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Kritiken

Raiders Of The Lost Ark (John Williams)

Silva / 1995

CD

Bewertung:


    01. The Raiders March (02:50)
    02. Main Title: South America, 1936 (04:10)
    03. In The Idol's Temple (05:26)
    04. Flight From Peru (02:20)
    05. Journey To Nepal (02:11)
    06. The Medallion (02:55)
    07. To Cairo (01:29)
    08. The Basket Game (05:04)
    09. The Map Room: Dawn (03:52)
    10. Reunion And The Dig Begins (04:10)
    11. The Well Of The Souls (05:28)
    12. Airplane Fight (04:37)
    13. Desert Chase (08:15)
    14. Marion's Theme (02:08)
    15. The German Sub / To The Nazi Hideout (04:32)
    16. Ark Trek (01:33)
    17. The Miracle Of The Ark (06:05)
    18. The Warehouse (00:56)
    19. End Credits (05:20)

    TT: 73 min

Wenn große Ereignisse ihre Schatten voraus werfen, ist ein Blick in die Vergangenheit oft ungemein hilfreich. Besonders in der Welt des Films gibt es nur höchst selten Impulse von solch singulärem Charakter, dass sich nicht ein Vorbild, eine Stilanleihe oder - in letzter Zeit sehr häufig - ein Massentrend finden lässt. Für den wahrscheinlich ersten wirklichen Höhepunkt des amerikanischen Mainstreams des Jahres 2008 erweist der Blick zurück als unabdingbar. Knapp 20 Jahre nach “Indiana Jones and The Last Crusade” dreht Steven Spielberg wieder einen Film über Indiana Jones und greift dabei zurück auf seine Erfolge in den achtziger Jahren. Wengleich der Aspekt der in Mode gekommenen Sequels von Achtziger-Ikonen von Rambo bis John McClane eher für eine verhaltene Erwartungshaltung sorgt, ist eine Rückbesinnung auf die erfrischend handgemachte Abenteueraction der drei Vorgänger verlockend. Es bleibt zu hoffen, dass George Lucas und Steven Spielberg sich dieses nostalgischen Elementes nicht entziehen.

Die Filmfigur des Indiana Jones ist eine Erfindung des erfolgreichsten Schreiberpaares um 1980. George Lucas und Lawrence Kasdan, die erstmals für “The Empire Strikes Back” eine fantastische Welt zusammen entwarfen, setzten nach “Star Wars” den zweiten wichtigen Impuls des Mainstream-Kinos der achtziger Jahre. Indiana Jones (Harrison Ford) ist ein Archäologe, der zwischen akademischer Knochenarbeit in Lehrzimmern und Bibliotheken immer Zeit für quasi-archäologische Feldforschungen findet und dabei in höchst unterhaltsame Abenteuer verstrickt wird. Das Konzept funktionierte blendend, weil mit Jones eine Figur erschaffen wurde, die ein für Ottonormalbürger so attraktives Doppelleben führt und sich im Angesicht seines Feindes mit sympathisch-archaischen Methoden aus der Affäre ziehen kann. Die prototypische Verkörperung des Bösen durch die Nazis sowie attraktive Schauplatzwechsel machen aus im Grunde einfachen Geschichten perfekte Unterhaltung, bei dem nicht zuletzt kleinste Details wie Peitsche und Hut oder die Visualisierungen der Flugstrecken durch nostalgische Karten entscheidend sind. Im Jahr 1980 erschien mit “Raiders Of The Lost Ark” der erste Teil der vorerst nicht unbedingt als Reihe angelegten Indiana Jones Trilogie. Der Film war aber dermaßen erfolgreich, dass nicht nur Harrison Ford “Star Wars” entwuchs (seine Rolle wurde für den dritten Teil dann etwas eingekürzt), sondern dass kurze Zeit später mit “Indiana Jones and The Temple Of Doom” ein zweiter Teil gedreht wurde.
Großen Anteil an diesem Erfolg hatte nicht zuletzt John Williams, der ebenfalls mit “Star Wars” weltberühmt wurde und mit dem “Raiders March” einen zweiten Meilenstein im kollektiven Gedächtnis der Kinogänger schuf. Für ihn war es eine der erfolgreichsten Karrierephasen, denn neben Sternenkriegen und Archäologen gab er bis 1984 auch “Jaws”, “Superman” und “E.T.” eine musikalische Stimme. Die Gefahr bestand, dass Williams im Sog seiner Erfolge für verschiedene Filme einander ähnliche Vertonungen schaffen würde. Tatsächlich weisen besonders “Star Wars” und “Indiana Jones” einige Parallelen im Hinblick auf die zum Einsatz gebrachten musikalischen Mittel auf. Beide Ansätze fußen auf einem ausgewachsenen Sinfonieorchester ohne spezielle Besetzung. Die hoch melodische Durchdringung und der Einsatz von Leitmotiven in fast exemplarischer Manier ist ebenso charakteristisch wie die Tonsprache, die sich an Vorbilder von Berlioz über Stravinsky bis Prokofieff anlehnt. Komplexe, oft streng formalisierte Actionstücke mit transparentem Bläsersatz ergänzen sehnsuchtsvoll wallende Streicherthemen, gerne mit einem Holzbläsersolo, und eine Reihe von Showpieces für heraus stechende Einzelszenen. Obgleich “Indiana Jones” und “Star Wars” demnach zu 90% aus demselben Holz geschnitzt sind, schafft es Williams sie doch in jeder Sekunde unterscheidbar zu gestalten, indem er erstens die Musiken mit dermaßen prägnantem Themenmaterial durchzieht, dass eine Verwechslung ausgeschlossen ist, und zweitens die Opulenz der Sternenkriege durch eine trockenere, durchsichtigere und rhythmisch geradlinigere Instrumentation ersetzt.

