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Kritiken

Indiana Jones and The Kingdom Of The Crystal Skull (John Williams)

Concord / 2008

CD

Bewertung:


    01. Raiders March (05:06)
    02. Call Of The Crystal (03:49)
    03. The Adventures Of Mutt (03:12)
    04. Irina's Theme (02:26)
    05. The Snake Pit (03:15)
    06. The Spell Of The Skull (04:24)
    07. The Journey To Akator (03:07)
    08. A Whirl Through Academe (03:34)
    09. "Return" (03:12)
    10. The Jungle Chase (04:23)
    11. Orellana's Cradle (04:22)
    12. Grave Robbers (02:29)
    13. Hidden Treasure/The City Of Gold (05:14)
    14. Secret Doors/Scorpions (02:17)
    15. Oxley's Dilemma (04:46)
    16. Ants! (04:14)
    17. The Temple Ruins/The Secret Revealed (05:51)
    18. The Departure (02:27)
    19. Finale (09:20)

    TT: 77 min

Wenn John Williams nach fast drei Jahren Pause eine neue Musik schreibt, dann erwartet jeder Filmmusikfan das Highlight des Jahres. Mit erstaunlicher Zuverlässigkeit hat der Maestro dieses bisher in seiner Karriere geschaft, was vor allem in den neunziger Jahren vor dem Hintergrund schwächelnder Konkurrenz offenkundig wurde. Kommt nun dazu, dass es sich bei dem neuen Score um den vierten Teil der Indiana Jones Saga handelt, schrauben sich die Erwartungen in ungeahnte Höhen, denn zusätzlich zur Freude einer neuen Musik nach so langer Pause weckt “Indiana Jones and The Kingdom Of The Crystal Skull” Erinnerungen an eine Zeit, in der ein altmodischer, thematisch einfallsreicher und eingängiger John Williams den Großteil seiner Fangemeinde gewann. Seine knackigen Actiontracks, bewundernswerten Showpieces und markanten Themen sind an eine Art Filme geknüpft, die er länger nicht vertont hatte. Die Hingabe, mit der er in den Specials der DVD-Veröffentlichung von Indiana Jones über eine mögliche Beteiligung an einem neuen Indy-Streifen sprach, weckte die Hoffnung, etwas von dem ‘alten Williams’ wieder zu hören.

Nun hat sich John Williams in den 19 Jahren seit “The Last Crusade” beständig weiterentwickelt und eine komplette Rückkehr zu der Tonsprache der Abenteuer der achtziger Jahre zu erwarten, wäre auch vermessen. Dennoch besitzt “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” genug nostalgischen Charme, um dem wohligen Klang des Raiders March und anderer Zutaten Raum zu geben. Auf dem Album nimmt Williams den Hörer auch erst einmal mit auf einen Trip durch die Vergangenheit, indem im Eröffnungstitel das berühmte Titelthema und “Marion’s Theme” aus “Raiders Of The Lost Ark” in einer Konzertsuite zum besten gibt. Das originale Tempo, wunderschöne Orchestration und die knackige Aufnahme (gilt für die gesamte CD) bringen Indiana Jones Feeling in die heimische Stube - obwohl die Suite quasi eine Übernahme der Abspannmusik von “Raiders ...” ist.
Neues Material bekommt man ab dem zweiten Titel zu hören. “The Call Of The Crystal” eröffnet den Film mit hypnotischen Streicherflächen, dunklem Spiel der Holzbläser, die das im Film deutlich stärker als auf CD entwickelte Skull-Thema spielen, und einer schrittweisen Steigerung mit Blech und Pauke zu einem wuchtigen Höhepunkt. Atmosphärisch dicht, wunderbar mysteriös und elegant mehrstimmig orchestriert ist das Stück ein Hinhörer - doch in seiner Ernsthaftigkeit und düsteren Schwere ein Kontrast zu den Erwartungen vieler. Auch im weiteren Verlauf der Musik wird deutlich, dass Williams keineswegs eine locker-leichte Tour de Force durch die Ereignisse vertonte, sondern auch dunkle, humorfreie und ernste Ansätze in das Konzept bringt. Von der Anlage ähnelt “Indiana Jones and The Kingdom Of The Crysal Skull” also am ehesten dem ersten Teil, wo das Thema des Schatzes und viele Passagen am Beginn in Südamerika einen Kontrast zu “The Basket Game” oder auch der eher abenteurlichen Action in “The Desert Chase” bilden. Teile zwei und drei bieten solche Gegensätze kaum, selbst der wuchtige Marsch der Sklavenkinder in “Temple Of Doom” ist mit einem Augenzwinkern versetzt und vermittelt keinen realen Terror.

