Kritiken
Munich (John Williams)
Decca / 2005
Bewertung:

Es waren kaum zwei Monate vergangen, nachdem John Williams im Herbst 2005 die Aufnahmesitzungen für “Die Geisha” beendete, als er bereits wieder in den Sony Studios in Culver City vor dem Orchester stand und den Taktstock für eine weitere Filmmusik hob. Sein langjähriger Weggefährte und Freund Steven Spielberg stellte nach einer enorm kurzen Postproduktionsphase seinen im Sommer gedrehten Film “Munich - München” fertig, einem politischen Thriller um die Wirrungen und Irrungen der Zeit unmittelbar nach dem Attentat auf israelische Athleten bei der Olympiade 1972 in München. Der Film, rechtzeitig zum Oscarrennen fertig geworden, fokussiert sich auf den persönlichen Konflikt eines Mannes, der in mehreren verdeckten Einsätzen im Auftrag des israelischen Geheimdienstes Mossad Rache üben soll an den vermeintlichen Tätern, palästinensischen Extremisten.
Dieser Stoff stellt in der Filmographie von Williams kein wirkliches Novum dar, denn gerade in seiner Zusammenarbeit mit Oliver Stone ("JFK", “Nixon") konnte er bereits Erfahrungen mit dem politischem Thriller sammeln und dies mit durchaus sehr beachtlichem Erfolg. Ebenso wie die genannten Vorgänger - und teilweise eventuell auch dem etwas engen Terminplan geschuldet - enthält “Munich” für seine Verhältnisse recht wenig Musik, ungefähr 60 von 160 Filmminuten sind unterlegt. Doch in Hinblick auf die gebotene Qualität und hier vor allem Originalität der Untermalung, ist der neueste Streich den Scores zu Stone-Filmen weit unterlegen, konnte sich Williams doch zu keinen wirklich überzeugenden neuen Ideen oder zumindest frisch und inspiriert wirkenden Neuinterpretationen alter Vertonungskonzepte durchringen.
Die Musik zu Munich besteht einfach gesprochen aus zwei Teilen, einem emotionalen Part, der sich auf die Gefühlswelten von Hauptfigur Avner (Eric Bana) und seiner Frau sowie dem Gedenken auf das Massaker bezieht, und einem funktional-spannenden, der viele der Szenen unterlegt, die mit Avners Racheaufträgen und Einsätzen zusammenhängen. Für den ersten Teil setzt Williams vor allem auf die Wirkung eines Streichorchesters gepaart mit solistischen Darbietungen der beiden Hauptthemen, dem Munich-Theme und dem Thema für Avner. Die Streicherbehandlung ist dabei routiniert, leicht herb mit einigen kleinen Reibungen und dennoch recht emotional. Gelegentlich kommen einem die voluminösen Streicherflächen aus “Born On The Fourth Of July” in den Sinn. Zu Beginn des Films hören wir die Solisten Lisbeth Scott mit einer Interpretation des Munich-Themes, welche zwar gut gesungen, komponiert und begleitet ist, mit seiner offensichtlichen Gladiator-Nähe etwas platt wirkt. Im weiteren Verlauf treten noch Oboe, Cello, Klavier und Gitarre als Solisten auf, das Arrangement bleibt jedoch meist sehr ähnlich. Gleiches gilt auch für die orchestrale Version der israelischen Hymne, die Williams für den Track “Hatikvah” arrangiert hat. Diese wirkt sehr edel und routiniert orchestriert, bietet aber auch wenig Bemerkenswertes oder gar Neues.
Die Suspensestücke setzt Williams aus den unteren Lagen des Orchesters und phasenweise sehr präsentem Synthesizer zusammen. Dunkle Klaviercluster, ominöses Rauschen der Bässe, minimalistische Tupfer der Pauke und viel elektronische Loops sorgen vor allem für Atmosphäre, eine wirkliche Struktur oder Konzeption bleibt schleierhaft. Die gelegentlich durchschimmernde fernöstliche Exotik ist mehr eine Randerscheinung, eine Klangfarbe, die das Geschehen zuweilen kommentiert. Vereinzelt dringen kleinere Motive, zum Beispiel zum “Black September”, in den Streichern in den Vordergrund oder Williams lässt das Orchester dissonant anschwellen. Mit der Zeit beschleicht einen das eindeutige Gefühl, dass diese Passagen der Musik den Komponisten kaum Anstrengungen, Zeit oder Hingabe gefordert haben, zu sehr beliebig und standardmäßig erklingen sie.
Der dramatische Gehalt der Musik ist durchaus nicht schlecht, im Zusammenhang mit dem Film werden wohl sowohl die emotionalen als auch die aufreibenden Stücke ihre Wirkung entfalten. Gerade der sparsame Einsatz der Musik bringt die elegischen Hymnen im Filmkontext gut zur Geltung. Doch bleibt der Eindruck, dass Williams hier mit zu wenig Elan und Kreativität in die Aufgabe gegangen ist. Seinen Vergleichswerken „JFK“ oder „Nixon“ konnte er ungleich mehr inspirativen Atem einhauchen.
So bleibt “Munich”, trotz routinierter und solider Ausführung, ein durchschnittlich interessanter Thrillerscore. Die Musik bietet von CD einige Stücke, die durchaus gut zu hören sind, aber auch die sehr uninspiriert wirkende Spannungsmusik. So kann man am Ende nur konstatieren, dass “Munich” leider die schwächste Musik aus dem arbeitsreichen Jahr 2005.
Jan Titel / 05.02.07
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