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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Paycheck (John Powell)

Varèse / 2004

CD

Bewertung:


    01. Main Title (03:10)
    02. 20 Items (02:53)
    03. Wolfe Pack (02:54)
    04. Crystal Balls (02:09)
    05. Mirror Message (03:37)
    06. Imposter (03:53)
    07. Hog Chase Part 1 (03:13)
    08. Hog Chase Part 2 (04:04)
    09. I Don’t Remember (01:28)
    10. Tomorrow’s Headlines (04:02)
    11. Future Tense (07:14)
    12. Fait Accompli (06:09)
    13. The Finger (00:33)
    14. Rachel’s Party (02:47)

    TT: 48 min

Philip K. Dick gilt als einer der wichtigsten Sci-Fi-Autoren des 20. Jahrhunderts, der komplexe dystopische Short Stories und Romane schrieb, die trotz futuristischen Setting immer ein Kommentar zur Gegenwart waren. Trotz seiner Tiefgründigkeit hat sich Hollywood in den letzten Jahren gerne seine Stories adaptiert. Prominente Beispiele, die auf Dick-Vorlagen basieren, sind „Blade Runner“ (hier war die Kurzgeschichte „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ die Inspiration), sowie Steven Spielbergs „Minority Report“ oder Richard Linklaters „A Scanner Darkly.“
Im Jahre 2003 versuchte sich John Woo an einem Stoff des berühmten Sci-Fi-Autoren. In „Paycheck“ geht es um einen „Reverse Engineer“, was eine Art Industriespion ist, der nach jedem erledigten Auftrag sein Gedächtnis gelöscht bekommt. In einem Fall wird der von Ben Affleck verkörperte „Spion“ für richtig üble Machenschaften missbraucht und versucht dann, im Anschluss, seine Erinnerungen daran wieder zu erlangen. Geholfen wird ihm dabei von Rachel (Uma Thurman).

John Powells Score für den actionreichen Film bedient sich dabei reichlich aus der Bourne-Musik-Trickkiste. Auch hier dominieren rhythmische Streicher und Percussions (sowohl live gespielte als auch elektronische) das Geschehen. Das restliche Orchester wird dabei aber durchaus auch eingesetzt, es gibt mehrere Momente, in denen melancholisch gefärbte Pianopassagen die Ruhepole zwischen den Action-Setpieces bilden.
Letztere bestimmen aber sehr viel deutlicher den Gesamteindruck des Höralbums und sind auch deren Höhepunkte. Insbesondere die Cues „Hog Chase Pt. 1“ und „Hog Chase Pt. 2“ seien hier erwähnt. Was noch mit einem relativ konventionellen Spannungsaufbau in den Drum-Loops beginnt, steigert sich mit einer rhythmischen Cello-Phrase in ein sehr dynamisches Actionfeuerwerk, bei dem die Blechbläsereinwürfe fast etwas lateinamerikanisches Flair in den Cue bringen. In Part 2 tritt die Actionmusik dann zugunsten der Hauptmotive etwas in den Hintergrund.

Routiniert baut Powell seine Motive dabei auch in die wilderen Actioncues ein. In heutige Zeiten muss man dafür schon fast dankbar sein, da sich viele Komponisten schon gar nicht mehr die Mühe geben, sondern einfach aus ein paar bewegten Streicherlinien, Trompeten und Drumset etwas komponieren, was vielleicht der Szene Dynamik gibt, aber ausser der Instrumentierung oftmals wenig Bezug zum Rest der Musik hat. Auf dieser CD enthält fast jeder Cue ein wiederkehrendes Motiv, manchmal ein eher unscheinbares, voranschreitendes Streichermotiv, zum Beispiel zum Beginn von „Fait accompli“ oder das sehr eingängige und sich sofort im Ohr des Hörers verankernde Thema für die von Uma Thurman verkörperte Rachel.

„Rachel’s Party“ heißt auch der letzte Track auf der CD und überrascht einen beim ersten Hördurchgang doch sehr, denn statt des großen ausschweifenden Orchestertutti-Statement des Themas ertönt hier ein wunderbares Streichquartett. Was im Verlaufe der CD oftmals als kraftvoll-knackiges Zitat in lauten und aggressiven Titeln durchschien, ist hier plötzlich ganz zart und sensibel und im Kontext des Albums herausragend, auch wenn die Komposition an und für sich nicht unbedingt mit Komplexität glänzt. Die schöne Melodie kann das dreiminütige Stück locker tragen.

Neben dem vielen Lob muss man aber auch konstatieren, dass Powell mit seinem Konzept keine Originalitätspreise gewinnt – vieles hier ist eine Weiterentwicklung aus dem ersten Bourne-Film, vor allem der Gebrauch der Streichinstrumente in Kombination mit Drumloops für die Actionsequenzen ist in seiner Art absolut nichts Neues für den Komponisten – aber hier doch mit am Besten umgesetzt. Wenn man mal seine Animations-Partituren außen vor lässt (welche durch ihre Experimentierfreude und Klangfarbenreichtum noch einmal eine ganze Ecke interessanter sind) kann man „Paycheck“ sicherlich zu Powells besten Arbeiten im Actiongenre zählen, die durch ihre konsequente Motivverwendung und rhythmische Vielseitigkeit aus dem restlichen Werk hervorragt. Deswegen können auch hier letzten Endes nur etwas weniger als 4 Sterne vergeben werden. Viel hätte aber nicht mehr gefehlt.

Jan Boltze / 04.11.09

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