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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Mutiny On The Bounty (Bronislaw Kaper)

FSM / 2005

CD

Bewertung:


    CD 1

    FILM RECORDINGS
    01. Overture (4:37)
    02. Main Title/ Portsmouth Harbor (4:23)
    03. Leaving Harbor (3:27)
    04. Two Dozen Lashes/ Men Break Ranks (3:48)
    05. Bounty/ Chart (1:12)
    06. Making for the Horn (2:07)
    07. Norman (0:41)
    08. The Storm (3:02)
    09. We’ve Lost (1:08)
    10. Whiplashing Montage (2:53)
    11. Tahitians (4:50)
    12. Maeve, Maeve/ Te Manu Pukarua/ Go On Then/ Girls and Sailors (3:48)
    13. Follow Me (Love Song) (3:07)
    14. Rule Britannia/ Rubbing Noses/ Lovemaking Montage/ Potting Shed (3:57)
    15. Maimiti/ Goodbye Maimiti/ Deserters and Outrigger Chase/ Prisoners/ Intermission (9:47)
    16. Tahitian Drums/ Entr’acte (3:47)
    17. Maururu A Vau (Tahitian Farewell Song)/ Dead Plant (2:50)
    18. The Ladle (1:19)
    19. One (1:44)
    20. Keel Hauling/ Headsails and Foresails (4:52)
    21. Sea Water (2:47)
    22. Breadfruit Overboard (1:41)
    23. Back to Tahiti/ Torea (1:56)
    24. Maimiti Go Too (4:32)

    CD2

    01. Searching/ Wrong Chart and Pitcairn (6:19)
    02. The Vote/ They’ve Given Up/ Gentle/ Christian’s Death/ Definite End (15:20)

    ALTERNATE RECORDINGS
    03. Main Title/ Prologue/ Chanties (6:29)
    04. Leaving Harbor (3:31)
    05. Bounty/ Chart (2:04)
    06. Making for the Horn (3:32)
    07. The Storm (5:02)
    08. Whiplashing Montage (2:40)
    09. Tahitians (5:14)
    10. Tahitian Folk Song/ Kids and Leis/ Go On/ Girls and Sailors (4:24)
    11. How Very Sweet (2:46)
    12. Maimiti/ Goodbye Maimiti/ Chase/ Prisoners/ Plotters and Intermission (9:59)
    13. Dead Plant (1:31)
    14. The Ladle (1:45)
    15. One (1:54)
    16. Keel Hauling/ Headsails and Foresails (4:49)
    17. Sea Water (0:58)

    CD3

    01. The Mutiny (3:21)
    02. Breadfruit Overboard (2:20)
    03. Tofoa Be Damned (1:05)
    04. Burial Service (2:02)
    05. Maimiti Go Too (4:14)
    06. After Court/ Wrong Chart/ Pitcairn (5:13)
    07. The Bird/ Little Mutiny (1:18)
    08. The Vote/ They’ve Given Up/ Gentle/ Christian’s Death and Epilogue (15:21)

    BONUS MATERIAL (44:37)
    9. Overture Introduction (alternate) (0:29)
    10. Theme from “Mutiny on the Bounty” (album track) (2:18)
    11. Leaving Harbor (intermediate) (2:38)
    12. Two Dozen Lashes/ Bounty (intermediate) (0:28)
    13. Making for the Horn (intermediate) (1:41)
    14. Whiplashing Montage (intermediate) (3:00)
    15. Arrival in Tahiti (album track) (3:16)
    16. Ori E Ori E/ Te Manu Pukarua (Native Festival Music) (2:12)
    17. Girls and Sailors (album track) (1:56)
    18. Love Song from “Mutiny on the Bounty” (Follow Me) (Tahitian album track) (2:11)
    19. Torea/ Tahitian Drums (Native Festival Music) (2:18)
    20. Rule Britannia/ Lovemaking Montage (alternate) (3:47)
    21. Outrigger Chase (album track) (2:01)
    22. Burial Service (alternate version) (2:01)
    23. Pitcairn Island (album track) (1:49)
    24. Christian’s Death (album track) (4:40)
    25. Tahitian Outtakes (3:43)
    26. Leaving Harbor (album track) (2:37)

    TT: 238 min

Zur Feier seiner 100. CD-Veröffentlichung brachte FSM Bronislau Kapers wahrscheinlich berühmteste Partitur in einem luxuriös ausgestatteten 3-CD-Set auf den Markt. Der Film erregte 1962 sehr viel Aufmerksamkeit durch ein riesiges Budget. Der Film war zwar von Anfang als Big-Budget-Projekt angelehnt, aber selbst das hohe Anfangsbudget wurde mehrmals überzogen. Hauptgrund waren die Star-Allüren des Hauptdarstellers Marlon Brando.