Kernstück von Indiana Jones und damit auch des Debüts “Raiders Of The Lost Ark” ist der wohl bekannte “Raiders March”. Im Geiste ist wird dermaßen mit dem Titelcharakter identifiziert, dass in den Hintergrund tritt, dass er in allen drei Teilen nur gelegentlich den Weg in die Partitur findet. Die Veröffentlichung von Silva wird von diesem Stück eröffnet, doch im Film kommt der Marsch erst bedeutend später zu Gehör. Umso höher ist einmal mehr das melodische Geschick von John Williams einzuschätzen, für den solche prägnanten Themen zu erfinden, nach eigener Aussage um ein Vielfaches schwerer sei als jede Orchestration einer langen Actionszene. Zwei Motive wechseln sich in ABA-Sequenz ab, ein ausschließlich von Blechbläsern intonierter Marsch mit der bekannten pfeifbaren Melodie und ein von Streichern und später ebenfalls vom Blech gespieltes Seitenthema. Beiden gemein ist ein von Trommel und Blech vorgegebener simpler Schreitrhythmus und eine mit vielen Punktierungen durchsetzte Melodiestimme. Beides führt zu einer gewissen Nähe zu volkstümlichen Blaskapellen, ein Eindruck der sich aber durch den genialen melodischen Funken nicht allzu tief im Kopf festsetzt.
Der Großteil der Originalmusik zu “Raiders Of The Lost Ark” ist weit weniger schwungvoll, sodass der Einsatz des Marsches an jeder Stelle als Markenzeichen für den Titelcharakter heraus sticht. Schon die Eröffnung gibt mit einem dunklen Klarinettenthema, grollenden Pauken und schönen Cellolinien einen eher düsteren Ton an. Die einfallen Blechbläser von schneidender Schärfe wie in “Le Sacre Du Printemps” von Strawinsky kontrastieren herrlich mit Holzbläsermotiven, sodass ein vergleichsweise modern Klangbild entsteht. Dennoch bleibt auch hier die Melodie omnipräsent, vergleichbar mit späteren Actionsequenzen wie “In The Idol’s Temple” oder den stärker vom “Raiders March” geprägten “Airplane Fight” und “Desert Chase”. Leichter geht es in der amüsanten Verfolgungsjagd “The Basket Game” zu. Hier gibt Williams eins jener scherzohaften, wunderbar verspielten und geschickt orchestrierten Schowpieces zum Besten, die neben der Geschwindigkeit auch die Komik der Szenen nicht außer Acht lässt.
Kleinere Auftritte haben ein herrliches Thema für Oboe für das Medallion und ein in der Tradition von “Leia’s Theme”, “Luke and Leia” und “Han Solo and The Princess” stehendes ausschweifendes Streicherthema für Marion. Markant ist der musikalische Auftritt der Nazi-Schergen, die eine kurze und grimmige Blechbläser-Fanfare erhalten. Williams war begeistert über die komödiantisch-schablonenhafte Darstellung der Bösewichte, für die eine klischeehafte musikalische Marke genau das richtige war.

Eindrucksvollste Erfindung von John Williams für “Raiders Of The Lost Ark” ist aber neben dem Titelthema die Umsetzung des Schatzes, der die zentrale Rolle in der Geschichte spielt. Bei dem Schatz handelt es sich um die Bundeslade, die die Gebotstafeln Moses’ enthalten soll und bei Ausgrabungen in Ägypten vermutet wird. Williams spielt bei seinem Thema aber weniger mit religiösen Zitaten, denkbar wären Anleihen bei Rozsa, sondern charakterisiert den Schatz als Quelle singulärer Schönheit und Macht. In Bezug auf Praktiken Bernard Herrmanns wählt er ein langsam absteigendes Dreinotenmotiv, welches er nach minimalistischen Prinzipien entwickelt. In “The Map Room: Dawn” hat es seinen ersten großen Auftritt und Williams gibt ihm vorerst einen erwartungsvollen, mysteriösen Anstrich durch dunkle Streicher, Harfe und zwei Flöten. Später verdichtet er das Motiv schrittweise durch unisono spielendes Blech, wallende Streicher als Begleitung und von Herrmann inspiriertes Harfenspiel. Hier tritt plötzlich der Chor hinzu und verschafft dem Stück einen eindrucksvollen Höhepunkt. Wunderbar auch der strahlende Einsatz der Trompeten.
Als zum Ende der Schatz (s)eine ganze zerstörerische Kraft einsetzt weitet John Williams dieses Prinzip noch weiter aus, indem er die instrumentatorischen Kräfte noch weiter aufstockt. Melodisch bleibt der “Ark” dabei unangetastet, was ihm den beschriebenen singulär-machtvollen Auftritt beschert. Alles in Allem kann dies als eine der gelungensten thematischen Umsetzungen von Williams gelten, die er nicht zuletzt im dritten Teil in den Katakomben von Venedig humorvoll zitierte.

Fazit: Der Blick in die Vergangenheit lässt hoffnungsvoll auf die nahe Zukunft schauen, denn mit der den Reigen eröffnenden Musik zu “Raiders Of The Lost Ark” hat Williams ein durchdachtes, eindrucksvolles und in Teilen begeisterndes Werk vorgelegt. Kommt dem Erstling der Film und die Musik des Jahres 2008 nahe, können wir auf eins der Highlights in jüngerer Zeit gespannt sein.

Jan Titel / 13.05.08

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