“Indiana Jones and The Kingdom Of The Crystal Skull” ist somit zweigleisig aufgebaut. Neben Fortsetzungen des Tons des “Call Of The Crystal” ist natürlich in vielen Titeln der Humor, das Abenteuer und der Charme des Peitschenschwingers zurück. Charakteristisch ist dafür die Suite des Themas für Indys jungen Kollegen Mutt (Shia LaBeouf), Titel drei. Mit schnellen Streicherwirbeln, peppig, verspielt und locker leicht wird ein Thema für den jugendlichen Übermut vorgestellt, inklusive Holzbläserstafetten, Paukenschlägen und präzisen Blechbläsereinsätzen. Spätestens jetzt wird klar: Williams hat weder die Lust an solchen kleinen Kabinettstückchen verloren, noch das Talent, jede Note so präzise und passend zu setzen, dass sie unvermeidbar wirkt. In “The Snake Pit” setzt er dies fort, setzt die Violinen mit Pizzicato ein, wechselt die Melodiestimmen wild durch die Instrumentengruppen und bietet mit herrlich vertrackter Rhythmik eine Fingerübung vom feinsten. Dieses Niveau hält er auch in den Actionpassagen vom alten Schlage durch, nennenswert sind dabei unter anderem “A Whirl Through Academe” und “The Jungle Chase”. Im Stile der Star Wars Action und der “Desert Chase” stehen hier die Blechbläser im Vordergrund, doch wie immer bei Williams hat kein Orchesterteil Pause: Xylophon, Schlagwerk, Holzbläserwirbel und rhythmische Streicher erklingen wie in alten Zeiten und verweisen auf die schmunzelnde, sich selbst ironisierende Vertonung von Action bei Indiana Jones.
Die düstere Seite des neuen Films fällt vor allem im zweiten Teil der Musik stärker ins Gewicht. Vorher wird jedoch das Thema für die Gegenspielerin Irina (Cate Blanchett) vorgestellt. Mit einer Saxophoneinführung, tiefen Streichern und einer lässigen, wenig summbaren Melodie versprüht es einen Noir-Charme, eine leicht morbide Reminiszenz an russische Klischées in den Hörnern inklusive. Das ist vor allem wegen der exzellenten Orchestration der begleitenden Streicher ein Titel mit sehr atmosphärischer und stilvoller Wirkung. Vorbild standen hier eher Konzepte aus “Catch Me If You Can” und “Minority Report”. Letzterer kommt einem auch bei “Return” in den Sinn, wo düstere Bässe und zyklische Rhythmik einen Suspense-Track mit modernem Gewand hervorbringen. Modernistisches prägt denn auch große Teile dieser Passagen, seien es die schrillen Blechbläsercluster in “Call Of The Crystal” oder die an Teile von “Memoirs Of A Geisha” und “The Lost World” gemahnenden, furiosen Actionmusik in “Grave Robbers”. Im großartigen “Hidden Treasure / The City Of Gold” blinkt Williams’ düster-brachialer Vertonungsansatz für “War Of The Worlds” deutlich hervor und die beiden abschließenden Tracks vor dem “Finale” überbieten sich mit wuchtigen Schichtklängen.

Was sich liest wie ein Ritt durch 30 Jahre John Williams, ist aber weniger eine Stilzitatesammlung als die Summe aus großen Teilen der Karriere des amerikanischen Komponisten. Mit traumwandlerischer Sicherheit verwebt er auch im Alter von 76 Jahren all diese Stränge zu einem organischen und dennoch vielfälitgen Score. Jede Note spricht für seine orchestratorische Finesse und lässt “Indiana Jones and The Kingdom Of The Crystal Skull” bedenkenlos in die Reihe seiner Vorgängermusiken stellen. Wenn es eine Schwäche dieser Musik gibt, dann ist es wohl das Fehlen eines markanten Ohrwurmes, wie es bis jetzt jeder Teil hatte. Doch dies kann im Kontext der Untermalung kaum als Schwäche gewertet werden, denn die Musik funktioniert größtenteils auf einer anderen Ebene und die eher kleinen Motive für Mutt und Irina stehen neben vielen angedeuteten Zitaten des “Raiders March”. 

Jan Zwilling / 24.05.08

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