Die wahre Geschichte und die ersten Verfilmungen

Die Meuterei auf der Bounty hat es wirklich gegeben. 1789 fand sie statt. Der First Lieutenant Fletcher Christian führte die Revolte an, nachdem der sowieso sehr temperamentvolle Kapitän William Bligh die Weiterfahrt aus Otaheite (heute Tahiti) anordnet, obwohl die paradiesischen Verhältnisse (gutes Wetter, jede Menge gutaussehende Frauen usw.) den Männern sehr zusagt. Der Kapitän und ein paar ihm noch loyal ergebene Männer werden in einem kleinen Boot ausgesetzt, mit dem es ihnen gelingt, 3618 nautische Meilen bis Timor zurückzulegen, ohne dass jemand umkommt. Eine erstaunliche Meisterleistung der Seefahrt.
Blighs Ruf ist zerstört. Historische Quellen belegen, dass Bligh längst nicht so ein tyrannischer Kapitän gewesen ist, wie er immer dargestellt wird. In einer Gerichtsverhandlung kann ihm auch nichts Verwerfliches nachgewiesen werden, so dass er einen Posten als Gouverneur in New South Wales ergattern kann. Ein Militärkommandant „stürzt“ ihn aber, und steckt ihn für zwei Jahre ins Gefängnis.
Auch Romane und viele Filme stellen Bligh eher als Barbaren dar, die Sympathien der Zuschauer gehören den Meuterern. Die erste Verfilmung ist ein Stummfilm von 1916 mit dem Titel „The Mutiny Of The Bounty“. 1933 folgt dann eine australische Filmproduktion „In The Wake of the Bounty“, die einen jungen und zu der Zeit noch unbekannten Errol Flynn in der Rolle des Fletcher Christian zeigte. 1935 feierte MGM einen großen Erfolg mit ihrer ersten Verfilmung des Stoffes. Charles Laughton spielte Captain William Bligh, Clark Gable war Fletcher Christian. Die Kosten für die 1935er-Version lagen bei damals enormen 2 Millionen Dollar. Die Filmmusik stammte damals von Herbert Stothart, Bronislau Kaper steuerte zusammen mit Walter Jurmann den „Love Song of Tahiti“ bei, ohne dafür in den Credits erwähnt zu werden.

Ende der 50er Jahre sah man sich in Hollywood gezwungen, immer spektakulärere Filme zu machen, um die Leute von ihren Fernsehgeräten wegzulocken. MGM war dies insbesondere mit „Ben-Hur“ gelungen. Auf der Suche nach einem Stoff, der einen ähnlichen Erfolg garantieren würde, kam man auf die Idee ein Remake von „Mutiny on the Bounty“ zu produzieren.

Der Film von 1962

Dieser Film sollte, genau wie die erfolgreiche Version von 1935 auf den Roman von Charles Nordhoff und James Norman Hall (der Vater vom legendären Director of Photography Conrad Hall) basieren. Produzent Aaron Rosenberg bekam ein Budget von 14 Millionen $ bewilligt. Filmregisseur John Sturges schlug für die Rolle des Captain Bligh Marlon Brando vor, der zu der Zeit ein absoluter Superstar war und für volle Kinosäle sorgen würde, nachdem er mit „A Streetcar Named Desire“, „Viva Zapata“ und „On The Waterfront“ Triumphe gefeiert hatte. Allerdings ging MGM damit auch ein großes Risiko ein, denn Brando war für seine Schwierigkeiten, die er am Set machte, berühmt. So ließ er das Drehbuch etliche Male umschreiben, wodurch der Zeitplan und damit auch das Budget heftig überschritten wurde. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber schätzungsweise lagen die Kosten am Ende zwischen 18 und 27 Millionen Dollar- teurer war nur noch „Cleopatra“ von 20th Century Fox. Diese Produktion hatte ganz ähnliche Probleme – der Star des Films mischte sich überall ein und hatte eine sehr wechselhafte Arbeitsmoral. Bei Cleopatra war es Liz Taylor, bei „Mutiny on the Bounty“ eben Marlon Brando.
Irgendwann hatte Regisseur Carroll Reed genug, und gab den Posten an Lewis Milestone ab, der noch schlechter mit Brando zurechtkam. Brando redete daraufhin über seine gewünschten Script-Änderungen direkt mit dem Produzenten und dem Drehbuchautoren Charles Lederer, was dazu führte, dass Milestone in einem Interview mit einer Zeitung sagte: „Very often, I’d take a nap until they informed me His Highness was ready to submit to my cameras. It was harrowing for me, but in terms of extra sleep I got, quite restful.“ (Sehr oft informierte man mich nach einem Nickerchen, dass Seine Hoheit jetzt bereit wäre, sich meinen Kameras zu stellen. Es war grauenhaft für mich, aber wenn man bedenkt, wie viel Extra-Schlaf ich deshalb bekam, auch sehr erholsam.) Manche Einstellungen wurden auf drei oder vier verschiedene Arten gedreht, wenn es keine Einigung zwischen Produktion, Regie, Drehbuchautor und Schauspieler gab. Auch seine Schauspielerkollegen konnten mit Brandos Arbeit (nach Lee Strasbergs Theorie des „Method Acting“) nichts anfangen. Der Brite Trevor Howard, der Kapitän Bligh spielte, nannte Brandos Verhalten „unprofessionell und absolut lächerlich.“ Howard hatte auch sonst seine Probleme mit der Produktion. Er wusste von dem historischen Kapitän Bligh, und dass er nicht so barbarisch war, wie viele von ihm dachten. Und das Drehbuch des 62er – Films hatte aus ihm einen noch bösartigeren Charakter gemacht, als es Charles Laughton bereits im Film von 1935 war.

