Kritiken
Krull (James Horner)
Super Tracks / 1998
Bewertung:

Der Komponist James Horner hat schon mehrfach hitzige Diskussionen unter Soundtrack-Hörern versursacht. Unter ihnen gibt eine Fraktion, die mit Leidenschaft und Vergnügen jeden Score hört, der von Horner erhältlich ist. Auf der anderen Seite wird von vielen Fans (nicht im Speziellen Horner-Fans) an etlichen Beispielen aufgezeigt, wo Horner wieder eine musikalische Sentenz ohne Quellenangabe zitiert hat. Eine besonders differenzierte Bewertung ergibt sich aus beiden praktizierten Methoden hingegen nicht. Einschätzungen, die sich allein aus der Freude über oder aus der Kritik an Selbstzitaten speisen, erhellen den Blick auf das wahre musikalische Fundament seiner Scores – seien es alte Arbeiten aus den achtziger Jahren oder der jüngste Score „Avatar“ – nicht im geringsten.
Eine neben dem Zitatewahn ebenso gern verbreitete These zu Horners Schaffen ist, das er zu Beginn seiner Karriere in Hollywood deutlich bessere Musiken geschrieben hat als fast dreißig Jahre später. Deswegen wollen wir uns in diesem Artikel einem der Schlüsselwerke des Kaliforniers aus „seinem“ Jahrzehnt, den achtziger Jahren, zuwenden: „Krull.“
„Krull“ war eine englische Produktion aus dem Jahre 1983, einem Jahrgang, in dem das Blockbuster-Kino vor einiger Zeit gerade mit „Star Wars“, „Superman“ und „Indiana Jones“ wieder mit voller Macht zurückkam. Ursprünglich sollte „Krull“ aber ein reiner Fantasy-Film werden, ohne Blick auf den absoluten Massenmarkt. Im Laufe der Vorproduktion, damals noch unter dem Arbeitstitel „Dragons of Krull“ floppte jedoch der thematisch ähnlich angelegte Film „Dragonslayer“ an den Kinokassen. Für die Studiobosse die logische Folge: Fantasy-Stoffe mit Drachen sind Kassengift. Aus diesem Grunde sollte der Film von Fantasy auf Science-Fiction umgearbeitet werden, eine wie man sich denken kann krude Vorgehensweise, selbst für einen Stoff wie „Krull“. Der resultierende Film, inszeniert von „Bullitt“-Regisseur Peter Yates, ist schließlich überwiegend hanebüchen geraten und erzählt den üblichen, abgegriffenen Märchenplot von der Prinzessin in Not und einem die Welt bedrohenden Monster. Einzig nennenswerter Punkt an der Produktion ist aus heutiger Sicht das Erscheinen von Liam Neeson – und freilich die Musik von James Horner.
„Star Wars“ machte sechs Jahre zuvor nicht nur den Weg wieder frei für aufwendige Blockbuster-Produktionen, sondern auch für den entsprechenden musikalischen Klang dazu. Nach John Williams’ in der breiten Öffentlichkeit begeistert aufgenommenen Partitur war es wieder en vogue, im spätromantisch beeinflußten Stil des Golden Ages zu komponieren – wie er in den 30er bis 50er Jahren beispielsweise von Max Steiner, Erich Wolfgang Korngold oder Miklos Rozsa geprägt wurde. Diess kam auch Horner sehr zugute, denn gerade in wuchtig und episch ausgebauten orchestralen Scores mit bedeutendem melodischen Material fühlte sich der Kalifornier zu Beginn seiner Karriere heimisch. „Krull“ ist dann auch leitmotivisch aufgebaut. Die zentralen Motive des Films sind dabei das „Lyssa and Colwyn Love Theme“ und ein Heldenthema für besagten Colwyn. Beide Themen bestechen durch weit ausladende, elegante Melodiebögen. Vom Aufbau her erinnert das Liebesthema mit seinen anschwellenden, in die höheren Oktaven weiterwandernden Streicher formal (hier plagiiert Horner noch nichts) an John Williams Thema für Prinzessin Leia in „Star Wars – A New Hope“. Interessante Themenverarbeitung gibt es hier auch zuhauf – zum Beispiel in einer düsteren, eher klagenden, statt romantischen Ausformung zu den Szenen, die Lyssa in Gefangenschaft zeigen („Lyssa in the Fortress“). Colwyns Thema erklingt typisch für einen ordentlichen Fantasyhelden häufig in den Bläsern, meist von sehr lebhaften Streicherfiguren umgeben, die oft auch die Actioncues strukturieren. Eine besonders energetische, hervorragende Variante dieses Themas gibt es im Cue „Ride of the Firemares“ zu hören, in einem typischen, voranpreschenden Reiterrhythmus.
