Kritiken
Indiana Jones and The Last Crusade (John Williams)
Teldec / 1989
Bewertung:

Aller guten Dinge sind drei, dachten sich Steven Spielberg und George Lucas wohl, nachdem auch der zweite “Indiana Jones”-Streifen ein Riesenhit wurde. Um den dritten Teil über den schlitzohrigen Archäologen Henry Jones, jr. (selbst gewählter Spitzname „Indiana“) auch jenseits großartiger Actionszenen interessanter zu gestalten, entschloß man sich, für „Indiana Jones and The Last Crusasde“ Indys Vater ins Skript mit einzubauen. Zwischen beiden gab es eine konfliktreiche Vergangenheit, die im Film vor allem durch schlagfertige Dialogduelle ausgetragen werden, die einerseits ungemein komisch sind, aber es auch schaffen, den eh schon relativ menschlichen Helden noch ein kleines Quentchen lebendiger zu gestalten. Indiana Jones war nie ein Held, der locker-flockig jede Gefahr überwindet, sondern eher ein Überlebenskünstler, der sich spontan und mit Cleverness aus vielen Situationen retten konnte. Indys Vater wurde passenderweise von Sean Connery gespielt, dem Begründer des James Bond-Images, zu dem Indy durchaus gewisse Parallelen aufweist.
Abgesehen von dieser erquicklichen Figurenkonstellation setzt der Film natürlich auf das altbewährte Rezept: Nazis als Bösewichte, die Suche nach einem mythologischen Artefakt (diesmal der Heilige Gral, also der Becher, der das Blut Jesu Christi bei seiner Kreuzigung aufgenommen haben soll und ewige Jugend verspricht), rasante Actionszenen (unter anderem kämpft Indy zu Pferd gegen einen Panzer) und jede Menge Humor.
Auf der musikalischen Seite konnte natürlich niemand anderes als John Williams den Film betreuen. Sein „Raiders March“ wurde mit dem ersten Film sofort fast der ganzen Welt bekannt, aber auch nebenbei schüttelte er noch jede Menge thematisches Material aus dem Ärmel, welches viele Anhänger fand und zu sehr hohen Verkaufszahlen der Soundtrack-Alben von „Raiders Of The Lost Ark“ und „Indiana Jones and The Temple Of Doom“ führte. Deswegen erfreut die CD zum dritten Teil im Vergleich zu den Vorgängern schon mit einer langen Spielzeit von rund einer Stunde. Erst Mitte der 90er Jahre sollte vom ersten Soundtrack eine verlängerte Fassung erscheinen.
Die CD und der Film eröffnen bereits mit einer hervorragenden cineastischen und musikalischen Collage. Über acht Minuten vertont Williams hier „Indy’s Very First Adventure“, einem Parforce-Ritt durch eine Episode aus der Jugend von Jones. Beginnend mit eher ominösen, flächigen Streichern steigert sich das Stück in eine ausgetüftelte Actionmusik für eine Verfolgungsjagd zwischen Indy und mehreren Grabräubern. Williams hat die rasant-komödiantische Jagd nicht geradlinig gestaltet, sondern verarbeitet seine mehreren neuen Motive durch geschickte Wechsel zwischen den Instrumentengruppen. Eine enorme Fülle an musikalischen Schlüsselmomenten sorgt dabei für erstaunliche Passgenauigkeit zu den Bildern, was zur perfekten Synthese von Bild und Ton beiträgt. Dabei verzichtet Williams konsequent auf den Gebrauch des „Raiders March“, was inhaltlich auch Sinn macht, da der junge Indiana hier noch kein erfahrener Abenteurer ist, sondern eher durch einen Zufall in die gefährliche Situation geriet.
Das „Scherzo for Motorcycle and Orchestra“ ist ein weiterer Actionhöhepunkt. Der Titel lässt auf eine ungewöhnliche Besetzung schließen. Jedoch kommt hier wie beim Rest des Scores nur ein normales 85-köpfiges Sinfonieorchester zum Einsatz. Die Bezeichnung „Scherzo“ ist allerdings schon gerechtfertigt, denn das Stück ist ein typischer Highspeed-Williams-Actiontrack, wie immer strukturiert durch ein eigenes Motiv und stilistisch in der Tradition der großen Showpieces wie „The Asteroid Field“, „The Basket Chase“ oder „The Mine-Car Chase“. Es ist hauptsächlich für den Streicherapparat und die Streicher geschrieben, während die Nazis durchs Blech charakterisiert werden. Sie haben ein eigenes Thema, das im Verlauf des Films und der Soundtrack-CD noch öfter auftauchen wird. Die Faszination des Stückes liegt aber in der Verbindung von stilistischer Strenge und der Ausformulierung dieser als lockeres, melodisches und pointiertes Musikstück.