Nachdem Brando einen Rohschnitt des Films sah, bestand er auf einem Nachdreh, für den er sogar auf sein übliches Gehalt von 25000 $ pro Woche verzichtete. Dort führte er selbst Regie, weil Milestone sich nicht nochmal mit Brando abgeben wollte. Während der Film in die Postproduction ging, berichtete die Presse ausführlich über die Dreharbeiten. Unter anderem starben drei Mitglieder der Crew, zwei an Herzversagen, was die Presse auf den Streß zurückführte. Nach fast 3 Jahren kam es am 8. November 1962 zur Premiere. Der fertige Film kam sogar gut bei den Filmkritikern an, nur Brandos Performance wurde sehr gemischt bewertet.

Der Score

Der 1902 in Warschau geborene Bronislau Kaper kam 1935 sozusagen von der Straße weg nach Hollywood als MGM-Chef Louis B. Mayer in Paris einen Song von Bronislau Kaper („Ninon“) gehört hatte, der ihm so gut gefiel, dass er ganz Paris nach dem Komponisten dieses Songs absuchte.
In den ersten Jahren in Hollywood arbeitete Kaper dann vor allem auch als Songschreiber, unter anderem eben auch für die 35er Version von „Mutiny on the Bounty“. Das Remake von 1962 war seine letzte Arbeit für MGM. Ursprünglich sollte Miklós Rózsa, der Star unter MGMs Vertragskomponisten, die „Bounty“ musikalisch betreuen. Er nahm sogar ein paar Demos auf, hauptsächlich Seemannslieder und einen Percussiontrack. Am Ende hatte er jedoch keine Zeit, um die Aufgabe zu übernehmen, da er nach „King of Kings“ (1961) an der unabhängigen Produktion von „El Cid“ arbeitete. Danach wandte man sich an Kaper, der 14 Monate lang an der Musik arbeitete und für Recherche-Zwecke in die Südsee flog und die dort heimische Musik aufnahm. Sein bei MGM auslaufender Vertrag wurde sogar extra für den Abschluß des Auftrags verlängert. Durch ständige Änderungen im Schnitt kam es dazu, dass Kapers Score quasi in zwei Versionen aufgenommen wurde, die beide in kompletter Form auf dem FSM-Album enthalten sind und einen interessanten Vergleich erlauben. Der fertige Film, der fast 3 Stunden dauerte, enthielt am Ende 101 Minuten Musik.

Die Musik wird vor allem von zwei Themen dominiert. Einmal das Thema für die HMS Bounty selbst, eine noble Melodie, die ein wenig an die Klischees der englischen Seefahrersinfonik im Stile von „Rule Britannia“ angelehnt ist. Letzteres Stück wird im Film sogar verwendet, als die „Bounty“ das erste Mal im Film Segel setzt und zu ihrer langen Reise aufbricht. Einige stillere Variationen entfernen sich aber doch merklich von diesem „Pomp and Circumstance“- Gestus. Kapers Musikmaterial ist flexibel einsetzbar.
Das zweite Thema ist das „Love Theme“ für die Beziehung zwischen dem Meuterer Fletcher Christian und der tahitianischen Eingeborenen Maimiti, welches gerne exotisch instrumentiert verwendet wird. Häufig wird das ganze von einem Chor dargeboten, den Kaper in Tahiti aufgenommen hat, nur begleitet von Percussions. Aber auch als dramatisch-pathetische Variante für Streicher während Christians Sterbeszene am Ende des Films findet es beeindruckend Verwendung.

