Kritiken
Michael Collins (Elliot Goldenthal)
Atlantic / 1996
Bewertung:

“Michael Collins” von Neil Jordan erschien 1996 als neunter Film des irischen Regisseurs und Drehbuchautors Neil Jordan. In den achtziger Jahren inszenierte Jordan eine handvoll unbekannte gebliebene Filme, ehe er mit dem romantischen Thriller “The Crying Game” einen Hit landete. Für seinen nächsten Film “Interview With The Vampire” (1994) konnte er bereits eine Riege namhafter Darsteller verpflichten - und landete nach der Ablehnung von George Fentons Musik bei seinem langjährigen Stammkomponisten Elliot Goldenthal. Innerhalb von wenigen Wochen komponierte der New Yorker einen ausdrucksstarken, sehr markanten und düsteren Score, der bis heute als sein kommerziell erfolgreichster gilt.
Für “Michael Collins” wandte sich Jordan einem politischen Thema seiner Heimat zu. Die Auseinandersetzung mit der Titelfigur Collins ist für die Iren ein stolzes Rückblicken auf jenen Menschen, der den Weg zur irischen Unhabhängigkeit von England geebnet hat. Der Weg begann für Collins im Jahr 1916, als eine Vorgängerorganisation der Irish Republican Armee den so genannten Osteraufstand gegen das Empire organisierte. Collins schloss sich den Kämpfern an und wanderte nach der vernichtenden Niederlage ins Gefängnis in Wales. Dort konnte er Kontakte mit Gleichgesinnten knüpfen und kehrte mit einem neuen Konzept zurück nach Irland. Er nutzte die politische Macht der Sinn Fein, für die er für das britische Unterhaus kandidierte, zum propandistischen Eintreten für die Unabhängigkeit und inszenierte gleichzeitig einen höchst effizienten Guerillakrieg gegen britische Repräsentanten. Dies war die Geburtstunde der der IRA und der Beginn des Bürgerkrieges, an dessen Ende der Sieg gegen England und der anglo-irische Vertrag stand, der der Republik weitgehende Autonomie garantierte. Der Vertrag war unter irischen Nationalisten höchst umstritten, der er nicht weit genug ging, und Collins wurde am Ende im inner-irischen Konflikt ermordet.
Jordans Film konzentriert sich auf die internen Strukturen der IRA und ihres bewaffneten Kampfes, erst mit den Vertragsverhandlungen kommt eine größere politische Reichweite zur Sprache. Wichtige Mitglieder sind prominent besetzt, Liam Neeson als Collins hat das großartige, energische Auftreten des Rebellenführers und auch Aidan Quinn, Alan Rickman und Stephen Rea überzeugen. Die Mechanismen des Guerillakampfes werden hier augenscheinlich und die politischen Implikationen dadurch sehr eindrücklich. Hauptsächlich dekorativ erscheint die Liebesgeschichte, nur gelegentlich trägt diese zum weiteren Verständnis der handelnden Personen bei.
Die Umsetzung der Geschichte in Bilder hatte für Jordan und die Iren viel mit Selbstwertgefühl zu tun, so schien es selbstverständlich, dass auch Elliot Goldenthal in seiner Musik auf die irische Kultur Bezug nimmt. Und so haben in dem Score zu Michael Collins die Fiddle, Uillean Pipes, Mandoline und die Tin Whistle exponierte Positionen inne, wer aber eine Auflösung des für Goldenthal typischen Orchestersatzes und einen New-Age-Flair vermutet, liegt hier gründlich falsch. Wir hören kräftig akzentuierte, rhythmisch extrem prägnante Streicherläufe, wuchtige Percussiontableaus und wohldosierte Kraftausbrüche von Bassposaunen und Hörnern. Auch ist die Gleichzeitigkeit von komplexen Klanggebilden und dem Eindruck völliger Strukturiertheit der Musik ein Merkmal von “Michael Collins”, womit sich die Musik nahtlos in eine Reihe mit “Sphere”, “Final Fantasy” oder “Interview With The Vampire” stellen lässt. Mit den stark dissonant und experimentell geprägten Scores hat “Michael Collins” eher weniger gemein, es handelt sich insgesamt um eine der zugänglichsten Musiken Goldenthals. Er verdient sich seine sinfonischen Meriten hier vor allem in der konsequenten Weiterentwicklung einer tonalen Ausdrucksweise eines Prokofieff oder Shostakovich.
