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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Lost (Michael Giacchino)

Varese / 2006

CD

Bewertung:


    01. Main Title (0:16)
    02. The Eyeland (1:58)
    03. The World’s Worst Beach Party (2:44)
    04. Credit Where Credit Is Due (2:23)
    05. Run Like, Um… Hell? (2:21)
    06. Hollywood and Vines (1:52)
    07. Just Die Already (1:51)
    08. Me and my Big Mouth (1:06)
    09. Crocodile Locke (1:49)
    10. Win One for the Reaper (2:38)
    11. Departing Sun (2:42)
    12. Charlie Hangs Around (3:17)
    13. Navel Gazing (3:24)
    14. Proper Motivation (2:00)
    15. Run Away! Run Away! (:30)
    16. We’re Friends (1:32)
    17. Getting Ethan (1:35)
    18. Thinking Clairely (1:04)
    19. Locke’d Out Again (3:30)
    20. Life and Death (3:39)
    21. Booneral (1:38)
    22. Shannonigans (2:25)
    23. Kate’s Motel (2:07)
    24. I’ve Got A Plane To Catch (2:37)
    25. Monsters Are Such Innnteresting People (1:29)
    26. Parting Words (5:30)
    27. Oceanic 815 (6:11)

    TT: 64 min

Filmmusik für Fernsehserien ist oftmals eine ganz andere Liga als das Schreiben für einen Kinofilm- die Musikbudgets sind klein, die Zeit eine Episode zu vertonen noch viel kleiner. Oftmals steht dem Komponisten keine ganze Woche zur Verfügung um die Musik für die jeweilige Episode zu schreiben und aufzunehmen (falls echte Instrumentalisten involviert sind – wegen der geringen Budgets wird auch viel Synthesizermusik eingesetzt). Aufgrund dieser schwierigen Arbeitsbedingungen ist der Prozentanteil an völligem musikalischen Schrott im Fernsehen deutlich größer als im Kinobereich.
Trotzdem ist in letzer Zeit das Interesse der Filmmusikliebhaber an Serien-Musiken deutlich gestiegen. Michael Giacchino hat nach einigen (durchaus bemerkenswerten) Scores für Computerspiele seine ersten Filmerfahrungen im Serienbereich gesammelt. „Alias“, eine Actionthriller-Serie über eine Spionin von J.J. Abrams war Giacchinos Einstieg in den vorläufigen Ausstieg aus der Softwareindustrie. Er vertonte auch Abrams’ neuesten Serienhit „Lost“ über eine Gruppe von Überlebenden eines Flugzeugabsturzes, die auf einer mysteriösen Insel stranden und dort festsitzen- Rettung ist nicht in Sicht. Die Serie war ein riesiger Erfolg, regelmäßig schauen in Amerika über 15 Millionen Zuschauer zu, hierzulande lief die erste Staffel auf Pro7, jedoch mit Quoten die niedriger waren als vom Sender erhofft. Dennoch wird die zweite Staffel im Herbst starten- auf dem Pay TV-Sender Premiere ist sie auch jetzt schon zu begutachten.

Giacchinos Musik fiel vielen Scorefans auf., da er ein zumindestens fürs Fernsehen ungewöhnliches Vertonungskonzept wählte. Wünsche nach einer CD-Veröffentlichung wurden laut, und irgendwann war es dann offiziell. Varèses Robert Townson verkündete in seinen gewohnt großspurigen Release-Texten, dass „Lost“ „one of the most requested titles ever“ sei. Ob das stimmt, lässt sich sicher in Frage stellen, aber es wurde durchaus in einigen Soundtrackforen lobend über die Musik geschrieben.

Die Partituren für die Serien sind alle für eine selbe Instrumentalbesetzung geschrieben: ein Streicherblock, Posaunen, mehr oder weniger exotische Percussions, Klavier und Harfe. Die Musik wird sparsam in den Folgen eingesetzt, und wenn auch meistens subtil. Wenn sie dann in Spannungsmomenten mit ungewöhnlichen Spielweisen dissonante Klänge erzeugen intensiviert dass die Wirkung noch, da es sonst so wenig Musik gibt. Zu den ungewöhnlichen Spieltechniken gehört das Spielen der Streichersektion unter dem Steg, über dem die Seiten gespannt sind, ein polyphoner abfallender Posaunencluster sowie der Gebrauch der tiefsten Saiten der Harfe.

In den emotionaleren Momenten sind die Streicher und die Harfe dominierend. Das motivische Material wird dabei meistens durch ständiges Wiederholen unter stetig ansteigender Lautstärke- eine sehr einfache, aber sehr effiziente Methode um den Zuhörer emotional zu berühren. Highlights sind hier sicher „Locke’d Out Again“ und „Parting Words“ Alle ruhigeren Cues sind monothematisch gehalten, während die Action- bzw. Suspense-Cues recht vielseitig daherkommen, obwohl sie mit dieser kleinen Instrumentierung auskommen müssen. Hervorzuheben sind hier „The World’s Worst Beach Party“, aus dem Pilotfilm, als die ersten Bilder des abgestürzten Flugzeugs zu sehen sind, der nur aus Percussions und ein paar abstrakten Streicherfiguren besteht, oder Verfolgungsjagdmusik wie „Run Like.... Um, Hell?“ mit ihren wilden Streicherpassagen kombiniert mit den exotischen Schlagwerk.

Jede Serienepisode enthält eine Rückblende, die die Backstory eines der Hauptcharaktere erzählt. Diese Momente nutzt Giacchino gerne auch mal, um sich ein bisschen vom sonstigen Vertonungskonzept zu entfernen. Hier, und nur hier setzt er auch auf eine andere Instrumentierung. Ein gutes Beispiel der Track „I’ve Got A Plane To Catch“, die mit ihrem folkigen, fröhlich-lebhaftem Gitarrensound einen echten Fremdkörper im Vergleich zu den anderen Cues auf der Soundtrack-CD darstellt.

Im Vorfelde waren von vielen Seiten in Filmmusikforen Befürchtungen geäußert worden, dass eine CD mit Musik von „Lost“ nur schwer anhörbar sein würde, da viele Stellen der Musik reine Suspense-Funktionen erfüllen. Oftmals bestehen Cues nur aus ein paar Sekunden gekratzten Streichern oder den bereits oben erwähnten Posaunencluster. Die Zusammenstellung, die Varèse jetzt herausgebracht hat, straft diese Befürchtungen lügen. Jeder einzelne Track ist handwerklich fein ausgearbeitet, das Album gut geschnitten. Über eine Spielzeit von 64 Minuten kommt jedenfalls keine Langeweile auf. Im Gegenteil: „Lost“ zu hören bereitet viel Freude. Die Musik pendelt zwischen (zumindest fürs Fernsehen) innovativen Passagen, bei denen endlich mal wieder ohne Synthesizer ungewöhnliche Klangeffekte erzeugt werden und emotional sehr ergreifenden Passagen.

Fazit: Eine klare Empfehlung. Fernsehmusik auf diesem Niveau gibts leider viel zu selten.

Jan Boltze / 31.01.07

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