In eine ähnliche Kerbe schlägt auch „Belly of the Steel Beast“ – die Musik, zu einer Kampfszene in der es Indiana mit einem ganzen Panzer alleine aufnehmen muss. Wie hier die Musik das Geschehen auf der Leinwand widerspiegelt, ist nahezu perfekt geraten. Das Stück fängt mit einer Streicherfigur für den Panzer an, die zum einen schnell aber auch gewollt schwerfällig wirkt. Vornehmlich die tiefen Oktaven kommen hier zum Einsatz. Mit zunehmender Steigerung der Szene kommen dann auch metallische Percussions und Blechbläser dazu. Tempo und Dynamik steigen immer weiter, bis zu einem rasanten Finale als der Panzer mit einem kämpfenden Indy an Bord unkontrolliert auf einem Abhang zusteuert. Als hübsche Parallele zu der „Desert Chase“ aus dem ersten Teil ist diese Hatz auch eine der wenigen Stellen, an denen Williams den „Raiders March“ in die Musik einbaut.
Neben diesen einzelnen herausragenden Cues soll hier noch ein kleiner Blick auf die neuen Themen geworfen werden. Neben dem schon erwähnten Nazi-Motiv, was sich relativ subtil über die militaristische Einstellung der meist geistig vernagelten Filmbösewichter lustig macht, ohne dabei in den richtigen Momenten Bedrohungspotenzial auf der musikalischen Ebene zu verschenken, ist vor allem das Thema für die Gralssuche das hervorstechendste des ganzen Films. Im Gegensatz zum Thema für die Bundeslade im ersten Indy-Film, welches entweder mysteriös oder bei Bedarf beeindruckend und mächtig klang, ist das Thema für den Gral eher spiritueller und würdevoller. Es wird vor allem durch Streicher und Holzbläser getragen und präsentiert eine einfache, eingängige Melodie. In einzelnen Momenten treten unisono Hörner hinzu, um einen altertümlich-würdevollen Anstrich zu erzeugen. Der Film möchte dem Zuschauer auch durchgehend vermitteln, dass die Gralsqueste nicht nur eine Suche nach einem goldenen Kelch, sondern auch eine moralische Herausforderung ist. Die Anlage des Leitmotivs unterstreicht diesen Aspekt auf sehr gelungene Art und Weise. Indys Vater wird interessanterweise mit einem Teil dieses Gral-Themas in Verbindung gebracht, womit Williams dessen Besessenheit von der Suche nach dem Gral passend kommentiert. In der Anlage und Instrumentation sind sich die beiden Motive sehr ähnlich, auch Henry Jones wird von warmen, eher dunklen Streichern und einem Holzbläsersolo untermalt.
Ein Liebesthema sucht man dieses Mal vergeben, zwar bandelt Indy mit der Archäologin Dr. Elsa Schneider (Alison Doody) an, die sich später als Nazi-Sympathisantin entpuppt, aber die Kernbeziehung des Films ist die zwischen Henry Jones senior und junior. Rein quantitativ gibt es im dritten Score weniger Leitmotive als in den beiden Vorgängerfilmen – durch viele einzeln herausragende Cues wird das aber wieder locker wettgemacht, wenn es aber auch eine Einordnung knapp unter den Vorgängermusiken nicht ganz verhindern kann. Fünf Sterne kann man hier aber bedenkenlos vergeben, denn die besondere Atmosphäre des lockeren und leichten dritten Teils der Trilogie wird von Williams auf den Punkt getroffen. Ähnlich wie bei den Filmen hat jede der Musiken sein eigenes Odeur und sein eigenes Feeling, nicht zuletzt dank Williams’ hervorragendem Gespür für den komödiantischen, spirituellen, archaischen, temporeichen oder romantischen Gehalt der Indiana Jones Filme.
Jan Boltze / 23.05.08
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