Kritiken
Matrix: The Deluxe Edition (Don Davis)
Varèse Club / 2008
Bewertung:

Wenn man die aktuelle Musik aus Konzerthallen in zwei entgegengesetzte Strömungen einteilen müsste, ware auf der einen Seite die Minimal Music anzusiedeln – und auf der anderen hochkomplexe Avantgarde-Musik mit seriellen Strukturen. Durch die unterschiedlichen Herangehensweisen würde man beide Stile eigentlich für unvereinbar halten. Filmkomponist Don Davis hat es bei seinem Score zum Überraschungshit „Matrix“ der Regie führenden Brüder Andy & Larry Wachowski versucht – mit Erfolg, soviel sei vorweg genommen.
Um zu erklären, was diese zwei musikalischen Denkrichtungen so gegensätzlich macht, muss man in der Musikgeschichte ungefähr 50 Jahre zurückgehen. Zu diesem Zeitpunkt waren, zumindestens unter Musikexperten die Komponisten am angesehensten, die sogenannte serielle Musik schrieben. Kerngedanke der seriellen Musik ist der Reihengedanke, der schon in der Zwölftonmusik von Arnold Schönberg, Anton Webern und Alban Berg ausgearbeitet wurde. Nach diesem ist eine Tonfolge so zu gestalten, dass sich keine Note wiederholt, ohne dass alle zwölf Töne erklungen sind. Die serielle Musik erweiterte dieses Prinzip um quasi alle Parameter, die einen Klang beeinflussen, also auch um Tonlänge, Klangfarbe, instrumentale Spielweise, Betonung und Dynamik. Die daraus resultierenden Reihen wurden allerdings so lang und komplex, dass dieser rigide strukturelle Gedanke nur in Ausnahmefällen von den Hörern wahr genommen wird und somit als wilkürlich und chaotisch rezipiert wird.
Die sogenannte Minimal Music (ein Begriff, den keiner der prägenden Komponisten dieser Musikrichtung erfunden hat und selten geschätzt wird) gilt als Gegenentwurf zu dieser unkonsumierbar gewordenen Komplexität. Bestimmendes Merkmal sind hier „patterns“, sehr kurze Tonfolgen, die in häufigen Wiederholungen erklingen und äußerst subtil variiert werden. Harmonische Komplexität wird häufig vermieden, alle Klänge sind eher transparent gehalten. Dissonanzen kommen fast überhaupt nicht vor. Diese beiden Herangehensweisen miteinander zu vereinbaren, scheint also beinahe unmöglich.
Die modernistischen Passagen des „Matrix“-Scores sind nun nicht per Definition serielle Musik, greifen aber auf viele Kompositionstechniken zurück, die innerhalb dieser Musikrichtung entwickelt worden sind. Klar erkennbar sind jedoch die minimalistischen Teile. Die modernistischen Momente entstehen dabei organisch aus Übereinanderschichtungen dieser „patterns“, die sich harmonisch gegenseitig „reiben“ und stellenweise sogenannte „Cluster“ bilden, bei denen ein Klang aus vielen nebeneinanderliegenden Halbtönen gebildet wird.
Der Kerngedanke des Scores ist ein gespiegelter Akkord, der nicht nur von den Tonwerten umgedreht wirkt, sondern auch im Stereopanorama der CD-Abmischung. Mit diesem einfachen Einfall kommentiert Davis’ Score auf einer inhaltlichen Ebene bereits den Widerspruch zwischen Matrix und realer Welt im Film und greift damit ebenfalls die visuelle Ebene des Films auf, auf der ständig mit Reflexionen gearbeitet wird. Dieses Kernmotiv eröffnet den Score, über einem kleinen Streicherteppich und einem Duo aus zwei Klavieren, was für eine rhythmisch scheinbar unbestimmte Begleitung in den tieferen Oktaven eingesetzt wird. Das eigentliche „Spiegelmotiv“ wird hier von den Blechbläsern vorgestellt, die auch in der meisten Zeit des Scores dafür zuständig sind. Variationen des Motivs ergeben sich in „The Matrix“ eher aus kleinen harmonischen Verschiebungen, Änderungen der Klangfarbe und rhythmischer Variation, als dass einfach die Instrumentation geändert wird. Das Motiv ist dabei auch keiner bestimmten Person oder einer bestimmten Situation zugeordnet. Eingesetzt wird es in allen möglichen Situationen, unter anderem auch nahezu immer, wenn der Film seine damals revolutionären „Bullet-Time“-Effekte einsetzte.
