Kritiken
Rebecca (Franz Waxman)
Varese / 2002
Bewertung:

Der im Jahre 1940 in die Kinos gekommene Film “Rebecca”, basierend auf einem Roman von Daphne du Maurier, markiert den Beginn einer Reihe von Glücksfällen für das amerikanische Kino. Der legendäre britische Filmemacher Alfred Hitchcock konnte endlich dazu überredet werden, seinen ersten amerikanischen Film zu drehen und begann seine äußerst fruchtbare Zusammenarbeit mit dem deutschen Komponisten Franz Waxman. Waxman, der erst einige Jahre zuvor aus Deutschland emigriert war und mit “Bride Of Frankenstein” den erhofften großen Durchbruch in die erste Komponistengarde Hollywoods geschafft hatte, konnte seine zweite Oscarnominierung für einen Score verbuchen und war fortan einer der führenden Komponisten im “Golden Age” (Oscargewinn 1951 und 1952 für „Sunset Boulevard“ und „A Place In the Sun“). Die Oscarwürden waren dem Regisseur Hitchcock übrigens nie vergönnt, obwohl er heute als einer der einflussreichsten Regisseure aller Zeiten gilt.
Daphne du Mauriers Roman “Rebecca” ist eine mit kräftigen mystischen Einflüssen angereicherte Liebesgeschichte um eine junge Dame (Joan Fontaine), die mit der Heirat eines reichen Gentlements (Laurence Olivier) zugleich seine resolute Haushälterin Mrs. Danvers und die verstorbene Ehefrau Rebecca in Kauf nehmen muss. Die schüchterne Frau leidet unter den zuweilen psychopathischen Gängelungen von Mrs. Danvers und sieht sich einer zwanghaften Fixierung seines Mannes auf Rebecca ausgesetzt. Mit leichten psychologischen Untertönen ist die Schwarz-Weiß-Produktion eine morbid-romantische Geschichte, die im Werk Hitchcocks aus dem Schema der raffinierten und spannenden Krimi-Thriller herausfällt. “Rebecca” wird deshalb aus heutiger Sicht ein bedeutender Platz in der Filmographie Hitchcocks eingeräumt, auch wenn die schauspielerischen Darbietungen und auch die Dramaturgie eindeutig als antiquiert anzusehen sind.
Franz Waxmans Tonschöpfung zu “Rebecca” beweist recht eindrucksvoll sein Talent, mit dem er schon in frühen Jahren in Hollywood auftrumpfte (bereits kurz nach seinem Debütscore wurde er Leiter der Universal Studius). Waxman zeigt sich einerseits als gefühlvoller Melodiker und andererseits als versierter Orchestrator, der die romantischen und weitläufigen Themen in ein facettenreiches und stimmungsvolles Gewand kleidete. Die Atmosphäre des Films verlangte nach einer vielschichtigen, sowohl strahlend-hellen als auch mysteriösen Untermalung, die den Konflikt der Hauptperson gefühlsmäßig erfassen sollte.
Waxman legte dafür eine schwelgerisch-großromantische Partitur an, die den Schwerpunkt auf die Streicher legte, aber vor allem dem unermüdlich schillernden Holz einen ebenso bedeutenden ergänzenden Part zuwies. In dramatischeren Momenten wie dem Finale ("The Fire and Epilogue") tritt das Blech stärker hervor und die sonst harmonisch gehaltene Musik bekommt Einiges an schroffem und kraftvollem Anstrich. Stilistisch steht Waxman damit klar in der Tradition der großen Romantiker, die vielfach geschichteten Streicher lassen Richard Strauss erahnen und auch der Kollege Steiner könnte ein Vorbild gewesen sein.
Thematisch hält Waxman eine große Handvoll an eingängigem Material bereit. Neben zwei schwelgerischen Hauptthemen bekommt Mrs. Danvers eine eigene musikalische Entsprechung und mehrere Walzer untermalen sehr dekorativ verschiedene Szenen ("Tennis Montage"). Die Themenarbeit ist dabei durchaus geschickt, fließend und in langen elegischen Bögen verstrickt Waxman die Melodielinien.
Die hier vorliegende Aufnahme entstand 2000 und 2002 unter dem Dirigat von Joel McNeely und dem Royal Scottish National Orchestra, dem viel gerühmten Gespann vieler gelungener Herrmann-Neueinspielungen. Dem Team ist es hier vorzüglich gelungen, einerseits die Eleganz und Filigranität der Musik spieltechnisch ansprechend rüberzubringen und zudem mit glasklarem und angenehm räumlichen Klang zu überzeugen. So ist die Varese-CD eindeutig als Referenzaufnahme anzusehen, sogar im Vergleich mit der Suite von Charles Gerhardt wirkt sie etwas frischer und transparenter.
Doch leider gibt es auch einen kleinen Haken, denn mit 55 min Spielzeit deckt die CD gerade so die Hälfte des kompletten Scores ab - ein Ärgernis, weil es eine weitere Neueinspielung von Marco Polo mit dem Radio Sinfonie Orchester Bratislava unter Adriano gibt, die um 18 min länger ist, aber interpretatorisch eindeutig zurückstecken muss. So fällt die Wahl doppelt schwer, doch letzen Endes scheint die Qualität der Aufnahme summa summarum für die McNeely-Version zu sprechen.
Zum Schluss bleibt eine eindeutige Empfehlung. Waxmans Score beweist die enorme Vielseitigkeit des Deutsch-Amerikaners und bietet ein facettenreiches Klangerlebnis. In der Filmographie Waxmans erreicht “Rebecca” zwar nicht die Brillanz und Raffinesse anderer Kompositionen, dennoch ist die Musik zu dem Hitchcock-Klassiker ein Muss.
Jan Zwilling / 16.02.07
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