Kritiken
Memoirs Of A Geisha (John Williams)
Sony / 2005
Bewertung:

Das Jahr 2005 war für John Williams eins der arbeitsreichsten seiner Karriere, ganze vier nicht in wenigen Takten abzutuende Filmprojekte hatte er zu bearbeiten. In der ersten Jahreshälfte vertonte er mit “Revenge Of The Sith” und “War Of The Worlds” zwei Actionschwergewichte seiner ständigen Begleiter Lucas und Spielberg, zum Jahresende legt er noch die Scores zu der ebenso hoch budgetierten Romanverfilmung “Memoirs Of A Geisha” und dem Spielberg-Drama “Munich” nach, für ersteres von beiden verzichtete er sogar auf eine Vertonung des jüngsten “Harry Potter” Sequels. Williams, der nicht gerade als Vielschreiber bekannt ist, war dabei in gewisser Hinsicht an den Arbeitsrhythmus von insbesondere Steven Spielberg gebunden, der mit zwei Filmen im Abstand von nur 6 Monaten die Messlatte für seinen Hofkomponisten hochanlegte. Dass Williams dazwischen noch Zeit für die Geschichte um die Geisha Sayuri hatte, ist eine Herzensangelegenheit - und im Grunde der einzige Filmstoff des Jahres, den sich der 73-jährige aus freien Stücken ausgewählt hat.
Das Buch von Arthur Golden, in Deutschland unter dem Titel “Die Geisha” erschienen, ist eine charakterbezogene Studie der japanischen Gesellschaft vor dem zweiten Weltkrieg. Es war die Zeit, als die Moderne mit den Fäusten an die Türen des stark von jahrhundertealten Traditionen geprägten Wertesystems Japans klopfte. Eine Öffnung Japans dem Westen gegenüber war über einen langen Zeitraum undenkbar gewesen und erst mit dem Einstieg Japans in den zweiten Weltkrieg (der für Japan einem längeren Konflikt in Südostasien folgte) prallten die Traditionen aufeinander. Golden macht das kleine Mädchen Chiyo zur zentralen Figur, die von ihrem Vater verkauft und in Kyoto zur Geisha ausgebildet wird. Der Widerstreit zwischen den Fesseln dieser Aufgabe und der Faszination und Macht, die von ihr ausgehen, zermürben das Mädchen, bis es ehrgeizig beschließt, als Sayuri eine der berühmtesten Geishas Japans zu werden. Die Stellung dieser Tätigkeit in der Gesellschaft entzieht sich dem westlichen Betrachter zunächst, doch Golden hat mit gekonnt verwobenen Handlungssträngen und klaren Figuren einen kleinen Blick hinter die Kulissen ermöglicht.
Williams betonte, dass er bei der Arbeit an der Verfilmung besonders die Möglichkeit der intimen Charakterstudie und das authentische Ausleuchten der japanischen Vorkriegsszenerie attraktiv fand. Ähnliches konnte er in verschiedenen Kulturkreisen schon eindrucksvoll darbieten, erwähnt seien hier “Die Asche Meiner Mutter” oder auch “Sieben Jahre In Tibet”, mit dem der Score zu “Die Geisha” einige klangfarbliche Einschläge und den Solisten Yo Yo Ma gemeinsam hat. Doch ist seine “Geisha” durchaus anders angelegt als das Tibet-Abenteuer, Williams arbeitet deutlich weniger großorchestral und betonte hier umfangreich die verschiedensten Soli. Auch die ethnischen Teile der Musik nehmen weitaus mehr Raum ein, sind konsequenter dramatisch eingesetzt und spielen daher konzeptionell eine bedeutend größere Rolle. Leichte Verbindungen lassen sich auch zu den Konzertwerken, zum Beispiel dem subtilen Klangfarbenspiel von “Treesong”, herstellen.
Die Musik baut sich auf zwei bedeutende Themen und einige Nebenmotive auf. “Sayuri’s Theme” ist gleichzeitig das Hauptthema des Scores, eine einfache, fast in sich gekehrte Tonfolge. Ihr Instrument ist das Cello von Yo Yo Ma, der dem vielfältigen Einsatz der Melodie besonders viel Seele und Tiefgang verleiht. Neben der solistischen Besetzung, zum Beispiel auch durch eine Oboe, tritt es häufiger in vielfältigen Variationen im Streicherapparat auf. Geschickt ist hier die ständige Verschiebung im Arrangement, von unisono Streichern bis zu mehrfach geteilten mit einwobenen Cello-Soli.
