Kritiken
Ponyo On The Cliff By The Sea (Joe Hisaishi)
Colosseum / 2009
Bewertung:

Im Jahr 2008 machte der japanische Komponist mit einem Konzert in Tokyo auf sich aufmerksam, das den Weg auf die Internetplattform youtube gefunden hatte. In vergleichsweise hoher Qualität konnte der Nutzer einen Streifzug durch die 24-jährige Zusammenarbeit Hisaishis mit dem Animationsfilmregisseur Hayao Miyazaki unternehmen. Mittlerweile wurden die Videos entfernt, aber zumindest in Japan kann man das große Konzert mittlerweile auf DVD und Blu-Ray kaufen. Sollte es über gängige Quellen in Europa oder den USA erhältlich sein, ist der Abend mit Joe Hisaishi ein wohlklingender, spektakulär besetzter und umfassender Einblick in die filmmusikalischen Welten des Japaners. Seine harmonischen und traditionellen Scores für die Trickfilme kommen gerade in dem Live-Mitschnitt erstklassig zur Entfaltung.
Neu in der Liste der mittlerweile zehn gemeinsamen Filmprojekte war die Musik zu „Gake no ue no Ponyo“, international vertrieben unter dem Titel „Ponyo on the cliff by the sea“. Inspiriert von der Legende um die kleine Meerjungfrau schwimmt der Film im Fahrwasser von „Arielle“. Eine kleine Nixe trifft auf irdische Menschen und begehrt nicht mehr als ein Leben an Land. Konflikte mit dem Vater sind vorprogrammiert, nebenbei bringen wilde Zauberei und Flucht die Balance der zwei Welten gehörig durcheinander.
Joe Hisaishis Musik für das kindgerecht inszenierte und gezeichnete Abenteuer ist im besten Sinne traditionell und konservativ. Er huldigt dem harmonischen Wohlklang eines üppig besetzten Orchesters, spinnt lange Melodiebögen und vermeidet Misstöne jeglicher Art. Dass Hisaishi diese Taktik erfolgreich anwenden kann, zeigen seine gelungenen Musiken zu „Spirited Away“ und „Mononoke Hime“, die von sehr guter Orchesterbeherrschung, einem Händchen für Klangwirkungen und einem starken melodischen Talent geprägt waren. Gleich der lange Eröffnungstitel von „Ponyo“ beweist, dass hier ein weiterer Score dieser Prägung vorliegt. Flirrende Holzbläser eröffnen gemeinsam mit wohligen Streichern die Musik, wobei sich der Klangteppich langsam zu einem ausladenden, aber unprägnantem Melodiebogen entwickelt. Blechbläser beschränken sich auf flächige Begleitung, weiterhin schimmert ein Chor als weitere Klangfarbe durch. Unterbrochen wird dieses füllige Arrangement immer wieder von verspielteren Passagen mit Celesta, Glockenspiel und Holzbläsern, die Violinen steuern hierzu ein rhythmisches Pizzicato bei. Typisch für Hisashi ist auch der pastorale Einsatz der Hörner später im Eröffnungstitel.
Innerhalb dieser Grenzen spielt sich der komplette Score zu „Ponyo“ ab. Die Streicher vermag Hisaishi dabei flexibel einzusetzen, etwa im sehnsuchtsvollen Thema „The Empty Bucket“ oder rasant wirbelnd. Die Blechbläser treten mehrfach kräftiger als zu Beginn aus dem Orchesterspiel hervor, etwa in „I Want to be a Girl” oder „Ponyo Rides a Sea of Fish“. An diesen Stellen kommt auch das Schlagwerk ins Spiel, vor allem in „Ponyo Rides...“ hat die große Trommel einen druckvollen Auftritt. „Town by a Cove“ zeigt aber, wo in der kraftvollen Musik im Speziellen, im gesamten Score aber auch im Allgemeinen, die Schwächen der Musik liegen. Hisaishi ist nie um eine runde, einfallsreiche Instrumentation verlegen, dennoch wirken seine Arrangements wenig pfiffig. „Town by a Cove“ hat mit den rasanten Streicherwirbeln, dem kraftvollen Blechbläsereinsatz und tief grummelndem Klavier Potenzial, ein knackiger, druckvoller Titel zu sein, dennoch bleibt er erstaunlich brav und ereignislos. Hisaishi malt jede Sekunde zwar liebevoll, aber mit sehr breitem Pinsel und wenig Mut zum Außergewöhnlichen aus – der Musik fehlen daher jegliche Ecken und Kanten, jegliche spannende Reibungen oder außergewöhnliche Instrumentationsidee.
Für Abwechslung sorgt lediglich eine mehrfach auftretende Wagnerhommage (unter anderem „Ponyo Flies“) und die schön ausgestaltete Arie „Mother Sea“. Gerade im Gesangsstück, welches Frauenstimme und Streicher höchst symbiotisch verbindet, zeigt sich das Potenzial von Hisaishis Orchestration. Er verändert den Charakter der Streicher in Richtung klassizistisch, aber ein genialer und pfiffiger Titel wie „Aunt Marge flies“ aus dem dritten Harry Potter von John Williams gelingt ihm an keiner Stelle.
Fazit: „Ponyo On The Cliff By The Sea“ ist eine Hisaishi-Musik wie sie im Buche steht. Klangvoll, warm und wohlig instrumentiert und melodisch stark durchdrungen. Dass der Japaner aber kein bemerkenswertes Hauptthema etabliert und in der Orchestration zu brav bleibt, steht negativ zu Buche. So hat die CD von Varèse Sarabande mit ihren 36 Titeln mehr als eine Länge, obwohl jeder Titel für sich weit von dem Urteil „schlecht“ entfernt ist. So bleibt eine kleine Empfehlung für Freunde harmonisch-konservativer Sinfonik.
Jan Zwilling / 10.08.09
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Zu diesem Beitrag existieren aktuell 2 Nutzer-Kommentare. Letzter Kommentar: 03.09.09.
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