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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

In The Electric Mist (Marco Beltrami)

Varèse / 2009

CD

Bewertung:


    01. In The Electric Mist (2:57)
    02. Score Vs. Airboat (:56)
    03. Post Coital Investigating (1:49)
    04. Baby Feet’s Limo (1:22)
    05. The Confederate Dead (3:30)
    06. Fishing With Dave (1:03)
    07. Adonis Brown (1:09)
    08. Out With The N Word (2:34)
    09. Kelly’s Service (1:52)
    10. Shipwrecked (2:31)
    11. Dina Kills Again (2:38)
    12. Past Meets Present (2:50)
    13. Maybe Babyfeet (1:16)
    14. Knife Planting (1:32)
    15. Dave Robicheaux (2:48)
    16. La Terre Tremblante (4:17)

    TT: 35 min

Manchmal braucht es fast ein Jahrzehnt, bis ein Filmkomponist jene Nische findet, die er perfekt ausfüllen kann. Marco Beltrami begann im Horrorgenre ("Scream", “Mimic"), das ihn über sehr lange Zeit nicht losließ. Anschließend schaffte er den Absprung in einige höher budgetierte Actionproduktionen wie “Terminator III” oder “i, Robot”. Zu jeder Zeit stattete der Amerikaner mit italienischen Wurzeln seine Filme mit beachtenswerten Scores aus, doch seine wirkliche Bestimmung scheint er erst jüngst gefunden zu haben. Dies begann mit der Untermalung des Tommy Lee Jones Dramas “The Three Burials Of Melquiades Estrada” und findet seine überzeugende Fortsetzung im Südstaatenthriller “In The Electric Mist”. Beltrami setzt gut zehn Jahre nach seinem Auftritt auf die große Bühne auf kleine, anspruchsvolle Stoffe, die einer wohl durchdachten, stimmungsvollen und dramaturgisch subtilen Vertonung bedürfen. Wie in “3:10 To Yuma” erarbeitet Beltrami hierfür ein ausgefeiltes und fundiertes klangliches Fundament, setzt sich intensiv mit geo-kulturellen Implikationen des Stoffes auseinander und schafft dadurch hohe Authentizität und musikalische Qualität.

Der Thriller “In The Electric Mist” von Bertrand Tavernier ist ein Paradebeispiel für diese Herangehensweise Beltramis. Tommy Lee Jones spielt einen Detective, der im Südstaat Louisiana in einem Mordfall ermittelt. Langsam tastet sich der alternde Polizist an Machenschaften der lokalen Mafia, die spezielle spirituelle Tradition der schwül-heißen Gegend und an seine eigene Vergangenheit heran. Tavernier, der mit diesem Film 2009 ein weiteres Mal im Wettbewerb der Berlinale vertreten war, inszenierte den Thriller sowohl charakter- als auch schauplatz- und stimmungsbezogen, sodass eindrucksvolle Bilder neben glaubwürdigen Darstellern und Dialogen stehen. Neben Jones spielen John Goodman und Peter Sarsgaard.

Beltrami heuerte für wenig Geld für den Film an, da dieser ihm die verlockende Möglichkeit gab, lokale Musiktraditionen in ein dramaturgisches dichtes Handlungsgeflecht einzubauen. Er betrieb daher umfängliche Recherchen, vor allem über die Musik der Cajuns. Diese französisch-sprechende Bevölkerungsgruppe im Süden Louisianas, wo der Mississippi in großen Mangrovenwäldern als Delta in den Golf von Mexico mündet, pflegt eine eigene, lebendige Musiktradition. Hauptinstrumente sind das Akkordeon, Gitarren, Kontrabass und Geige. Daneben kommen in der von mixolydischer Harmonik geprägten Musik viele Rhythmusinstrumente wie Trommel und Triangel zum Einsatz. Ursprünglich ist Cajun lebhaft und tänzerisch geprägt, es gibt jedoch auch träge, traurige und vor allem stimmungsvolle Stücke. Beltrami verbrachte bereits während der Dreharbeiten viel Zeit in dem Heimstudio des Interpreten Dirk Powell und sog die Stilismen des Cajun auf. Einige folkloristische Melodien integrierte er als kleine Seitenthemen in seinen Score.
Dieser präsentiert sich im Ergebnis als organischer Mix aus dem traditionellen Ensemble und einem rund 25 Mann starken Orchester. Neben Streichern integrierte Beltrami Saxophon, Klarinetten, Posaune und Percussions in die Musik. Die dadurch erzielte Klangwirkung ist intim, minimalistisch und dennoch reich an Klangschattierungen und kleinen Motiven. Der Eröffnungstitel “In The Electric Mist” glänzt vor allem durch die organische Einbindung der traditionellen Instrumente, wobei Beltrami vor allem Gitarre und Banjo durch angeschleifte Töne und synkopierter Rhythmik viel Atmosphäre erzeugt. Ergänzend treten die Percussions, vor allem die Triangel, als besondere klangliche Note hervor, wodurch die neblige Schwüle des Schauplatzes hervorragend eingefangen wird. Im weiteren Verlauf zeigt sich, dass Beltrami mit dem speziellen Instrumentarium glänzend dramaturgisch arbeitet. Das kurze und knackige “Score vs. Airboat” nutzt Akkordeon als Klangfläche für kräftige Streicherläufe, während Triangel und andere Rhythmusinstrumente eine relativ komplex gestaltete Dynamik erzeugen. Die Fiddle kommt gelegentlich in fast tranceartigen Stücken wie “Dina Kills Again” zum Einsatz, die Violinen spiegeln diese Stimmung geschickt in “Knife Planting”. Besonders augen- oder ohrenfällig ist, wie Beltrami sein sinfonisches Ensemble und die Cajunmusiker perfekt integriert und beide Klangkörper symbiotisch Stilismen aus mehreren Welten interpretieren.
Melodische Klammer der Musik ist ein Titelthema, das zu Beginn von Gitarre und Banjo und schlussendlich von Klarinette, Posaune und Streichern ("Dave Robicheaux") gespielt wird. Für den Abspann komponierte Beltrami zusammen mit Dirk Powell das stimmungsvolle Chanson “La Terre Tremblante” über dieses Thema, das eine gelungene Fortsetzung des Scores darstellt. Kleinere Motive sind wie erwähnt teilweise aus Folklorestücken entlehnt.

Abschließend kann man Beltrami nur zu seiner aktuellen Auftragsauswahl gratulieren. In Fortsetzung von “Yuma” oder “Melquiades Estrada” bietet er hiermit feinste Thriller- und Dramenmusik, die den kulturellen Hintergrund der Geschichte und des Schauplatzes reflektiert. Sowohl sinfonisch als auch “ethnisch” arbeitet Beltrami sorgfältig und mit großartigem orchestratorischem Geschick. Insgesamt schrammt er damit äußerst knapp an 4,5 Sternen vorbei und ist gegenüber seinen vielversprechenden Horror-Musiken merklich gereift - und wenn er sich wie mit “Knowing” ab und zu einen großen Unterhaltungsfilm aussucht, lässt er auch dort seinen Ehrgeiz walten. Weiter so.

Jan Titel / 28.07.09

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