Kritiken
Monte Carlo (Michael Giacchino)
Varèse /2011
Bewertung:

Der Blick in den Duden ist zuweilen erhellend. Unter dem Stichwort Fahrstuhlmusik findet sich dort die folgende Erklärung: „Substantiv (Namenwort). Bedeutung: Fahrstuhlmusik oder auch Kaufhausmusik wird allgemein in Fahrstühlen, Kaufhäusern, Hotels und manchen Arbeitsumgebungen als Hintergrundmusik eingesetzt. Bestimmte Musikstücke werden auch abwertend als Fahrstuhlmusik bezeichnet, weil sie – ohne Ecken und Kanten – einfach so ‚dahinplätschern’ und im Hintergrund laufen ohne zu stören.“ Nun ist ein solches Prädikat für jede Musik ein sehr hartes Urteil, denn die verächtliche Konnotation verstellt den Blick darauf, dass auch diese Kompositionen passgenau angefertigt wurden – nämlich als nette und unverfängliche Berieselung in einem Kontext, in dem sie nicht mehr sein muss und darf. Dies kann ein Fahrstuhl sein, ein Kaufhaus oder ein Film, der selbst so glatt und oberflächlich ist, dass eine ambitioniertere Untermalung eher störend wirken würde.
Dies ist im Falle der vorliegenden Filmmusik zu „Monte Carlo“ eindeutig gegeben. Die Frage ist also eigentlich weniger, warum der Score von Michael Giacchino so locker, gefällig und glatt geraten ist, sondern warum der vielbeschäftigte Amerikaner überhaupt Feder und Notenpapier dafür zückte. Bei dem Film handelt es sich um eine weichgespülte romantische Komödie mit Teenie-Star Selena Gomez in der Hauptrolle. Gomez spielt eine junge Amerikanerin, die mit ihrer Schwester und einer Freundin einen highlightarmen Besuch in Paris verbringt, bis sie, man glaubt es kaum, mit einer vermögenden britischen Erbin verwechselt wird und fortan in eine Serie unglücklich-vergnüglicher Umstände gerät. Ursprünglich sollte Nicole Kidman in einer etwas erwachsenen Version der Geschichte (sie basiert auf dem Roman „Headhunters“ von Jules Bass) spielen, in mehreren Re-Writes kam jedoch eine peppig-banale Jugendschnulze heraus. Michael Giacchino kam für diesen Film nur deshalb ins Spiel, weil Thomas Bezucha letztlich Drehbuch und Regie übernahm. Bezucha hatte Giacchino bereits für „The Family Stone“ angeheuert – offenbar eine nette Erfahrung für den Komponisten.
Ein Film dieser Art, vielleicht bezeichnet man ihn tatsächlich als Fahrstuhlfilm oder adäquater als Flugzeug- oder Nachmittagsprogramm-Film, benötigt natürlich keine dramaturgisch und tonmalerisch ausgefeilte Partitur. So präsentieren sich Giacchinos knapp 50 Minuten Musik als eine perlende Mischung aus kammermusikalisch-romantischen Episoden des Orchesters und ebenso unverbindlichen Einlagen von Jazz-, Pop- und Lounge-Ensembles. Zu den zum sinfonischen Standard gehörenden Streichern und Holzbläsern kommen Gitarren, Schlagzeug, Klavier und Big-Band-Bläser. Der Gestus der Musik ist dabei immer popsinfonisch, zu keiner Zeit versucht Giacchino allzu exotische oder tiefgehende Arrangements für sein Instrumentarium zu finden. Der Schauplatz bleibt dabei austauschbar, denn eine (vermeintlich) französische Färbung des Scores sucht man vergeblich, selbst das Akkordeon-Klischee gibt es nur extrem selten zu hören („Almost Everyone Is Happy“). Prägnanter wird es lediglich, wenn Giacchino den seichten Pop-Rhythmus, der die Musik fast vollständig durchzieht, zugunsten eines kräftigeren Big-Band-Klanges zurückfährt. Dort kommen verschiedene Blasinstrumente und auch ein E-Bass zum Einsatz (beispielsweise „Junk In The Trunk“ oder in einigen der letzten Titel der CD), das macht mehr Stimmung als die vielen Wiederholungen des banalen Hauptthemas auf dem Klavier vor Schlagzeug und Streicherwand. Hierbei hat sich Giacchino augenscheinlich wenig Mühe gegeben, denn auch solche leichten Stoffe kann er sicherlich ambitionierter untermalen.
Zuletzt sei angemerkt, dass man auch Fahrstuhlmusik etwas aufregender und einfallsreicher gestalten kann. Als Beispiel soll John Williams launige Musik zu „The Terminal“ genügen, die zwar ebenfalls niemandem weh tut und seine Dienste gefällig und lässig leistet, aber mit dem konzertanten Klarinettenstück und einigen schönen Streicher- und Tangoensemble-Stücken erheblich mehr Pfiff und Abwechslung hat. Insofern ist „Monte Carlo“ im Kontext der vielen Giacchinoarbeiten in der Jahresmitte 2011 tatsächlich nur ein verzichtbarer Zwischengang, ein kleiner Fahrstuhl zwischen zwei Etagen, den man eigentlich kaum benötigt.
Jan Zwilling / 01.07.11
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