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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Nanny McPhee (Patrick Doyle)

Varese / 2005

CD

Bewertung:


    01. They've Eaten The Baby! (02:42)
    02. No More Nannies (01:24)
    03. Secret Toast and Jam (02:30)
    04. A Clockwork Mouse (01:03)
    05. The Pink Chair (01:00)
    06. I Did Knock (06:02)
    07. Goodnight, Children (04:25)
    08. Measle Medicine (01:31)
    09. Soup Du Jour (01:11)
    10. I Smell Damp (01:40)
    11. Barnyard Fashion (01:37)
    12. Lord of The Donkeys (00:39)
    13. The Girl In The Carriage (03:20)
    14. Kites In The Sky (02:26)
    15. The Room At The Top of The Stairs (01:43)
    16. Toad In The Teapot (03:39)
    17. Our Last Chance (02:17)
    18. Mrs. Brown's Lullaby (01:20)
    19. The Lady In Blue (02:04)
    20. Bees and Cakes (03:45)
    21. Snow In August (07:03)

    TT: 53 min

Blickt man zurück auf Patrick Doyles fast 20 Jahre lange Arbeit für den Film, so fällt auf, dass er bisher insbesondere auf erwachsene Stoffe spezialisiert war. Jahrelange Zusammenarbeit mit Kenneth Branagh machten ihn zu dem Shakespeare-Experten dieser Tage, und auch seine Scores für die Filme des französischen Regisseurs Régis Wargnier boten dem dramatischen Komponisten Doyle weit mehr Möglichkeiten als dem lyrisch-verspielten. Nur einige wenige Einträge in seiner Filmographie weisen darauf hin, dass sich der symphatische Schotte momentan zum Fantasy-Experten zu mausern scheint. 1990 vertonte er “Shipwrecked”, eine schwedische Abenteuerproduktion um Piraten und Gestrandete mit Gabriel Byrne, dort konnte er schon mit einem klassischen, thematischen und großorchestralen Adventure-Score punkten.
Neben diesem Geheimtipp ist noch die Produktion “A Little Princess” von 1995 erwähnenswert, in der Doyle lyrische Phrasen mit gekonntem ethnisch(indischem) Kolorit verband und sich sehr eindrucksvoll in die Situation der jungen Hauptfigur hineinversetzte. Nach einigen Komödien für die älteren Semester wie “Calender Girls” oder “Gosford Park” begann 2003 mit dem frischen, abwechslungsreichen Abenteuerscore “Secondhand Lions - Löwen aus zweiter Hand” sein leise Wandlung, die er dieses Jahr mit den beiden Musiken zu “Harry Potter und der Feuerkelch” und “Nanny McPhee” eindrucksvoll komplettierte. Weniger als durch den hier besprochenen Score als durch sein Einsteigen in die Harry Potter Reihe dürfte zudem der Marktwert des Komponisten in Hollywood mit dieser neuen Richtung stark gestiegen sein.

“Nanny McPhee” ist eine Kinderbuchadaption, die die langjährige Bekannte Doyles Emma Thompson für das Kino adaptierte. Neben dem Drehbuch übernahm die britische Charakterdarstellerin die Hauptrolle selbst, eine schaurig-hässliche Nanny, die mehr auf dem Kasten hat als es zuerst scheint. In dem phantasievollen Märchen kommt sie in das Haus von Cedric Brown (Colin Firth), der nach dem Verlust seiner Frau mit den aufgeweckten und aufmüpfigen sieben Kindern fertigwerden muss. Diese verjagen gewitzt und schamlos jedes Kindermädchen und entdecken erst spät die wunderbaren Vorzüge der Hexe Nanny McPhee.
Doyle, der schon früh in die Produktion eingebunden war, zeigte sich begeistert über die musikalischen Möglichkeiten die sowohl die fantastischen als auch die romantisch-komischen Momente der Geschichte boten. Dementsprechend komponierte er einen im besten Sinne klassischen Score voller thematischer Einfälle, verspielter Orchestration und einem ordentlichen Schuss Kinomagie. Nahe steht er damit vor allem Musiken von Bruce Broughton ("Miracle On 34th Street"), James Horners Animationsfilmmusiken und vor allem im reizvollen Mickey Mousing John Williams. Abseits dieser stilistischen Steilvorlagen konnte Doyle aber ein eigenständiges, konsequent unterhaltsames und überaus charmantes Werk komponieren, welches keine Scheu vor ausladenden Phrasen wie vor einem epischem Anflug zum Ende hin hat.

Die Musik lässt sich vielleicht am besten vermitteln, wenn man sich zwei einzelne Tracks genauer anschaut. Im einleitenden “They’ve eaten the baby” bietet Doyle als Eröffnung vorzügliches Mickey Mousing, ein gestelztes Spinett spielt eine feingegliederte und trotzdem tapsige Melodie, welche von Fagott und leichtem Blech ironisch begleitet wird. Später wird die Stimmung freundlicher und das Spinett wird von pizzicato-Streichern begleitet, während das Fagott weiterhin monoton hinterherstapft. Ein vergnüglicher und verspielter Auftakt zu dem kräftig orchestralen Thema, welches plötzlich mit einem Trommelwirbel auftaucht. Leicht swingig im Bläsersatz, aber mit mannigfaltiger Orchesterbegleitung von Triangel bis Flötentriller und pizzicato und ausladenden Harfenarpeggien, geht auch hier die Freude am Detail nicht verloren. Daneben wird noch das eigentliche lyrische Hauptthema kurz angeschnitten und ein Trauermarsch von Brahms zitiert.
Der längere Track “I Did Knock” vereint die elegischen Teile der Musik durch eine ausladende Version des lyrischen Themas, welches doyle-typisch im satten Streichersatz und ungewöhnlich vielem Beiwerk von Holz und Klangwerk wie Harfe, Glockenspiel und Becken stark märchenhafte Züge annimmt. Ein ätherischer Chor verweist auf das sehr dramatische und gefühlvolle Finale. Nach einem ruhigen, holzbetonten Zwischenspiel entwickelt der Track eine überraschend kräftige Seite, die als Hinleitung zu ähnlichem Actionmaterial aus “Harry Potter 4” gesehen werden kann. Dumpfe Percussions, Beckenschläge und ein ziemlich vertrackter Blechbläserpart werden ergänzt von stoßhaften Horncollagen und Chor.

Nun glänzt der Score auch in kleinen Details wie die an Prokofieff erinnernden gestopften Trompeten, die zuweilen auftauchen, dem spannenden Einsatz der Trommeln oder dem immer wieder phantasievollen Mickeymousing, in das alle Orchesterteile einbezogen werden. Dies ist alles schön und ausgefeilt gemacht und ein gerade zur Weihnachtszeit sehr schönes Hörerlebnis. Gerade das enorm detailreiche Mickey Mousing ist dabei eine kleine Novität in Doyles Werk und durchaus zu begrüßen. Natürlich haben wir es hier mit wunderbar verpackten Oberflächenreizen zu tun, die den dramatischen Gehalt und die konzeptionelle Klasse von Scores wie “Dead Again” oder “Henry V” nicht erreichen. Drum mit 4 Sternen eine eindeutige Empfehlung, nicht mehr und nicht weniger.

Jan Titel / 01.02.07

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