Kritiken
Lost: Season 3 (Michael Giacchino)
Varese / 2008
Bewertung:

TV-Serienmusik fristet ein ziemliches Nischendasein, nur wenige von ihnen erscheinen jemals auf einem Tonträger. Zugegebenermaßen ist in den meisten Fällen vor allem mangelhafte Qualität und durch begrenzte Budgets entstandene zweifelhafte Synthesizer-Musiken der berechtige Grund dafür. Nur die allerwenigsten TV-Serien gönnen sich den Luxus eines orchestralen Untermalung. „Lost“, eine Serie über das Überleben von 48 mit dem Flugzeug abgestürzten Passagieren auf einer Insel, auf der reichlich merkwürdige Dinge passieren, hat dies von Anfang an getan. Geld schien bei der Serie an keiner Stelle das Problem zu sein – der Pilotfilm der ersten Staffel war der teuerste zu seiner Zeit – alleine für den Transport von echten Flugzeugwrackteilen zum Drehort auf eine hawaiianische Insel gaben die Produzenten ein kleines Vermögen aus.
Dass Michael Giacchino die erste Staffel betreute, überraschte zum damaligen Zeitpunkt nicht weiter – sein Freund und „Entdecker“ (der Komponist war vorher „nur“ für Computerspiele tätig gewesen) JJ Abrams war ausführender Produzent bei der „Show“. Giacchino blieb der Serie bis heute in jeder Folge treu und so kann der geneigte Hörer nun die dritte Staffel musikalisch Revue passieren lassen.
An der stilistischen Herangehensweise hat sich seit der ersten Folge nichts geändert. Ein kleines Ensemble aus Streichern, Harfen, Posaunen und Bassposaunen, einem Gitarristen, einem Pianisten und einer kleinen Percussionsektion spielt wie schon in Staffel 1 die Partituren. Überhaupt gilt vieles noch, was ich damals in meiner Rezension zur Staffel 1-Musik geschrieben habe (http://www.original-score.de/index.php/site/kritik/lost/). Leider fällt für die Fortführung das neue motivische Material extrem unscheinbar aus, die „catchy tunes“ stammen allesamt bereits aus der 1. Staffel und auch das von der Minimal Music inspirierte Suspense-Vertonungskonzept nutzt sich mittlerweile stellenweise ab.
Das Niveau der Suspense-Kompositionen ist sehr wechselhaft – teilweise völlig routiniert geschriebener Standard, teilweise aber auch spannender und ähnlich innovativ entwickelt wie zu Beginn der Serie. Ein Anspieltipp ist hierfür zum Beispiel Track 6 von der ersten CD, „The Island“. Insgesamt wären deutlich mehr Überraschungen wünschenswert gewesen, denn die Musik ist mittlerweile ein sich selbst reproduzierendes Konstrukt ohne aufregende neue Ideen. Das Vertonungskonzept hat relativ enge stilistische Grenzen, an die die Musik sehr, sehr häufig stößt.
Als besonderes Schmankerl für die Fans der Serie hat Varèse die komplette Musik des Staffelfinales auf einer zweiten CD dem Set beigelegt, ohne den Preis deswegen nennenswert höher anzusetzen als bei den CDs zu den ersten Staffeln. Dies hat neben Licht- auch viel Schattenseiten. Das komplette Durchhören der 80 Minuten wird anhand vieler kurzer, reiner Spannungstracks (einer dauert dabei nur ganze 12 Sekunden) teilweise zur Geduldsprobe. Auf der anderen Seite gibt es so etwas mehr von der thematischen Verarbeitung Giacchinos zu entdecken. Während die bisherigen Highlights-der-Season-Zusammenstellungen eher versucht haben, möglichst viel verschiedenes motivisches Material zu präsentieren, kann man hier im Ansatz verfolgen, was der Komponist so im Laufe einer Episode aus dem Material herauskitzelt. Das Programmieren einer eigenen Zusammenstellung ist aus den vorher genannten Gründen aber trotzdem ein Muss – aber es ist schön, dass einem Varèse dass diesmal selbst überlässt.
Fazit: Solide gemacht, für Kenner der beiden Vorgänger-Alben aber vielleicht einen Tick enttäuschend. Eine größere Empfehlung kann man nur den Giacchino-Komplettisten aussprechen – oder Fans der Serie, die ein Souvenir brauchen. Wenn man noch keine der beiden vorherigen Soundtrack-Veröffentlichungen zu der Serie hatte, kann man das Doppel-CD-Set auch etwas wärmer empfehlen.
Jan Boltze / 09.07.08
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