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Kritiken

Indiana Jones and The Temple Of Doom (John Williams)

Polydor / 1984

CD

Bewertung:


    01. Anything Goes -- by Cole Porter, performed by Kate Capshaw (2:54)
    02. Fast Streets of Shanghai (3:43)
    03. Nocturnal Activities (5:57)
    04. Short Round’s Theme (2:32)
    05. Children in Chains (2:45)
    06. Slalom on Mt. Humol (2:26)
    07. The Temple of Doom (3:01)
    08. Bug Tunnel and Death Trap (3:32)
    09. Slave Children Crusade (3:25)
    10. The Mine Car Chase (3:42)
    11. Finale and End Credits (6:19)

    TT: 40 min

Wenn man einmal rekapituliert, wie viele Melodien John Williams eingefallen sind, die es in das Bewusstsein von Millionen von Menschen, die sich nicht im geringsten für Filmmusik interessieren, geschafft haben, kann man nur staunen. Eine dieser unvergesslichen musikalischen Signaturen ist natürlich der „Raiders March“, das Leitmotiv für den Archäologen Henry „Indiana“ Jones, jr. Dessen erstes Abenteuer „Raiders of the Lost Ark“, inspiriert durch Abenteuer-B-Movies aus den 30er und 40er Jahren war so ein überwältigender Erfolg, dass Regisseur Steven Spielberg und Produzent George Lucas schnell ein neues Sequel planten, welches 1984 in die Kinos kommen sollte. Darin führen Indys Abenteuer von Shanghai nach Indien, wo er sich gegen den Thug-Kult zur Wehr setzen muss, die ihre religiösen Zeremonien mit Menschenopfern zu beenden pflegen. Der Priester des Kultes, Mola Ram, ist aber vor allem machtgierig und deshalb auf der Suche nach den heiligen Sankara-Steinen. Einen dieser Steine wiederum muss Indy in ein indisches Dorf zurückbringen, aus denen Mola Ram den Stein entwendet hat. Seitdem herrschen dort Hungersnöte. Außerdem sind alle Kinder aus dem Dorf von den Thugs entführt worden.
Die Kritik reagierte unterschiedlich auf den Film, der ungeachtet dessen ein riesiger Erfolg wurde. In die Diskussion geriet der Film wegen seiner teilweise relativ intensiven Gewaltdarstellung. Zu der damaligen Zeit gab es zwischen „Parental Guidance“ und „Rated“ (also nur für über 16jährige geeignet) keine Abstufungen bei der Altersfreigabe in den USA – der zweite Indiana Jones-Film gilt vielen als Grund für die Einführung der „PG-13“-Einstufung, die es Kindern unter 13 Jahren nur erlaubt, den Film in Begleitung erwachsener Erziehungsberechtigter zu sehen. Spielberg selbst war in der Rückschau auch nicht besonders stolz auf den Film – doch eigentlich kann er das sein. Handwerklich ist „Indiana Jones and the Temple of Doom“ herausragendes Unterhaltungskino mit einem düsteren Einschlag, der ihn nicht als Abklatsch des ersten Films erscheinen lässt. Bemängeln könnte man höchstens die ständig rumkreischende Kate Capshaw und Indys stellenweise etwas neunmalklugen Begleiter, einen kleinen 9jährigen asiatischen Jungen namens Short Round.

Neben dem „Raiders March“ setzte John Williams für seinen Score natürlich eine große Anzahl neuer Leitmotive ein, die genauso wunderbar eingängig sind, wie man es von ihm erwarten durfte. Das Rückgrat des Scores bilden neben der weltberühmten „Raiders March“-Melodie ein Liebesthema für die Sängerin Willie, das Thema für Short Round (verspielt und dezent asiatisch angehaucht), ein Thema für die entführten Kinder, eines für Mola Ram und den Thug-Tempel. Außerdem gibt es aber auch jede Menge kleinere Motive, die Williams geschickt verarbeitet – unter anderem für die Sankara-Steine oder für die Menschenopferrituale der Thugs. Für letztere hat Williams Source Musik komponiert, die auf der Leinwand von einem Chor und ein paar Schlagzeugern auf exotischen Percussions dargeboten werden kann.

Bei der thematischen Verarbeitung leistet Williams oft Herausragendes. Das fängt schon mit dem Beginn des Films an, wenn Williams Cole Porters „Anything Goes“, von Sängerin Willie (Kate Capshaw) vorgetragen in die Begleitung für eine rasant-irrwitzige Actionszene umdichtet – leider ist dies einer der vielen Momente, die es nicht auf die nur 40 Minuten lange Soundtrack-CD, die mittlerweile auch schon seit vielen Jahren out of print ist, geschafft hat. Auf dem Soundtrack gibt es nur die reine Songvariante, vorgetragen von Kate Capshaw.

