Kritiken
Hawaii (Elmer Bernstein)
Varese Club / 2002
Bewertung:

Die Filmographie von Elmer Bernstein ist verglichen mit anderen Golden-Age- und Silver-Age-Komponisten vergleichweise untypisch. Der Einstieg in die Branche in Hollywood erfolgte Anfang der fünfziger Jahre mit einigen revolutionären Scores wie “The Man With The Golden Arm” und dem Epos “The Ten Commandments”, der bald folgende Niedergang des Studiosystems ließ den im Gegensatz zur etablierten Komponistengeneration von Waxman bis Rozsa noch jungen Bernstein flexibler werden und in die verschiedensten Genres ausweichen. Besondere Rolle spielte immer der Western, den er über Jahrzehnte stilprägend vertonte. In den achtziger Jahren wurde Bernstein sogar in die Komödienecke abgedrängt, doch dazwischen und auch im Karriereabend in den Neunzigern waren noch manch groß angelegte Filmvertonungen in seiner Filmographie zu finden.
Eine dieser Produktionen ist die Literaturverfilmung “Hawaii” nach einer tausend Seiten starken Vorlage von James A. Michener. Der 1966 produzierte Film ist ein Abenteuerfilm alter Schule, eine über mehrere Generationen angelegte Saga über einen Universitätsabsolventen (Max von Sydow), der im 19. Jahrhundert nach Hawaii aufbricht, um das Christentum auf der Insel zu verbreiten. In weiteren Rollen spielen Julie Andrews, Richard Harris und Gene Hackman. Der Film unter der Regie von George Roy Hill geriet mit 189 min zu einem opulenten Epos, trotzdem wurde nur ein Teil der Geschichte des Romans verarbeitet und vier Jahre später kam ein wenig beachteter Nachfolger mit Charlton Heston (Musik: Henry Mancini) in die Kinos. Für den ersten Film, der vor allem eine mit Klischee-Exotik, Seefahrerfeeling und emotionalen Wendungen bestückte Historienfototapete ist, konnte Elmer Bernstein aus dem Vollen schöpfen und einen großformatigen Score beisteuern.
Stilistisch ist der Score der alten Schule des Golden Age verhaftet und kombiniert ein großes Orchester mit gelegentlichem exotischem Instrumentarium. Orientierungspunkt mag für Bernstein die hervorragende Musik zu “Mutiny On The Bounty” von Bronislaw Kaper einige Jahre zuvor gewesen sein, denn schon die Overture versprüht den altmodischen, kraftvollen und behutsam mit Exotismen angereicherten Charme des Seefahrerepos. Nach einigen Trommeln, Rascheln und verschiedenen Holzschlaginstrumenten übernimmt das Orchester mit geballter Blechbläserwucht die Regie und präsentiert ein zweiteiliges Thema, das unmittelbar ins Ohr geht. Die Melodik ist direkt und markant und die Orchestration übt sich in Seemannsstandards: Streicherwirbel und schnellste Läufe der Holzbläser symbolisieren die schäumende Gischt, während Schlagwerk und Blech den Sieg des von Menschenhand erbauten Schiffes über die Naturgewalten darstellt. Der B-Teil gerät leicht pointiert und rhythmisch, sodass auch die auf der See beliebten Jigs eine Referenz bekommen. Geschickt weiß Bernstein durch die gesamte Musik die Besetzung in der Größe zu variieren, sodass einzelne Violinen und Holzbläser einen Hauch von der auf einem Schiff zu erwartenden Originalmusik versprühen.
Der durch die “Overture” vorgegebene Ton ist im großen und ganzen repräsentativ für die gesamte Musik, die stilistisch dem Eröffnungstitel nichts neues hinzuzufügen hat. Angedeutete Themen und Stimmungen werden orchestratorisch geschickt und routiniert weiterentwickelt, was einem über die gute Stunde der kompletten Musik schwungvolle Unterhaltung garantiert. Einige Highlight sein an dieser Stelle hervorgehoben: Die kurze und wunderbar runde Fanfare zur “Departure” legt die Vermutung nahe, dass Bernstein auch einen guten “Star Trek” hätte komponieren können. In “Storm” wird es auch mal angenehm dramatisch, wobei vor allem die Begleitstimmen hektischer und kontrastreicher werden. Eine Tendenz zur Auflösung von Harmonien oder zu dissonanten Klängen gibt es auch später nicht, wenn es nach anfänglicher Ruhe in “Battle” wuchtiger wird. Hier bietet Bernstein Pauken, leicht reibende Blechbläser und eine Bassposaune auf.
Die ruhigen Passagen der Musik sind aber ebenfalls eine Erwähnung wert. Beginnend mit “Pastoral Letter”, aber zum ersten Mal in voller Schönheit in “Farewell” lässt Bernstein hier sehr geschickt Violine, Cello, Harfe, Streicher und einzelne Holzbläserstimmen agieren. In “Farewell” taucht zudem ein exquisites Nebenthema für die Oboe auf, das Bernstein elegant mit der Harfe umspielt und später in den Streichern ausbaut. Düsterere Atmosphäre erzeugt “Malama’s Death”, hier setzen exotische Percussions und Harfe deutlich mysteriöse Akzente und das schwungvoll-heitere Thema, das zuvor die Verbindung zwischen Seemanns-Jig und Heile-Welt-Exotik darstellte, bekommt hier ein verzerrtes Streichergesicht. Das Oboenthema hat noch einmal in “Abner Alone” einen glanzvollen Auftritt, bevor das Finale mit der “Exit Music” schwungvoll den Kreis zur Overture schließt.
Insgesamt ist “Hawaii” eine angenehm altmodische und klangschöne Abenteuermusik, die einmal mehr beweist, dass Bernstein für eine Überraschung gut ist. In Zeiten, in denen alles auf moderne Popmusik schwörte und die Zeichen der Zeit in der Filmmusik in eine andere Richtung deuteten, geht er mit dem schwungvollen Seefahrerepos zurück zu den Wurzeln. Dass dies auch heute Spaß macht, ist selbstverständlich und neben dem Komponisten dem Team von Varèse Sarabande zu verdanken. Robert Townson veröffentlichte 2002 im CD-Club die Musik erstmalig auf CD, neben dem LP-Programm findet sich der fast komplette Score (in Kopien von Bändern aus Bernsteins Privatbesitz) in dem Doppel-Set. Die Tonqualität dieses Transfers ist passabel, das etwas flache Mono kann aber nicht den Reiz der Musik verstecken.
Jan Titel / 03.09.08
Um Nutzer-Kommentare zu erstellen, müssen Sie eingeloggt sein. Klicken sie auf Kontrollzentrum, um sich einzuloggen oder einen Account zu erstellen.
Nutzer-Kommentare anzeigen
Zu diesem Beitrag existieren aktuell 0 Nutzer-Kommentare. Letzter Kommentar: - .
» Alle Kommentare anzeigen