Kritiken
Land Of The Lost (Michael Giacchino)
Varèse / 2009
Bewertung:

Eine Nebenwirkung der Schnelllebigkeit, die Hollywood seinen Produktionen auferlegt, ist eine Tendenz bei den musikalischen Untermalungen, mehr denn je auf ein fragmentarisches Nebeneinander von Cues, Songs, von Stilen und Instrumentationen zu setzen. Damit ein Film rasch fertiggestellt wird und im Kino seine Wirkung nicht verfehlt, erlebt der aufmerksame Hörer also immer häufiger ein Konglomerat aus meist klischeehaft überladenen Einfällen, die auf Effekt poliert und ohne großen dramaturgischen Hintergedanken aneinander gereiht werden. Im Falle der Animationsfilme gelang es einigen Komponisten wie John Powell oder Michael Giacchino, daraus ein durchaus gut funktionierendes Stilmittel zu kreieren. Die neueste Musik von Giacchino zeigt jedoch, dass diese Verfahrensweise nur bedingt tauglich ist, für einen Live-Action-Film mehr als nur für Sekundenbruchteile passende Soundkulisse zu sein.
“Land Of The Lost” heißt der vierte Film, den sich Michael Giacchino im arbeitsreichen Jahr 2009 ausgesucht hat. Inszeniert von Brad Silberling ("Lemony Snicket”, “Casper” oder “City of Angels") handelt es sich dabei um eine Verfilmung der gleichnamigen Abenteuer-Science-Fiction-Serie von Sid und Marty Krofft. Will Ferrell spielt einen skurrilen Wissenschaftler, der bei einer Expedition in ein ebenso skurriles paralleles Universum gerät. Dieses wartet mit riesigen Insekten, Dinosauriern und anderem Ungetier auf - zotige Gags sind dabei ebenso vorprogrammiert wie einige rasante Actionszenen.
Giacchino setzte also mit seinem Score genau an dieser Stelle an: Er komponierte eine rasante Tour de Force, passend für Slapstick-Einlagen, Verfolgungsjagden mit Tyrannosauriern, schrägen Charakteren und Schauplätzen. Aus der Originalserie übrig geblieben sind dabei vor allem die Banjo- und Gitarreneinlagen des Titelsongs, mehr Verwertbares gibt die mit Stop-Motion-Technik und Null-Budget produzierte Serie aus den 70er Jahren nicht her. Giacchino ergänzte dies mit E-Gitarren und Schlagzeug, synthetischen Effekten, sattsam bekannten Orchesterstandards mit viel Blech und rhythmisch akzentuierten Streichern - während Gesangseinlagen wie der Themesong wegfielen. Auf diese Weise schuf Giacchino eine weite Palette musikalischer Inseln: Kräftige Blechbläserstöße mit starker Rhythmisierung durch Streicher und Percussions untermalen das “Greatest Earthquake Ever Known”, aktustische Gitarren und Banjos führen “A Routine Expedition” ein und morbide Streichereffekte in “The Ones That Got Away” erinnern an kreative Orchestrationslösungen aus “Lost”. Zwischendrin erklingt eine kleine feine Mariachifanfare und ein süffiges Streicherthema, doch kaum ein musikalischer Gedanke hat die Zeit, sich länger als 15-20 Sekunden zu entwickeln.
Dieser Befund würde nicht weiter schmerzen, würde nicht vielerorts offenkundig werden, welches Potenzial an dieser Stelle verschenkt worden ist. Routinierte Actionsets wie Titel 13 lassen mit ihrer rhythmischen Strukturierung, dem kreativen und sicheren Einsatz verschiedenster Instrumente und daher nicht unbeträchtlichem Hörreiz erahnen, zu welchen vor allem orchestratorischen Leistungen der Amerikaner fähig ist. Er schüttelt militärische Märsche aus dem Ärmel, gestaltet auch Suspenspassagen wie “Pterodactyl Ptemer Ptantrum” äußerst vielseitig und mit intelligenten akustischen Lösungen, doch all diese Schnipsel wirken insgesamt verschenkt, weil ihnen der Zusammenhalt in Form einer übergeordneten Dramaturgie oder einer motivischen Durchdringung fehlt. Anders als bei seinen bisher ausnahmslos gelungen Animations-Musiken fehlt “Land Of The Lost” im Cocktail eine klare Linie - sodass der Auflug in die “Fast Vergessene Welt” zur Enttäuschung wird.
So bleibt am Ende nach Giacchinos vier musikalischen Neuheiten im Jahr 2009 ein Bild mit Licht und Schatten zurück. “Up” zeigt in in guter Form, der Score erfreut mit quirligen Ideen und guter motivischer Verzahnung. “Star Trek” wirkte zwar handwerklich solide, aber etwas leblos und schematisch, die vierte Staffel von “Lost” bot Altbekanntes auf gutem Niveau. “Land of The Lost” gehört leider eher auf die Schattenseite, denn mit dem unausgegorenen Cocktail mit zu vielen Inhaltstoffen kann Giacchino seiner bisher eindrucksvollen Karriere wenig Positives hinzufügen. Dass aber auch hier vielerorts das große Potenzial des Amerikaners aufblitzt, lässt zumindest verhalten optimistisch in die Zukunft schauen.
Jan Zwilling / 13.07.09
Um Nutzer-Kommentare zu erstellen, müssen Sie eingeloggt sein. Klicken sie auf Kontrollzentrum, um sich einzuloggen oder einen Account zu erstellen.
Nutzer-Kommentare anzeigen
Zu diesem Beitrag existieren aktuell 0 Nutzer-Kommentare. Letzter Kommentar: - .
» Alle Kommentare anzeigen