Ein auch auf der CD vorhandenes Highlight sind die „Nocturnal Acitivities“ – das Liebesthema wird hier äußerst geschickt verarbeitet. Indy und Willie streiten sich in der Szene wer wen mehr begehrt – durch die zwischenzeitlich eingestreuten Hinweise auf Bedrohungen durch Attentäter, Geheimtüren und ähnliches, die die beiden Protagonisten wegen Ihres sexuellen Aufruhrs nicht mitbekommen, wird daraus eine herrlich absurde Szene, die von der Musik optimal kommentiert wird. Dabei wechselt Williams nahtlos zwischen der eher sarkastisch-humorvollen und der bedrohlichen Stimmung hin und her, ohne dass ein fühlbarer Bruch im Hörfluss des Stückes entsteht.

Zu den Highlights der Actioncues gehört sicher „Bug Tunnel and Death Trap“. Ein rhythmisch stark akzentuiertes 6-Noten-Motiv, überwiegend für Blechbläser instrumentiert wird hier permanent in Lautstärke und Tempo gesteigert. Sicher nicht die originellste Art, um eine sich steigernde Gefahr zu vertonen, aber eine höchst wirksame. Auch hier pendelt der Track zwischen zwei verschiedenen Stimmungen hin und her, wie die oben erwähnten „Nocturnal Activities.“ Die dazugehörige Szene im Film ist so aufgebaut, dass Sie zwischen Indy und Short Round, die in einer tödlichen Falle eingesperrt sind und zwischen Willie hin- und her springt. Die dauerhysterische Sängerin fühlt sich diesmal besonders unwohl, da sie durch einen Tunnel voller großer Insekten und ähnlich ekligem Gekreuch durch kriechen muss, um den Helden und seinen jungen Freund vor dem sicheren Tod zu retten. Für diese Insektenszenen setzt Williams auf eine modernistische Klangsprache voller Klangeffekte und weniger auf eine motivische Gestaltung.

Den Höhepunkt des Films stellt aber sicher die „Mine Car Chase“ dar. Indy und seine Gefährten wollen mit einer Lore aus den Bergwerkstunneln, die Mola Ram auf der Suche nach den sagenumwobenen Sankara-Steinen von seinen Kindersklaven anlegen lassen hat, fliehen. Die Schergen des Thug-Kultes verfolgen dabei die Gefährten in einer zweiten Lore. Das ganze ist dabei wie eine Achterbahnfahrt choreographiert und aufgebaut, mit dem Unterschied, dass schon mal Weichen im vollen Tempo umgestellt werden oder zwischendurch Schienenteile fehlen. Der dazugehörige Cue legt ein entsprechend halsbrecherisches Tempo vor, bei dem vor allem das schnelle Spiel der Holzbläser (eine wahre Herausforderung für die Musiker) zu beeindrucken weiß. Williams strukturiert dieses Stück durch ein eigens für diese Verfolgungsjagd geschriebenes Thema. Gelegentlich tauchen auch andere thematische Einwürfe auf – unter anderem kommt auch Mola Rams Thema hier einmal vor, als er seinen Schergen empfiehlt einen Wasserturm zum Einsturz zu bringen, um die Tunnel, durch die Indy flieht, zu überfluten. Dieser Moment ist auf dem Soundtrack die einzige Gelegenheit Mola Rams Thema zu hören.

Ein ungemein populäres Thema ist „Slave Children Crusade“, welches vor allem in einer sehr optimistischen Variante erklingt, als Indy und seine Gefährten die Kinder aus ihrer Knechtschaft befreien. Williams hat es selber häufig in Konzertprogrammen seiner Arbeiten dirigiert, so populär ist diese Melodie geworden.  Dafür, dass das Thema eigentlich für in Ketten gelegte Kindersklaven ist, gedacht ist, überrascht beim ersten Hören der „zupackende“ Gestus der Musik. Auf dem zweiten Blick macht diese Entscheidung aber durchaus Sinn, da als das Thema das erste mal richtig prominent eingesetzt wird, Indy gerade die Kinder, begleitet von metallischen Percussionsounds die Sklaven befreit. Was dann folgt, ist ein Marsch im recht zackigen Tempo, mit einer zweiteiligen Melodie – der erste meist eher nobel – heldenhaft in der Ausprägung, der B-Teil ist eine fast verspielte Streicherfigur in sehr hohem Tempo, die die zurückkehrenden Lebensgeister der befreiten Kinder symbolisiert.

An dieser Stelle könnte man durchaus noch weiter fortfahren, Highlights der CD, die mit 40 Minuten eigentlich viel zu kurz ist, aufzuzählen. In dem Albumschnitt gibt es eigentlich keinen einzigen Durchhänger, Williams hat treffsicher die Höhepunkte des Scores darauf versammelt und dabei einen perfekten Hörfluss geschaffen. Von den drei alten „Indiana Jones“-Scores ist der zum zweiten Film wahrscheinlich der stärkste, da auch vielseitigste. So eine Versammlung an Höhepunkten und auch eine so große Zahl starker Themen gab es im Score zu „Raiders“ noch nicht zu hören. Eine Höchstwertung wäre hier also eigentlich locker angebracht. Da aber zu viele hervorragende Momente einfach nicht vorhanden sind, gibt es für das (relativ schwer erhältliche) Album nur fünfeinhalb Sterne.

Jan Boltze / 17.05.08

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