Der wichtigsten Bezugsperson in Sayuri’s Karriere, einem vornehmen Geschäftsmann in den sie sich verliebt, ist das zweite Hauptthema gewidmet. Itzhak Perlman an der Violine ist der Solist dieses Charakters und die Musik ist harmonisch mit zyklischen Figuren der Harfe, sonoren Streicherteppichen und einem leicht beschwingten und doch melancholischen Thema für die Violine. Leichte Erinnerungen an “Schindler’s Liste” werden wach, doch eine Eigenständigkeit ist komplett gegeben. Interessanterweise scheint Williams dieses Thema aus der Sicht von Sayuri angelegt zu haben, denn in einigen virtuosen Steigerungen nimmt es fast die Funktion eines Liebesthemas an. Gut konzipiert ist ebenfalls, dass in der zweiten Hälfte der Musik zuweilen die Violine auch das Thema von Sayuri übernimmt.
Spannend ist Williams die Einbindung der ethnischen Elemente gelungen, für die er umfangreiche Studien betrieben hat und die hier so einem Grad der Authentizität verwendet wurden, der erstaunlich ist. Umfangreich verwendete er neben vielem Schlagwerk vor allem die Klassiker der japanischen Musik: die wohlbekannte Shakuhachi, das Zupfinstrument Koto und als Ergänzung die chinesische Violine Erhu.


Die japanische Kerbflöte Shakuhachi, in der Filmmusik durch die Verwendung von James Horner an nahezu allen Schauplätzen bekannt geworden, ist ursprünglich ein Meditierinstrument von Mönchen gewesen, die den einfachen Rohrstab aus Bambus zu Atemübungen benutzten. Sie besitzt vier Grifflöcher und ein Daumenloch und erzeugt einen luftigen, aggressiv-rhythmischen Ton. Im 19. Jahrhundert integrierte man die Shakuhachi in die Ensemblemusik und in vielen Bereichen der klassischen und populären Musik ist sie heute bekannt. Williams arbeitete eng mit dem Solisten Masakazu Yoshizawa zusammen und zeigte ein umfangreiches Klangspektrum auf, zu dem das Instrument fähig ist. Der Titel “Dr. Crab’s Prize” ist sogar als komplettes Solo nur für Shakuhachi angelegt und funktioniert dennoch blendend.
In Kombination mit dem Koto und einigen Trommeln konstruiert Williams dann auch einen der konsequentesten Titel der CD, “Brush On Silk”. Das Koto ist eine Art Zither, das ebenso wie die Shakuhashi chinesische Wurzeln hat. Mannshoch und mit 13 Seiten bespannt ist es ein eindrucksvolles Instrument mit hartem, fast mechanischem Klang. Williams lässt das Koto mit schnellen zyklischen Figuren beginnen, ergänzt es später durch eine Flöte und Trommeln und steigert das Arrangement zu einem überstürzendem, komplexen Klangbild, welches die Eigenheiten der verschiedensten Instrumente großartig herausstellt.
Die Leistung dieser Musik besteht darin, dass Williams in technisch und dramaturgisch unnachahmlicher Manier die einzelnen sinfonischen, ethnischen und solistischen Elemente zu einem homogenen Ganzen verknüpft. Das Instrumentarium ist nicht außergewöhnlich, ja fast schon Klischee für solche Stoffe, doch mit einer solch filigranen und substanzreichen Verarbeitung schafft er, die Grenze des Klischees weit hinter sich zu lassen. Introvertiert romantisches harmoniert mit ethnischem, kleinste Besetzungen werden spielend erweitert und wieder verkleinert, impressionistisches bis modernes wie “The Rooftop Of The Hanamachi” gesellt sich dazu und zum dramatischen Kriegsbeginn integrierte Williams einen Auszug einer japanischen Oper, gekonnt gegen die dumpfen Schläge von Taiko-Trommeln gespielt.
Man kann also die Musik zu “Memoires Of A Geisha” ohne Bedenken als das Highlight des eher mäßigen Filmmusikjahres 2005 bezeichnen. Sie lässt die anderen Williamsscores ebenso hinter sich wie die erschreckend schwache Ausbeute vieler anderer Komponisten. Mit 73 ist er also wieder reif für den Oscar und die Chancen dürften bei dem Film und der Konkurrenz gar nicht so schlecht stehen. Für diese Musik verdient er richtig sichere 4,5 Sterne mit Ausrufezeichen für Fans dieses Stils.
Jan Titel / 01.02.07
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