Kritiken
Largo Winch (Alexandre Desplat)
Varese / 2008
Bewertung:

Wenn man den normalen Kinobesucher nach Abenteuerfilmen befragt, dürften eigentlich annäherungsweise 100% aller Titel Hollywood-Produktionen sein. Ebenso übertragbar dürfte dieses Ergebnis auf Filmmusikenthusiasten sein. Aber auch andere Länder probieren immer mal wieder, actionlastige Abenteuergeschichten zu erzählen. Die Ergebnisse sind (ebenso wie in Hollywood) filmisch qualitativ wechselhaft, bieten aber oftmals spannende Scores, wie zum Beispiel Debbie Wisemans „Arsène Lupin“.
Einer dieser Filme ist „Largo Winch“ – eine französische Produktion, basierend auf in Frankreich recht erfolgreichen Comics über ein adoptiertes Waisenkind aus Kroatien, das Chef eines Multimillionen-Dollar-Konzerns wird und jede Menge Abenteuer erlebt. Die Versuche eines deutschen Comicverlages die Serie auch hierzulande zu etablieren, waren bisher nicht besonders erfolgreich, so dass der Film noch keinen deutschen Starttermin hat, obwohl es der teuerste Film ist, den das französische Kino bisher hervorgebracht hat. Das Budget soll 25 Millionen Euro betragen haben.
Für die Musik wurde Alexandre Desplat verpflichtet, der nach vielen erfolgreichen Aufträgen Hollywoods immer noch eine Verpflichtung zu seiner heimischen Filmwirtschaft zu verspüren scheint. Desplats Score klingt stellenweise danach, als ob er mit seinen typischen Stilismen einen Bond-Score konzipieren wollte. In einigen Tracks erwarten einem aggressive Bläser und treibende Elektronik (gute Beispiele sind die Titel „Mato Grosso Escape“ und „Largo Jumps“) in anderem werden exotische Locations in der Musik durch einen entsprechendes, lokales Instrumentarium aufgegriffen („Chase Latino“). Da Hauptfigur Largo eigentlich aus Jugoslawien kommt, warten auch einige Tracks mit Balkan-Folklore auf, inklusive dem leider schon etwas verbrauchten musikalischen Klischee einer leicht klagenden Frauenstimme.
Auf der thematischen Seite ist der Score gut ausgearbeitet. Das Thema für Largo selbst, welches im ersten Track noch Bond-mäßig daher kommt, wird auf sehr zahlreiche Arten verarbeitet. Beispiele für weniger heldenhafte Variationen finden sich in „The Orphanage“ oder „The Chosen One.“ Für Largos Vater Nerio gibt es ein eher dubios-mysteriöses Thema, was hauptsächlich durch kleinere Klavierintervalle in den höheren Registern charakterisiert wird. Für eine Figur namens Léa hat Desplat eine von Harfen und Streichern geführte Melodie entworfen, die ein typisches Beispiel für Desplats Stil ist. Außerdem werden in Zusammenhang mit Largos kroatischer Herkunft auch immer wieder bestimmte motivische Gedanken aufgegriffen, die durch folkloristische Elemente für entsprechendes Lokalkolorit sorgen.
Durch diese thematisch starke Durchdringung der Musik bleibt trotz starker Kontraste immer ein kohärenter Gesamteindruck zurück, so dass die „fragilen“ Instrumentierungen für Harfe, Streicher und Klavier problemlos neben einigen sehr druckvollen und gelungenen Actiontracks bestehen können. „Largo Winch“ ist ein weiterer Beweis dafür, dass Desplat einer der besten seines Faches ist. Während die meisten Filmscores, die heutzutage erscheinen, oftmals beliebig und überaschungsarm daherkommen, können seine Arbeiten sowohl mit gutem Handwerk als auch guten Ideen aufwarten. Klare Empfehlung!
Jan Boltze / 25.01.09
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