Der „Main Title“ blendet dann nahtlos über in den ersten Action-Track des Films: „Trinity Infinity“, der repräsentativ für die eingangs geschilderten Modernismen, die durch polytonale Häufungen von „patterns“ entstehen, ist. Der Kontrapunkt ist komplex und vielstimmig gestaltet – neben den in den tiefen Lagen „rumorenden“ Klavieren kommen auch in diesem Cue metallische Percussions zum Einsatz (inklusive eines Amboß) sowie kleinere Synthesizer-Effekte und hyperaktive Streicher, die ein atemberaubendes Ganzes ergeben. In diesem Cue wirkt nahezu der Einsatz jeder Instrumentengruppe perkussiv. Das ungemein schnelle Grundtempo wird nicht, wie es normalerweise der Fall wäre, durch Schlagwerk (oder vielleicht sogar elektrische Drumbeats) vorgegeben, sondern durch das Blech – wodurch der Track eine Aggressivität erreicht, die man mit einer klassicheren Instrumentierung so sicher nicht hätte erzielen können.
Die Musik ist im Verlaufe des gesamten Films sehr präzise getimt. Ständig greift die Musik das Geschehen der Szenerie rhythmisch auf – Davis geht sogar soweit und untermalt in den Martial Arts-Kämpfen mit dem bösen Agent Smith dessen Fausttreffer mit Amboßschlägen. Beeindruckend ist aber vor allem, wie stilsicher der Komponist zwischen den zwei eigentlich nicht miteinander vereinbaren musikalischen Denkschulen der Minimal Music und der seriellen Moderne hin und her wechselt und dabei alles wie aus einem Guss wirkt – nichts ist hier inkohärent, alles entwickelt sich organisch aus einer musikalischen Basis heraus. Dabei funktioniert der Score auch jenseits aller intelektuellen oder strukturellen Konzepte ganz hervorragend auf einer emotionalen Ebene. Der Reichtum an Klangfarben, das extrem eingängige Hauptmotiv und die rhythmische Vielfalt laden zum wiederholten Hören ein. Natürlich ist dabei die „Matrix“-Musik nichts für jeden Geschmack. Im Gestus sehr aggressiv und häufig die Grenzen zum Atonalen überschreitend sollten Filmmusikfans, die sich mehr für Leitmotivik und auschweifende Melodien interessieren und lieber einen Bogen um Ideen aus der Avantgarde-Musik machen, eher Abstand von dieser Veröffentlichung nehmen.
Bis 2008 war nur ein halbstündiges Score-Album von Varèse Sarabande erhältlich. Grund waren hohe Re-Use Fees für die amerikanischen Session-Musiker. Für die kurze Laufzeit hatten Davis und CD-Produzent Robert Townson zwar relativ treffsicher die wichtigsten Cues ausgewählt – aber es fehlte nach wie vor viel Essenzielles.. Auf der Regionalcode 1-DVD gab es dann eine isolierte Filmmusikspur und in der Folge dessen auch jede Menge Bootlegs mit der kompletten Musik, deren Tonqualität aber eher bescheiden ausfiel. Die Varèse Club CD erhöht die Laufzeit nun auf über 78 Minuten und enthält wirklich alles Substanzielles in hervorragendem Sound. Unveröffentlicht sind jetzt nur noch kleine, extrem kurze Cues und die musikalischen Überleitungen in die Pop-Songs, die die Wachowski-Brüder unbedingt in dem Film einsetzen wollten. Damit hat dieser Meilenstein der jüngeren Filmmusikgeschichte endlich eine adäquate Veröffentlichung erfahren, die trotz Limitierung auf 3.000 Stück auch immer noch erhältlich ist.
Jan Boltze / 12.03.09
Um Nutzer-Kommentare zu erstellen, müssen Sie eingeloggt sein. Klicken sie auf Kontrollzentrum, um sich einzuloggen oder einen Account zu erstellen.
Nutzer-Kommentare anzeigen
Zu diesem Beitrag existieren aktuell 0 Nutzer-Kommentare. Letzter Kommentar: - .
» Alle Kommentare anzeigen