Kritiken
Ratatouille (Michael Giacchino)
Disney / 2007
Bewertung:

Der computeranimierte Trickfilm steckt in einer interessanten Phase. Vorbei sind die Zeiten, als die neue Technik aus CGI-Filmen per se ein eigenes Genre machte und den traditionellen Trickfilm fast vollständig verdrängte. Seit „Shrek“ galten die Filme von Pixar und Dreamworks als Garant für spektakuläre Optik, aber ebenso für Funken sprühende Komik und interessante Geschichten. Mittlerweile verfestigt sich die Erkenntnis, dass die Wahl der Herstellungsmethode allein noch keinen guten und vor allem nicht zwangsläufig einen hitverdächtigen Film generiert. Zu viel Mittelmaß wurde in der Welle der Computeranimationsfilme in den letzten Jahren in die Kinos gespült, da können Filme wie „Barnyard“ oder „Flushed Away“ schon zu handfesten Enttäuschungen werden.
Es bleibt abzuwarten, welche Konsequenzen die „Masse statt Klasse“ für den Animationsfilm haben wird. In jedem Falle wird das Genre nicht an originellen Stoffen und an einer Verbreiterung des Genres weg von der reinen Komödie vorbeikommen. Ansätze wie „Beowulf“ oder vor einer Weile auch „Sky Captain“ werden eine Brücke schlagen zwischen animierten und Live-Action-Filmen. Bis dahin steht aber nicht zur Debatte, dass die Platzhirsche Pixar und Dreamworks ihre Spitzenstellungen am Box-Office behalten werden. Mit „Ratatouille“ verspricht nun die Disney-Tochter ein neues Kapitel in Sachen Einfallsreichtum und Story. Das Grundgerüst der Geschichte ist zwar nicht innovativ zu nennen (eine Ratte entdeckt ihre Bestimmung als Gourmet und versucht sich in Paris als Koch), doch die vorab gezeigten Ausschnitte lassen auf eine liebevoll gestaltete Gag-Parade mit nostalgischen Referenzen an alte Cartoon-Standards hoffen.
Für die Musik vertrauen die Pixar-Produzenten einmal mehr auf die Künste von Michael Giacchino, der mit „The Incredibles“ vor drei Jahren einen fulminanten Einstand auf der großen Leinwand feierte. Dieses Mal, soviel sei vorweggenommen, hat er sich erneut in die Annalen des Animationsfilms eingetragen und seinen schon vortrefflichen Vorgängerscore nochmals übertroffen. Giacchinos „Ratatouille“ ist eine meisterlich auskomponierte Spaßmusik, die ihren Reiz aus der absolut flüssigen Kombination von kindlich-überdrehtem Cartoonscoring und ausgereifter Technik bei der Orchestration bezieht.
Doch beginnen wir am Anfang. Der Anfang für die Musik ist der französische Schauplatz, den Giacchino mit einer schmissigen „Marseillaise“ zu Beginn und dem Einsatz des Akkordeons untermalt. Diese Klischees setzt Giacchino bewusst vordergründig ein, ist es doch im Kontext der Geschichte in der Musik ein beträchtlicher Teil der Komik. Um diese Keimzelle spinnt er ein ungemein vielseitiges Netz an Stilen, Instrumenten und musikalischen Showpieces. In seiner Herangehensweise ist er damit ebenso dem klassischen Cartoon verpflichtet, wie wir es am ehesten von Carl Stalling und seinen mehr als 700 Musiken von den 30ern bis Anfang der 60er kennen. Neben dem sinfonischen Apparat mit druckvollen Blechbläsersetzen, einem süffigen Streicherthema und irrsinnig schnellen Flötenläufen hören wir eine Big Band, Gitarren, Pfeifen, Cello- und Violinensoli, Klavier, verschiedene Percussions, einen Country-Bass, Mundharmonika und das Akkordeon. Um in der Küchensprache des Films zu bleiben: An den Zutaten, Gewürzen und Garnituren mangelt es nicht!
Um die mannigfaltigen Stile zusammenzuhalten, setzt Giacchino nicht auf das Zugpferd der übergreifenden Themen, sondern auf die Orchestration. Motive gibt es reichlich zu hören, vor allem das herrlich schmachtende Streicherthema für Ratatouille mit dem altmodischen Violinensolo ist zu nennen, doch anders als bei Scores von John Williams zum Beispiel, sind es nicht die summbaren Melodien, die der Hörer mit nach Hause nimmt. Vielmehr ist der Score so routiniert und pfiffig orchestriert, dass der Wandel der Besetzungen völlig organisch ist. Eine Akkordeonphrase wird plötzlich zum Countrystück, das Sinfonieorchester imitiert eine Big Band und auch die eigenartigsten Instrumentenkombinationen werden zu herzerfrischenden Titeln zusammengestellt. Auf diese Weise schafft Giacchino einen einzigartigen Fluss in der Musik, die trotz der vielen Zutaten stimmig und mit einem roten Faden erscheint. Damit steht seine Musik eindeutig über den netten Versuchen der letzten Jahre, zum Beispiel von John Powell oder Hans Zimmer, und reiht sich ein in die Liga von „The Pagemaster“ (James Horner), „The Secret Of N.I.M.H“ (Jerry Goldsmith) oder auch „Harry Potter“ (John Williams).
Dazu passt, dass die CD die Musik überaus ansprechend präsentiert. Eine Stunde Score und eine hervorragende Aufnahmetechnik sprechen für ungetrübten Genuss, den eröffnenden Song der französischen Pop-Chansonière Camille kann man dabei getrost überspringen.
Geht man von der Musik aus, ist die eingangs gestellte Frage nach der Zukunft des CGI-Films einfach zu beantworten. Mit solch einem zündenden Spaßfeuerwerk scheint zumindest eine Richtung des Genres auf sicherem Weg, denn mit Giacchinos „Ratatouille“ präsentiert sich der Computeranimationsfilm als hedonistische Allzweckwaffe. Der Spaß steht im Vordergrund und die hervorragende Technik, hier bei der Orchestration und filmisch im Sinne der Animationen, sorgt auch für den lang anhaltenden Genuss. Chapeau!
Jan Zwilling / 05.07.07
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