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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Oceans (Bruno Coulais)

Columbia France / 2010

CD

Bewertung:


    01. La Fusée (03:03)
    02. La Cavalerie Des Dauphins (02:25)
    03. Le festin De L'Océan (00:42)
    04. Le Temps Des Découvertes (02:30)
    05. La Danse Des Dauphins (01:17)
    06. L'Eveil (03:01)
    07. Les Otaries (02:13)
    08. Le Nouveau Monde (01:35)
    09. Le Récif De Nuit (03:56)
    10. Danses (03:59)
    11. Le Récif De Jour (01:56)
    12. L'Arrivée Des Araignées (02:04)
    13. A L'Aventure (03:35)
    14. Cavalerie Sous La Mer (03:00)
    15. Le Nouvel Océan (04:24)
    16. Jusqu'à La Source (01:39)
    17. Les Massacres (05:16)
    18. Disparus (03:43)
    19. Etranges Créatures -- Lancelot Perrin (01:53)
    20. Aquarium (02:42)
    21. Ocean Will Be -- Gabriel Yacoub (06:03)

    TT: 61 min

Schubladendenken ist für Filmkomponisten Fluch und Segen zugleich. Einerseits hemmt ein ewiges Typecasting durch Produzenten den kreativen Ausdruck vieler versierter Tonschöpfer, andererseits ist der Ruf, ein Spezialist für bestimmte Stoffe zu sein, auch eine kleine Lebensversicherung. So sagte David Arnold in einem Interview, angesprochen auf seine Schublade “Bond-Scores”, dass er darin total gefangen wäre - es aber schlimmere Dinge gebe.
Der Franzose Bruno Coulais hat sich während seiner Karriere immer wieder aus Schubladen herauskomponiert, wohlwissend dass ihm zwei oder drei Aufträge im Jahr ziemlich sicher sind. Erst jüngst rutschte er mit “Coraline” in eine neue Nische, die des verspielten, schräg-abgedrehten Komödienscorings. Nur wenige Monate später kam jedoch “Oceans” in die Kinos, ein majestetischer Dokumentarfilm über die Meere, für den Coulais einen großen, fast klassisch orchestralen Score komponierte. Fernab von Stilpluralität, von grellen Farben und wechselnden Ensembles zeigt er wieder eine neue Seite seines Schaffens.

Grundlage seiner Ozean-Musik ist für Coulais ein sinfonisch besetztes Orchester, in dem vor allem der voluminöse Streicherapparat und kraftvolle Blechbläser hervorstechen. Angereichert wird die mit Soli von Klavier, Celesta, Harfe, Oboe und Violine, zusätzlich spielen Percussioninstrumente ebenso wie Keyboards eine wichtige Rolle. Als Grundstimmung hat sich Coulais beim Meer bedient und einen eleganten, gleichmäßig schreitenden und dennoch zu Teilen kräftigen Orchestersatz entworfen. In jeder Sekunde der Musik bleibt das Grundtempo quasi gleich, schnellere Passagen sind immer mit einem ostentativen Rhythmus versehen. Dieser naheliegende Zug erweist sich als ungemein treffende Charakterisierung, denn egal ob wie in “La Cavalerie Des Dauphins” die Streicher famos wirbeln oder in “L’Eveil” ein majestetisches Blechbläserthema erklingt, die übermächtige, sanfte Kraft des Wassers bleibt permanent präsent. Auch eher verspielte Titel mit Harfensoli, Oboe oder Glockenspielen atmen diesen Geist, der die Musik zusammenhält.
Große Teile der Musik sind ausgesprochen klassisch ausgearbeitet. Anders als man es von Coulais gewohnt ist, bietet er mitunter beeindruckend große Besetzungen auf, um dem Film einen epischen Anstrich zu geben. Dies ist aber so gut orchestriert, etwa im komplexen Arragement von Pauke, Blech und geteilten Streichern im angesprochenen “La Cavalerie Des Dauphins”, dass der bei George Fentons “Blue Planet” gelegentlich eintretende Effekt der Übersättigung nicht zu beobachten ist. In “L’Eveil” eröffnet Coulais im Blech ein derart eindrucksvolles Thema, dass dies, obwohl es im Gegensatz zu anderen Motiven nur selten auftritt, durchaus als Hauptthema fungiert. Dunkle Paukenroller, langsam anschwellende Streicher und einzelne Becken als “Schaumkrone” bereiten das Terrain vor, woraufhin sich mit enormer Kraft ein Melodiebogen in ebenjenem langsam-gewaltigen Duktus anschließt. Die Streicherlinien werden dabei immer wieder vom vollen Blechbläserapparat mit einzelen langen Tönen unterstützt. Ähnlich dramatisch hat Coulais den Choral “Les Massacres” gestaltet. Zu dem schweren Orchesterapparat kommt ein Chor hinzu, der die Melodie und den Text des Abspannliedes vorwegnimmt. Coulais schafft hier eine fast betäubende Stimmung, indem er die Streicher besonders tief spielen und im Chor deutlich Einzelstimmen erkennbar lässt.
Neben den großorchestral arrangierten Passagen hält “Oceans” aber auch viel Kammermusikalisches und Solistisches bereit. “Le festin De L’Océan” zum Beispiel ist ein Harfensolo, das das Eröffnungsmotiv verarbeitet. In ähnlicher Weise arbeitet Coulais auch in “Les Otaries”, wo die Harfe durch Streicher und Percussions ergänzt ist. Zu hören gibt es auch ein ergreifendes Oboensolo in “La Danse Des Dauphins” und schimmernde Arrangements aus Harfe, Glocken und Violinensolo. In Teilen ergänzt Coulais seine Wassermusik auch kräftig mit Synthesizer, um fremdartige Klänge zu integrieren. Dies sind mal windmaschinenartige Effekte oder imitierte Holzbläser, der Bezug um orchestralen Gesamtklang bleibt aber immer erhalten.

Es wird Zeit für eine neue Schublade für Bruno Coulais. Er zeigt in seiner klassischsten und großorchestralsten Arbeit, dass er mehr kann als eklektisches Zusammensetzen von Instrumenten, hervorragendes Arrangieren von Stimmen oder stilsicheres Entwerfen von Klangdesign. “Oceans” ist für durchschnittliche Filmmusikhörer seine vielleichst zugänglichste Musik bisher, ein tiefgründiges Panorama und vortrefflich orchestrierte Symphonie der Meere. In Gänze ist “Oceans” damit überzeugender als zuletzt “Coraline” und vier volle Sterne sind damit gerechtfertigt.

Jan Zwilling / 09.04.10

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