Kritiken
Heavy Metal (Elmer Bernstein)
FSM / 2008
Bewertung:

Warum suchen sich etablierte Komponisten von Zeit zu Zeit C-Klasse-Filme aus? Diese Frage erschließt sich nicht auf den ersten Blick, aber wenn man sich Filme und dazugehörige Musiken wie “Krull” von James Horner, “Supergirl” von Jerry Goldsmith oder auch “Cutthroat Island” von John Debney anschaut, dann scheint eine Erklärung greifbar nahe. Solche Filme vertragen es, wenn der Komponist ohne Rücksicht auf Verluste mit dem Orchester spielen kann, wie es ihm gerade passt. Zu viel Opulenz gibt es nicht, keine Dramaturgie kann durch unsubtile Einsätze zerstört werden und thematisch bietet der Film allen Raum für reichhaltige Themenentwicklung. Eine Art Erholungsurlaub für Goldsmith, Horner und Co, können sie doch ihrer Komponistenseele freien Lauf lassen.
Elmer Bernstein sicherte sich 1981 ebenfalls ein solches Projekt. Der Trashfilm “Heavy Metal” von Regisseur Gerald Potterton vereint die Genres Zeichentrick, Realfilm, Horror, Science-Fiction, Krimi und Erotikschmonzette in einem bunten Storywirrwar, geteilt in mehrere Segmente. Bekannte Darsteller sind John Candy, Eugene Levy und Drehbuchautor/Regisseur Harold Ramis in einer Sprechrolle. Kurioserweise wurde “Heavy Metal” ein Jahr später sogar als bester Science-Fiction-Film für einen Saturn-Award nominert (und verlor gegen “Superman II"). Die durchschnittliche Nutzerbewertung von 6,3 Punkten von 10 bei imdb.com spricht auch für eine spezielle Fangemeinde, die epischem Trash etwas abgewinnen kann.
Musikalisch nutzte Bernstein die die sich bietende Möglichkeit, aus dem Vollen zu schöpfen und schenkte dem eindimensionalen Streifen eine großorchestrale Musik mit vielen Finessen. Dabei fällt auf, dass sich Bernstein nicht des Holzschnittartigen bedient, sondern im Kontrast zum Film recht viele orchestrale Feinheiten einarbeitete. Stilistisch gründete er die musikalische Welt von “Heavy Metal” irgendwo zwischen den Fanfaren und summbaren Themen von bekannten Sternensagen und der expressiven Wucht zahlreicher Historienfilme aus dem Golden Age. So beginnt der Score mit ausdrucksvollen Harfen- und Glockenglissandi, Streicher wallen auf und ab und ein unscheinbares Thema wird von den Holzbläsern vorgestellt. Das Thema, übrigens sehr eng verwandt mit einem Motiv aus “Hellboy II”, erweist sich im Verlauf der Musik als zweites Rückgrat der Musik. Zu Beginn übernimmt es die Rolle der fantasievollen Stimmungsmalerei, wobei Anleihen beim Impressionismus (doppelte Melodieführung der Klarinetten) ebenso auftauchen wie Fantasystandards wie geteilte Streicher zum Verdeutlichen von Unbekanntem. Die direkte Umsetzung von Emotionen verweist aber auch auf Richard Strauss und seine Alpensinfonie.
Das Hauptthema erscheint erst recht spät in der Musik, zuerst überlässt Bernstein dem eröffnenden Motiv den Raum und orchestriert es beispielsweise mit einem Frauenchor zum vollmundigen Mysterymotiv. In “Discovery” darf die Fanfare mit dem Hauptthema urplötzlich erscheinen und versprüht sofort B-Movie- oder TV-Charme. Das melodisch einfache, auf Steigerungen und Wiederholen ausgelegte Thema ist sofort ein Ohrwurm, passt wunderbar zu kurzen und markanten Heldenauftritten und lässt sich in knackige 30 Sekunden Serienabspann komprimieren. Im Grunde schafft Bernstein eine wuchtigere, kräftigere und etwas filmisch wirkendere Version von Bill Contis unzähligen Themen von “The Right Stuff” bis “North And South”. Praktisch unverändert darf das Thema dann auch immer wieder auftreten, mit Hörnern im A-Teil, Posaunen und Tuba in der Durchführung und schillernder Begleitung und frenetischen Becken- und Paukenschlägen.
Musikalisch spannender sind die vielen musikalischen Einzellösungen zwischen den Themenauftritten. Die Palette ist dabei enorm breit und reicht von dramatisch anschwillenden Streicherschichtungen mit Grundrhythmus und Blechbläserfinale ("Castrate Him") bis hin zu feinsinnigen Flötenmelodien und tänzerischen Kammermusikeinlagen. Dabei nimmt sich Bernstein angenehm unernst, orchestriert aber dennoch mit der gebotenen Sorgfalt. Besonders schön sind dabei die vielen Passagen für Oboe und Klarinette, Hinhörer auch die Fanfaren im Stile von “The First Knight”. Emotionen werden mit dem breiten Pinsel gezeichnet, schaffen aber dennoch Dramatik wie in “Pursuit” oder epische Tragik in “Robot Love”. Dass im Score die aufbrausenden Actionstücke die Oberhand behalten, ist durch eine große Anzahl kleiner Motive oder melodischer Figuren, meist nur wenige Noten lang, garantiert. Dies hält den Unterhaltungswert hoch und sorgt dafür, dass man von “Heavy Metal” sowohl etwas beim oberflächlichen Nebenbeihören als auch beim aufmerksamen Genießen hat.
Diese doppelte Funktion bieten in Reinform nur solche Streifen zweifelhafter Qualität und Geschichte. Absolut fehlende Ernsthaftigkeit und dennoch genug Material auf der Leinwand als Referenz für den Komponisten, das sind die Garanten für Elmer Bernsteins wunderbar unterhaltsame Tour de Force durch die musikalischen Klischees der Fantasy. Seine Musik zu “Heavy Metal” hätte jeden halbwegs ernsthaften Film überladen, doch hier auf der CD von FSM machen die Pauken und Trompeten richtig Spaß. Damit ist der Score zwar nicht zu verwechseln mit großen Highlights der Filmmusikgeschichte, eine Empfehlung kann man ihm aber nicht verwehren.
Jan Titel / 11.10.08
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