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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Powaqqatsi (Philip Glass)

Nonesuch / 1988

CD

Bewertung:


    01. Serra Pelada (5:02)
    02. The Title (0:23)
    03. Anthem – Part I (6:22)
    04. That Place (4:41)
    05. Anthem – Part II (3:48)
    06. Mosque and Temple (4:42)
    07. Anthem – Part III (8:11)
    08. Train to Sao Paulo (3:04)
    09. Video Dream (2:14)
    10. New Cities in Ancient Lands, China (2:47)
    11. New Cities in Ancient Lands, Africa (2:56)
    12. New Cities in Ancient Lands, India (4:42)
    13. The Unutterable (7:02)
    14. CAUGHT! (7:20)
    15. Mr. Suso #1 (1:08)
    16. From Egypt (3:23)
    17. Mr. Suso #2 with Reflection (1:18)
    18. Powaqqatsi (4:35)

    TT: 74 min

Dokumentarfilmer Godfrey Reggio feierte 1983 einen großen Erfolg mit einem Filmexperiment. Sein Film „Koyaanisqatsi“ (der Titel ist der Sprache der Hopi-Indianer entnommen und bedeutet „Leben aus der Balance“) hatte keine Handlung, keinen Kommentar, keine Geräusche – nur eine Musikbegleitung und starke Bilder, die über einen Zeitraum von 5 Jahren aufgenommen worden sind. Bilder der unberührten Natur und von wild wuchernden Städten mit ihrem hektischen Leben wurden kontrastiert.
Dazu gab es Musik vom amerikanischen Minimal Music-Komponisten Philip Glass, der zu der Zeit schon ein gefeierter Star der amerikanischen E-Musik war, vor allem aufgrund seiner legendären Oper „Einstein on the Beach“, die er zusammen mit Theatermacher Robert Wilson konzipiert hatte. Glass’ Mitarbeit machte Francis Ford Coppola möglich, der den Film finanziell unterstütze und dafür sorgte, dass der Film einen Verleih fand. Der Erfolg war recht groß, so dass Reggio Sequels konzipierte. Das erste, „Powaqqatsi“ (grob übersetzt „Leben im Wandel“) genannt, kam 1988 in die Kinos – die Musik war natürlich wieder von Glass. Der dritte Teil „Naqoyqatsi“ entstand erst 2002.

Das Thema von „Powaqqatsi“ ist die Globalisierung, der Kampf der dritten Welt, nicht den Anschluß an die Industrienationen völlig zu verlieren. Das Hopi-Wort „powaq“ wird im Booklet der CD übersetzt als „an entity or a way of life, that consumes the life forces of other being in order to further its own life”, was man durchaus als Anspielung auf den Raubtier-Kapitalismus sehen kann.
Der Film besucht verschiedene Dritte-Welt-, Entwicklungs- und Industrienationen und zeigt, wie in den jeweiligen Ländern gearbeitet wird. Während „Koyaanisquatsi“ komplett in Amerika gedreht wurde, gab es hier nun verschiedene Länder zu sehen, was Glass auch in seiner Komposition aufgreift. Er arbeitet World-Music-Elemente in seinen Score ein, der dadurch eine ganzes Stück abwechslungsreicher wird als die meisten Arbeiten von ihm.

Das Score-Album beginnt mit einem sehr fröhlichen, lebhaften Stück für Kinderchor, Trillerpfeife, Blechbläser und diverse Percussioninstrumente, und klingt ein bisschen so, als ob es als Temp-Track für das Finale von „Star Wars Episode 1“ gedient hat- der Track „Augie’s Great Municipal Band“ dort ist jedenfalls sehr ähnlich instrumentiert, aber in seiner Struktur natürlich nicht so minamalistisch aufgebaut wie bei Glass.

Ungewöhnlich für Glass ist auch, dass der Score richtige Leitmotive hat. Eines davon wird vorgestellt im Track „Anthem – Part I“, das in kleinen Variationen immer wieder in einzelnen Tracks auftaucht. Es wurde von Peter Weir übrigens in „The Truman Show“ wiederverwendet. Flöten, Trommeln, gestopfte Trompeten, langsam pulsierende Ostinatos der elektrischen Orgel (zur damaligen Zeit scheinbar das Lieblingsinstrument von Glass, es gab fast keine Partituren, wo es nicht vorkam) geben hier den Ton an. Eine besonders interessante Variation dieses thematischen Materials gibt es in „CAUGHT!“ zu hören, wo nur einzelne Fragmente von „Anthem“ jeweils über einen popmusikartigen Hintergrund erklingen. Ein anderes Leitmotiv ist eine Streicherfigur, die in „That Place“ vorgestellt wird. Sie kommt dort über den glass’schen Standardkontrapunkt vor – vollkommen harmonische Akkorde werden als Arpeggien gespielt, also in einzelne Noten aufgesplittet. Die selbe Streicherfigur kommt dann ich leicht veränderter Form z.B. wieder in „Mosque and Temple“ vor.

Die CD enthält allerdings auch wieder viel Glass-Standardware. Dennoch ist sie empfehlenswerter als vieles andere von ihm durch die abwechslungsreichere Instrumentierung, einige World-Music-Einflüsse und ein Hauch thematischer Durchdringung. Dennoch ist es wie immer schwierig, abschließend hier zu einem Urteil zu kommen. Die Musik ist, wie es für Minimal Music nun mal üblich ist, sehr einfach gehalten und glänzt nicht durch großes kompositorisches Handwerk mit feinen Details, sondern ist als Reduktion auf das Wesentliche gedacht. Sie entstand als Gegenbewegung zur immer formalistischer werdenden Neuen Musik, die zur puren Mathematik verkam, bei der bestimmte Komponenten in Reihen abgearbeitet werden mussten.
Da unser Wertungssystem eigentlich darauf ausgelegt ist, anzuzeigen, wie komplex oder detailliert eine Musik aufgebaut ist, stößt es hier natürlich an seine Grenzen. Eine Wertung von 4 Sternen erscheint mir jedoch angebracht, weil das Werk vielseitiger als andere Glass-Kompositionen ist. Jedoch empfiehlt sich für alle Leute, die noch nicht viel Kontakt mit Minimal Music hatten, ein Probehören, ob man sich mit den vielen Wiederholungen von identischen Passagen anfreunden kann.

Jan Boltze / 31.01.07

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