einem ausführlichen Booklet, bei dem lediglich die einzelnen Track-Analysen flüchtig und unmotiviert wirken.
Stephan Eicke / 11.04.11
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