Kritiken
Hour Of The Gun (Jerry Goldsmith)
Varese / 2005
Bewertung:

Im Western-Genre ist die Geschichte vom „Shootout“ am O.K. Corral zwischen Wyatt Earp und Doc Holliday auf der einen und der Clanton Gang auf der anderen Seite ein Standardthema. Unzählige Filme drehen sich um dieses historisch verbürgte Ereignis, dass in Hollywood allerdings meistens sehr frei umgesetzt wurde- für den dramatischen Effekt. Selbst neuere Western wie „Tombstone“ (Score von Bruce Broughton) zeigen, dass das Thema scheinbar für die Filmemacher noch nicht komplett durchgenommen ist.
John Sturges hatte mit der Westernkomödie „The Hallelujah Trail“ einen ziemlichen Flop erlitten, als er ein Buch des Autoren Douglas D. Martin über die historischen Abläufe am O.K. Corral fand. Es grenzt fast ein bisschen an Ironie, dass sich ausgerechnet Sturges’ der Verfilmung annahm, denn sein 1957 entstandener „Gunfight at O.K. Corral“ ist genau so, wie es die tatsächlichen Vorgänge nicht waren. In Realität hat die Schießerei wohl nur 7 Sekunden gedauert, aber bei Sturges war es ein dramatischer Hollywood-Showdown- aber gerade das Klischee hinter sich zu lassen schien für Sturges den Reiz auszumachen. Drehbuchautor Edward Anhalt entwarf dann ein Skript für Sturges, in dessen Drehbuchentwurf die Protagonisten deutlich weniger heroisch waren als in anderen Western übrig. Wyatt Earp (James Garner) ist ein von dem Gedanken nach Rache Besessener, Doc Holliday ein tuberkulose-kranker Säufer.
John Sturges’ Stammkomponist im Westerngenre war eigentlich Elmer Bernstein, der auch seinen vorherigen Film „Hallelujah Trail“ vertont hat- und vor allem „The Magnificent Seven“ – mit einer der berühmtesten Scores der Filmmusikgeschichte überhaupt. Bernstein war aber zu der Zeit von „Hour of the Gun“ für George Roy Hills Musical „Thoroughly Modern Millie“ engagiert (für die Bernstein später einen Oscar gewann) und so holte John Sturges Jerry Goldsmith ins Boot, der schon „The Satan Bug“ für Sturges vertont hatte Letztendlich erwies sich Goldsmith für den „revisionistischen“ Western auch als durchaus passende Wahl, ein heroischer Westernscore, wie man ihn von Elmer Bernstein normalerweise zu Hören bekommen hätte, hätte dem Film sicher nicht gepasst.
Die CD wird deswegen trotzdem von einer recht noblen Variante des Hauptthemas eröffnet. Aber auch hier ist die Melodie in Moll gehalten und erinnert entfernt an den Sound von John Barry in den 60er Jahren. Im „Main Title“, dem zweiten Track ist die Musik dann aber schon deutlich zurückgenommen und in ihrer Ausprägung schon fast impressionistisch. Typische Westerninstrumentierung kommt zum Einsatz, dabei agieren die Instrumente fast solistisch in langsamen Tempo und unterstreichen damit eher die Gefühle und Gedanken der Protagonisten anstelle der Handlung. In solchen Momenten hält Goldsmith die Musik bewusst spartanisch und knapp- außerdem lässt er viel Stille zu. Der Film hat um eine halbe Stunde Musik, die CD von Varèse, eine Neuauflage der alten RykoDisc-CD, dürfte damit auf jeden Fall substantiell vollständig sein. John Sturges äußerte sich auch in einem Interview darüber, dass er es liebt, wenn die Musik für sich stehen kann und sich nicht mit Dialogen die Tonspur teilen muss.
Wie oft bei Goldsmith ist die Musik komplett auf einem Thema aufgebaut, dass äußerst geschickt variiert wird, um genügend Vielseitigkeit in die Partitur zu bringen. Erwähnenswert ist noch der spektakuläre, eher action-orientierte Cue „Whose Cattle“, bei dem mit Xylophonen und anderen Schlaginstrumenten als Begleitung zum Hauptthema eine enorme Dynamik als Kontrast zum eher ruhigen Gestus der restlichen Musik.
Die Kehrseite dieses Konzeptes ist natürlich, dass die Musik im technischen Detail weniger ausgefuchst ist, als vergleichbare Western-Scores aus der Zeit, die mit zu den stärksten Partituren gehörten, die Goldsmith zu der Zeit schrieb.
Fazit: Im Vergleich mit Goldsmith’s ganz großen Westernarbeiten wie „100 Rifles“, „Bandolero!“ oder „Wild Rovers“ fehlt es „Hour of the Gun“ zwar noch ein bisschen an Raffinesse in der Detailarbeit, dennoch ist das Album trotz seiner geringen Spielzeit klar zu empfehlen.
Jan Boltze / 31.01.07
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