Beide Themen sind sehr eingängig, was Kaper erlaubt, ausgefeilte Versionen davon dem Hörer zu präsentieren, ohne dass er den roten Faden in der Musik „aus den Ohren verliert.“ Daneben gibt es natürlich einige Seitenmotive, zum Beispiel eine orchestrale Version einer Melodie, die aus einem von Matrosen gesungenen Lied stammen könnte. Dies erklingt zum Beispiel recht am Anfang des Films, kurz bevor die „Bounty“ ausläuft. Neben dem thematischen Material gibts aber auch einige musikalische „Setpieces“, die aufhören lassen. Dazu zählt zum Beispiel der Cue „The Storm“, der im Film erklingt, als sich die Bounty durch die widrigen Wetterbedingungen am Kap Hoorn kämpft, die auch in der Realität schon viele Todesopfer gefordert haben. Der Track beginnt mit ein paar Statements des „Bounty“-Themas über die unruhig auf- und abschwellenden Streicher, die damit lautmalerisch den starken Wellengang übernehmen. Nach einem ruhigeren Zwischenteil steigert sich das ganze dann in eine furiose Mischung aus Streichern und dissonanten Blechbläsern, das „Bounty“-Thema ist nicht mehr auszumachen, da hier die rauhe Natur die Szenerie dominiert.

Interessant wird es dann auch, wenn man die verschiedenen Versionen der Stücke vergleicht. Das Booklet unterstützt den Hörer dabei vorbildlich, in dem es Unterschiede auflistet und auch die Daten nennt, wann welches Stück aufgenommen wurde. Vom Cue „Leaving Harbor“ gibt es in dem Set insgesamt 3 Versionen, einmal die Filmversion mit „Rule Britannia“-Zitat, die ein paar Monate vorher entstande Version ohne „Rule Britannia“ und ein Album-Arrangement mit einem ausgearbeiteteren Schluss. Und das ist nur ein Beispiel von vielen, wie Kaper mit den vielen Schnittänderungen umging.



Noch ein Wort zu der Tonqualität: die über 40 Jahre alten Originalbänder waren bei MGM optimal aufbewahrt. Der Klang ist fantastisch und wirkt 10 bis 15 Jahre jünger als er eigentlich ist. Damit ist auch das letzte Kritierium erfüllt, um aus diesem Set ein absolutes Referenzprodukt zu machen. Zusätzlich ist der Preis fair ausgefallen: FSM verkauft dieses luxuriöse Box Set für rund 35 US-Dollar, was es in der Euro-Zone noch mal erschwinglicher macht.

Fazit: Das Set ist schon fast alleine durch die luxuriöse Ausstattung bei einem fairen Preis anschaffenswert. Erschwerend als Kaufgrund kommt jedoch noch hinzu, dass „Mutiny on the Bounty“ höchstwahrscheinlich Kapers Opus Magnum darstellt und außerordentliche Qualität aufweist. Bei 5 Sternen muss man die Musik definitiv einordnen, vielleicht sogar bei einem halben Sternchen mehr. Auf jeden Fall ist es erfreulich, dass FSM das Set in einer „wir packen alles auf die CDs, was sich finden lässt“- Mentalität veröffentlicht hat. Die Quervergleiche zwischen den einzelnen Versionen der Tracks sind teilweise nicht unspannend. Auch das Booklet kann sich sehen lassen, 48 Seiten stark, tolles Design, jede Menge Filmfotos und informative Liner Notes plus Track-für-Track-Analyse lassen keinen Wunsch unerfüllt.
Auch soll an dieser Stelle nicht unerwähnt sein, dass von Kaper nur sehr, sehr wenig auf CD erhältlich ist. Das rechtfertigt neben der edlen Ausstattung auch noch zusätzlich die Höchstpunktzahl. (Die meisten anderen Kaper-Veröffentlichungen stammen scheinbar auch von FSM, die in den letzten Jahren eine ganze Menge Kaper-Alben auf den Markt gebracht haben.)

Jan Boltze / 31.01.07

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