Auf dem kompletten Score-Album gibt es kaum einen Moment, der musikalisch uninteressant gestaltet ist. Fast durchgehend erklingen Themen und (Leit-)Motive in zahlreichen, interessanten Variationen – mit teilweise ungewöhnlichen Instrumentierungen wartet die Musik ebenfalls auf. Zum Beispiel setzt Horner einen Chor ein – aber nicht für den üblichen Bombast, den die meisten Scores für Fantasyfilme damit erzeugen, sondern um gezielt bestimmte Stimmungen zu erzeugen. Interessant dabei ist vor allem die Tatsache, dass meistens Männer- und Frauenstimmen getrennt eingesetzt werden. Die Frauenstimmen sorgen dabei eher für ein Mysterioso-Feeling, in dem sie stellenweise sirenenartig singen, während der Männerchor eher dissonant im Zusammenhang mit der schwarzen Festung und der außerirdischen Bedrohung eingesetzt wird. Von dieser meisterlichen Beherrschung der orchestralen und choralen Fabren zeugen auch eher impressionistisch gefärbte Klangmalereien in „The Walk to the Seer’s Cave“, die Assoziationen an glitzernde Kristalle oder Edelsteine wecken.
Auch einige dissonanten Passagen sind vorzüglich ausgestaltet. Der Beginn von „The Widow’s Web“ etwa mit einem in Vierteltönen singenden Chor und weiteren Stilmitteln die von Komponisten wie György Ligeti oder Krszyztof Penderecki geprägt wurden, wie Tonclustern und gekratzten Streichern. Zur Unterstützung der in den späteren Drehbuchfassungen aufgestülpten SciFi-Elemente kommt schließlich gelegentlich ein Synthesizer zum Einsatz, der aber im Vergleich zum Orchester keine allzu große Rolle in der Partitur spielt.
Als Fazit aus dem Doppelalbum kann man nur ziehen, dass Horner hier seine neben „Brainstorm“ beste Arbeit vorgelegt hat. Eingängige, elegante Melodien, eine gekonnte Beherrschung des Instrumentariums und auch im Detail ständig spannend ausgestaltet bietet „Krull“ ein abwechslungsreiches Hörerlebnis voller guter Ideen – etwas was man von Horner leider schon lange nicht mehr gewohnt war. Zumindest eines der eingangs angeführten Klischees über den Komponisten kann man somit bestätigen: In den ersten zehn Jahren seiner Arbeit für den Film lag Horners kompositorisches Niveau deutlich über dem jetzigen.
Das Doppel-CD-Album mit der kompletten Musik von dem kleinen Mini-Label „Super Tracks“ ist leider sehr schwer zu bekommen. Die Soundtrack Collector-Datenbank listet dieses Release sogar als Bootleg. Ob dies wirklich zutreffend ist, wenn man die CD eine Zeit lang ganz regelhaft bei Screen Archives erwerben konnte und sie von Ford A. Thaxton produziert wurde, der ständig mit Komponisten und Filmstudios und anderen Leuten zusammenarbeitet um ganz offizielle Alben rauszubringen, erscheint mir persönlich zweifelhaft, zumal die Aufmachung des ganzen sehr professionell ist. Es lohnt sich auf jeden Fall, die Augen danach aufzuhalten. Ebenfalls erhältlich, und ebenfalls schwer zu bekommen ist auch eine 1-CD-Fassung vom nicht mehr existenten Southern Cross Label.
Jan Boltze / 19.01.10
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