Die ethnischen Elemente stellt Goldenthal, und dies ist eine der großen Leistungen des Komponisten, völlig gleichberechtigt neben die Instrumente des Orchesters. Ihnen werden dramatische Funktionen ebenso zugewiesen wie dem Paukenschlag oder dem wilden Streicherostinato. Das Setting des Films spiegelt sich in der Musik also nicht als reine kulturhistorische Deko, sondern als unabdingbares Kernelement der Geschichte. Die Mandoline fügt sich als treibendes Element in eine rhythmische Streicherfigur ein, die Tin Whistle wechselt organisch mit Geige, Oboe oder Celli Melodiestimmen oder oder die Fiddle leitet einen großorchestralen Jig ein. Exemplarisch ist der Einsatz der dudelsackähnlichen Uillean Pipes in “Winter Raid”: In wilder Hatz von Posaunen, Streichern und großer Trommel jagen sie musikalisch durch das winterliche Dublin, der Höhepunkt ist in seiner Reduktion auf die Pipes und Percussions an dramatischer Wirkung beispielhaft. Ähnliches lässt sich auch für den Einsatz von Sinead O’Connors Stimme diagnostizieren, die an einigen Stellen einen menschlichen irischen Konterpunkt zum Bürgerkriegstreiben setzt.
Immer ein Markenzeichen von Goldenthals Musiken waren starke Kontraste, wo er sie für angebracht hielt. In “Michael Collins” finden sie sich ähnlich wie in “Final Fantasy” in einem sehr einfach und eingängig gehaltenen, romantischen Thema für die Figur der Kitty (Julia Roberts). Einerseits ist der Walzer für Streicher, Oboe und Klavier vielleicht als Kommentar auf die etwas überflüssige Liebesgeschichte zu sehen, andererseits funktioniert der dramaturgische Kontrast zum wilden, anarchistischem Guerillakrieg sehr gut. In “Collins’ Proposal” werden diese Welten effizient gegeneinander gestellt. Die absolut überragende Dosierung der musikalischen Mittel zeichnet “Michael Collins” aber durchweg aus. Goldenthal setzt Orchestergruppen in ständig variierenden Größen ein, kontrastiert eine Percussionextravaganza mit zarten Violinentönen, col legno gespielte Celli mit Posaunenstößen oder eine wild aufspielende Mandoline mit Snare Drums. Er findet im Eröffnungstrack die Momente im Kampf der “Easter Rebellion”, sich auf durch einen Frauenchor unterstütze sakral-zurückhaltende Melodie zu besinnen oder den emotionalsten Moment der Geschichte (Collins erfährt die Aufgabe Englands) einem Traditional zu überlassen.
Insgesamt kann man die Musik zu “Michael Collins” im Kontext des künstlerischen Outputs Hollywoods in den 90er Jahren nicht hoch genug einschätzen. Die absolute Beherrschung des orchestralen Apparates wie des ethnischen Instrumentariums und die perfekte Dosierung dieser musikalischen Mittel waren zu dieser Zeit bis auf wenige Ausnahmen einmalig. In Goldenthals Gesamtwerk nimmt der Score daher eine außergewöhnliche Stellung ein. Im direkten Vergleich mit den besten Werken des Golden Age oder des Silver Age fehlt der Musik vielleicht nur etwas der stilprägende Klassikerstatus, der “Sunset Boulevard” oder “Planet Of The Apes” noch einige Millimeter darüber setzt.
Jan Titel / 20.09.07
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