Kritiken
Revolutionary Road (Thomas Newman)
Nonesuch / 2008
Bewertung:

Der Film ist ein Triumph des Schauspiels. Theatergleich erwecken Leonardo DiCaprio und Kate Winslet eine Ehe zum Leben und zerstören diese anschließend so gründlich, wie man es sich nur erdenken kann. Unter der Regie von Sam Mendes erweisen sich beide als Ausnahmedarsteller, was in dieser Konsequenz für beide ein Stück weit Neuland ist. Doch das präzise Drehbuch von Justin Haythe nach dem Roman von Richard Yates entlockt mit seinen aufreibenden, intensiven Dialogen allen Schaupielern einen Blick auf die tiefe Seele der Figuren: durchschnittlich, angepasst, die Träume zu Grabe getragen und unfähig, daraus eine Konsequenz zu ziehen. Gleichzeitig ist “Revolutionary Road” aber auch ein Film über eine Zeit, in der ein solches Leben das idealisierte Glück darstellt, in der DiCaprios Frank Wheeler nur einer von Millionen Hutträgern in den Stadtzentren ist und Winslets April mit ihren Ausbruchsphantasien nur das ungläubige Kopfschütteln ihrer Nachbarn erntet. An der Idylle Revolutionary Road, die Adresse der Wheelers, ist nichts revolutionäres - es ist ein erstarrtes Ideal, ohne Spielräume für Träumer und Querdenker. Der Film portraitiert dies ebenso minutiös wie den Zerfall der Ehe und zählt daher unbestreitbar zu den großen Melodramen unserer Tage.
“Revolutionary Road” ist der vierte Film des Briten Sam Mendes. Immer an Bord war sein Komponist Thomas Newman, für den “American Beauty” auch eine Art Wiedergeburt war. Nach einer respektablen Karriere in den Neunziger Jahren, einigen beachteten Scores wie “The Horse Whisperer” oder “The Shawshank Redemption” etablierte er mit der zynischen Vorortkomödie einen neuen Ton in der Vertonung von Dramen und Tragikomödien gleichermaßen. Als besonders prägend dürfte auch seine Musik zu “White Oleander” gelten.
Für “Revolutionary Road” lässt sich Newman nicht von den speziellen dramaturgischen Anforderungen oder gar der Zeit der Handlung (Fünfziger Jahre) inspirieren, sondern unterlegt das Kammerspiel mit einer wohlbekannten Mischung aus Klavier, Streichern und Klangdesign. Dieser Hang zum multiplen Einsetzen eines Klangkonzeptes konnte man bei Newman in letzter Zeit häufiger beobachten, selten aber so konsequent wie in diesem Fall. Die Ähnlichtkeit zu “Road To Perdition” oder “White Oleander” ist derart frappierend, dass eine neue Einspielung von Musik für diesen Film phasenweise überflüssig vorkommt. Die kreierte Stimmung, die Atmosphäre und damit der dramaturgische Effekt gleichen sich auf ein Haar, selbst bei orchestratorischen Details wie den glänzenden Streicherlinien oder dem leicht entrückt aufgenommenen Klavier ist die Musik austauschbar. Nicht zuletzt sind Newmans Motive, allen voran das kurz Klavierthema, nur marginale Variationen derer, die schon einmal gehört wurden.
Schon die Eröffnung des Albums mit “Route” ist auch auf den zweiten Blick ein alter Bekannter. Kurze Melodiefragmente vom Klavier gemahnen an “Road To Perdition”, das Sounddesign stammt fast identisch aus “White Oleander”. Die glasharfenartigen, die elektronische Gitarre von George Doering, die verschiedenen Blasinstrumente und vor allem die hypnotische Verschmelzung dessen ist wohlbekannt. Der Ausbau der Klavier- zur Streicherlinie folgt wieder den Pfaden von “Perdition”. Die leichte rhythmische Akzentuierung der Klavierstellen in “The Bright Young Man” kennt man aus “Findet Nemo”, die etwas markantere Ausarbeitung der Streicher im Abspann aus “The Horse Whisperer” und “The Shawshank Redemption”. Etwas neues oder Ambitioniertes findet sich in keiner Sekunde.
Wir haben es hier also mit einem Fall zu tun, der zweierlei Folgen zu haben scheint. Punkt eins ist, dass der Einsatz der Musik im Film weder unpassend noch wirkungslos ist. Er fällt in eine lange Reihe angenehmer und melancholischer Genrevertonungen und wertet den Film weder ab noch auf. Punkt zwei ist hingegen, dass der Score auf CD dermaßen generisch und plagiativ ist, dass er keinen eigenen Wert besitzt. Für potenzielle Konsumenten des Tonträgers ist dies - im Gegensatz zu Kinobesuchern - offensichtlich, da sie meist Filmmusikfans sind und über eins zwei andere Arbeiten Newmans Bescheid wissen. Bastele sich der Hörer also eine Best-Of-CD der angesprochenen Dramenmusiken und er erhält teilweise notenidentisch den Score zu “Revolutionary Road”. Dies ist selbstredend im Film akzeptabel, auf CD aber nahe an einer Frechheit. Newman läuft damit James Horner in punkto Selbstbedienung den Rang ab und sollte sich schleunigst etwas mehr Ambition aneignen. Dass er dies kann, hat er bewiesen.
Jan Zwilling / 24.01.09
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