Kritiken
Inkheart (Javier Navarrete)
Universal / 2008
Bewertung:

Javier Navarrete tauchte vor gut zwei Jahren für viele Beobachter der Filmmusikszene recht unvermittelt auf der großen Bühne auf. Seinem Score zu “El Laberinto des Fauno” gingen weitgehend spanische Produktionen voraus, die kaum über die Grenzen hinaus rezipiert wurden. Darunter findet sich aber stilistisch vielfältiges, wie etwa die hypnotische Streicherlandschaft zu Agusti Villarongas “El Mar” oder die elektronischen Experimente für “Trece Campanadas”. Ersteres ist seine bis heute berühmteste Musik bis zum Pan, künstlerisch restlos überzeugend ist aber erst sein Engagement für Guillermo del Toro. Damit schuf er einen der besten Scores des Jahres 2006 und fügte sich in den Chor talentierter Stimmen aus Europa ein, die etablierten Komponisten in Hollywood beginnen den Rang abzulaufen.
Seit “Pans Labyrinth” hat Navarrete sowohl in Spanien als auch in den USA gearbeitet, entstanden ist beispielsweise die elegisch-schöne Vertonung zu “Fireflies In The Garden”. Nun kehrt er für eine Kinderbuchadaption in die Traumfabrik zurück. “Inkheart” ist der vermutlich erste Teil der Filmreihe, die auf den Büchern von Cornelia Funke basiert. Tintenherz heißt der erste Teil in Deutsch, Tintenblut und Tintentod werden - Erfolg des Films vorrausgesetzt - bald nachfolgen.
Da das Genre Kinderfilm international kaum noch existiert, firmiert auch “Inkheart” unter Fantasy und Navarrete setzt theoretisch dort an, wo er für “Pans Labyrinth” aufgehört hat. Auch für “Inkheart” bleibt der Spanier in puncto Orchestration angenehm traditionell, er setzt auf ein großes Orchester nebst Stimmen und Chören und einigen ethnischen Instrumenten. Am sympathischsten ist aber sein Verzicht auf allzu pompöse Klangkonstrukte, die jegliche Feinarbeit erdrücken und eine dynamische Dramaturgie im Keim ersticken. So beginnt denn auch der Score mit hauchzarten Streichern, zu denen sich Harfe, Glockenspiel und Klavier gesellen. Die sparsame Instrumentation lässt für Raum pointierte Einwürfe der Holzbläser und die mystische Klangwirkung des einsetzenden Chores. Soli von Flöte und Klarinette bestimmen auch im weiteren Verlauf größere Teile der Musik, die mit vielfältigen Streichertechniken wie Tremoli, Pizzicato oder schönen Stimmteilungen ein sehr abwechslungsreiches Bild ergeben. Navarrete ist bestrebt, dem Hörer in jeder Sekunde neue musikalische Ideen zu präsentieren und baut in die ruhigen Passagen viele Rhythmus- und Instrumentationswechel ein. Besonders schön sind die märchenhaften Momente, in denen Frauenchor, Glockenspiel mit Klarinette und Harfe fast symbiotisch zusammen agieren. Damit geht Navarrete zurück zu den Ursprüngen der Fantasy, beispielhaft dafür sind die Titel “Mo Runs Away”, “Ellinor Remembers” oder “Incarcerated”.
Die Zurückhaltung bezüglich der Orchestration der ruhigen Musikpassagen verschafft den zupackenderen Teilen der Musik einen umso stärkeren Auftritt. Erstmals mit “Hostages” lässt Navarrete die Muskeln des Orchesters spielen, erzeugt mit sehr komplexer Rhythmik, Männerchor, Blechbläsern und düsteren Klaviereinschüben ein zwar sehr situationsbezogenes, aber durchaus wirkungsvolles Stück. Mit “Off To The Coast” erreicht die Dramatik einen ersten Höhepunkt. Streichertremoli künden von Gefahr, Chor und Blech kommen hinzu und das Stück mündet in einen sehr rhythmisch strukturierten Ausbruch unter massiven Paukenschlägen. Herrlich kontrastiert Navarrete düstere Passagen mit einer Piccoloflötenmelodie, jagt ein Fluchtthema dynamisch durch Streicher und Klavier. Fast überbordend ist die Fülle an musikalischen Ideen, sodass die Actionmomente von Tintenherz wie eine kuriose Hommage an die Fantasie, ein kleines Panoptikum der orchestralen Möglichkeiten wirken. Hörenswert in dieser Hinsicht auch das packende “Dustfinger Escapes”.
Für Kolorit sorgen zwei Ideen, mit denen Navarrete bestimmte Szenen anreichert. Zum Einen schafft er mit einer Gitarre zu Teilen einen iberischen Einschlag in der Musik und zum Anderen erklingt in “Bandits” ein spielurartiges, volkstümliches und zu Teilen fast orientalisches Arrangement. Massive Klangarbeit von Schellen, Harfe, Glocken und Becken untermalen ein elegantes Motiv mit typischen leichten Schleifen und Leiern in der Melodie. Hier zeigt sich auch wieder, dass Navarrete den Film als echten Kinderfilm, gar als Märchen interpretiert hat.
“Pans Labyrinth” eröffnete mit einem klaren Statement des Hauptthemas, das einen die ganze Musik über begleitete. Mit “Inkheart” ist dies anders, denn ein offensichtliches Ohrwurmthema fehlt der Musik völlig. Navarrete baute eine Melodie, die als Hauptmotiv auslegbar ist, fragmentarisch in viele Titel ein. Dabei beginnt er mit kurzen Ausschnitten bereits in den “Front Titles” und baut es sukzessive weiter aus. Immer wieder ist hier und da ein motivischer Fetzen gestreut und erst gegen Ende fügen sich die Einzelteile zu einer längeren Melodie zusammen. Die abschließenden Titel “Dustfinger Disappoints” und “Meadows” bringen das Thema zu allererst richtig klar hervor. Diese Herangehensweise ist für das erstmalige oder flüchtige Durchhören sicherlich ein Wermutstropfen, denn gerade bei solcher orchestratorischer Finesse ist ein Ohrwurmthema das Salz in der Suppe. Doch bem zweiten intensiven Hören ergibt es eventuell Sinn, nicht zuletzt sollte man die Position des Films als ersten Teil von dreien im Hinterkopf behalten. Ein großer melodischer Wurf wäre aber schon hier das Sahnehäubchen gewesen.
“Inkheart - Tintenherz” ist also wieder ein Plädoyer gegen den Zeitgeist und für den Zauber, den eine nach bestem Gewissen traditionell gefertigte Kinderfilmmusik erschaffen kann. Auf der Basis einer ausgefeilten, fantasievollen und abwechslungsreichen Orchestration gelingt Navarrete eine feinsinnige Musik, in der Platz für eigene Assoziationen bleibt. Die gekonnte Dramaturgie lässt dynamische Ausbrüche auch als solche wirken, ohne dass exorbitante Besetzungen aufgefahren werden müssen. Es ist bezeichnend, dass nach Alexandre Desplats “The Golden Compass” wieder ein Europäer diesen Impuls geben muss. Navarrete gehört zusammen mit Roque Banos und Alberto Iglesias zur Speerspitze des spanischen Films - mit einem künstlerischen Niveau, dass Hollywood leider nur noch in Ausnahmefällen erreicht.
Jan Zwilling / 04.12.08
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