[ Sie sind zur Zeit nicht eingeloggt. ] [ Registrieren oder Einloggen im Kontrollzentrum ]

Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Harry Potter and The Deathly Hallows part 1 (Alexandre Desplat)

WaterTower / 2010

CD

Bewertung:


    01. Obliviate (03:02)
    02. Snape To Malfoy Manor (01:58)
    03. Polyjuice Potion (03:32)
    04. Sky Battle (03:49)
    05. At The Burrow (02:35)
    06. Harry And Ginny (01:44)
    07. The Will (03:39)
    08. Death Eaters (03:15)
    09. Dobby (03:49)
    10. Ministry Of Magic (01:46)
    11. Detonators (02:23)
    12. The Locket (01:52)
    13. Fireplaces Escape (02:55)
    14. Ron Leaves (02:36)
    15. The Exodus (01:38)
    16. Godric's Hollow Graveyard (03:15)
    17. Bathilda Bagshot (03:54)
    18. Hermione's Parents (05:51)
    19. Destroying The Locket (01:11)
    20. Ron's Speech (02:17)
    21. Lovegood (03:28)
    22. The Deathly Hallows (03:18)
    23. Captured And Tortured (02:57)
    24. Rescuing Hermione (01:51)
    25. Farewell To Dobby (03:44)
    26. The Elder Wand (01:37)

    TT: 74 min

Verfolgen Film- oder Filmmusikfans eine Reihe von aufwändig produzierten Filmen, tendieren sie häufig dazu, künstlerische Kontinuität in allen Bereichen der Produktion gutzuheißen. Da die fertigen Filme retrospektiv häufig als Einheit betrachtet werden, sollten sie auch in Besetzung, visuellem Stil und Inszenierung aufeinander aufbauen, so die oft vertretene Ansicht. Beste Beispiele sind die Trilogie auf Basis der „Herr der Ringe“- Romane (einschließlich der anstehenden Hobbit-Filme), das Spider-Man-Franchise oder auch frühere mehrteilige Produktionen wie „North and South“. Bricht die Kontinuität an einer entscheidenden Stelle, läuft die Reihe Gefahr, die treuesten Fans zu vergraulen. Bei der Debatte um eine Alternativbesetzung für den Spider-Man ist man genau an diesem Punkt.
In dieser Hinsicht ist „Harry Potter“ bereits als künstlerische Einheit verloren. Während die ersten beiden Teile aus einem Guss realisiert wurden, hielten ab „The Prisoner of Azkaban“ Veränderungen Einzug, die im Widerspruch zu Vorangegangenem stehen. Optik, Topographie, Inszenierungsstil und Musik zeigten sich in neuem Gewand, in dem Fall aber mit positivem Effekt. Im Gegensatz zum vierten Teil kann man Änderungen hier als Verbesserungen auf allen Ebenen ansehen, die in einer behutsamen Evolution (analog zum Erwachsenwerden der Hauptfiguren) hätten fortgeführt werden können. Der oberflächlich bunte und erzählerisch fahrige Teil 4 brachte dies zu Fall, zudem kam mit Patrick Doyle ein neuer Komponist an Bord. Erfreulicherweise hat sich David Yates mit Ausgaben 5 und 6 wieder in Richtung „Azkaban“ bewegt, wenn auch sein Komponist Nicholas Hooper neben vielversprechenden Ideen vor allem Limitierungen im Orchestrieren präsentierte.

Für das große Finale kommt nun mit Alexandre Desplat ein vierter (zählt man William Ross mit, der Teil 2 arrangierte, sogar fünfter) Komponist in das Franchise. Der Rest der Crew bleibt erhalten, sodass Desplat den Faden von den vorherigen beiden Teilen aufnehmen muss.
Schon die ersten Minuten der Desplat-Musik lassen zwei Erkenntnisse reifen: Erstens gehören die limitierten Orchestrationsfähigkeiten Nicholas Hoopers der Vergangenheit an (seine Musiken krankten nicht an melodischen Einfällen oder klanglichen Ideen, sondern an der eindimensionalen instrumentalen Ausführung), zweitens wird auch mit dem Franzosen der Williams-Stil keine triumphale Rückkehr in die Saga erhalten. Der bunte, klangvolle und klassisch-detaillierte Orchestersatz der ersten beiden Teile scheint dem Regisseur des Finales kaum mehr passend zu sein. So ist „Harry Potter and The Deathly Hallows pt. 1“ ein waschechter Desplat-Score – und dies sowohl im besseren als auch im schlechteren Sinne.

Desplat arbeitet wie gewohnt orchestral mit wechselnder Ensemblegröße und einem Mix aus minimalistischen Grundstrukturen und kontrastierenden gedehnten Melodieläufen. Dadurch erhält Harry Potter ein moderneres Gewand als bei John Williams, das weniger opulent und melodisch ist. Dem düsteren Ton und den zum Teil längeren Dialog- und Suspenseszenen geschuldet, entfaltet der Score zudem nicht die expressive Kraft und das konzertante Flair, die viele Fans der Reihe als den typischen Potter-Klang schätzen.
Versucht man den Desplat-Score zu systematisieren, fallen vier verschiedene Klangbilder auf: Zum ersten enthält der Score eine knappe Handvoll veritabler Actioncues, die virtuos gestaltet und packend orchestriert sind (Beispiel: „Sky Battle“). Dann gibt es eine ganze Reihe melancholischer Titel, die intim instrumentiert sind und ihre Wirkung vor allem durch Streicher und Soloinstrumente beziehen (Beispiel: „Hermione’s Parents“). Weniger überzeugend sind einige Suspensecues, in denen Desplat zu sehr in wabernde Klangmalerei abfällt und zu wenig wirklich ‚musikalisches’ zu bieten hat (Beispiel: „Bathilda Bagshot“). Zu guter letzt hält Desplat noch einige kleine Spielereien bereit, die die schrullige und sympathische Seite einiger Nebenfiguren charakterisieren (Beispiel: „Detonators“). Alle vier Klangbilder ergeben ein rundes Ganzes, wenngleich eine übergreifende melodische Klammer fehlt.

Zur Einbindung von bekannten Themen in seinen Score äußerte sich Desplat im Inteview mit „Aint It Cool News“ folgendermaßen:

„Der Score war in thematischer Hinsicht eine echte Herausforderung für mich, weil ich von Beginn an von der Idee begeistert war, John Williams’ Themen zu arrangieren und einzubinden. Der Film ist aber sehr verschieden im Vergleich zu allen Vorgängern. Zum ersten Mal spielt die Handlung nicht in der Schule, die Figuren sind ständig auf der Flucht. Sie verbringen fast den gesamten Film irgendwo in den Straßen, verstecken sich vor dunklen Mächten, es ist auch das erste Mal dass Harry keine Freunde um sich hat. Obwohl es auch ziemlich komische Momente gibt, ist es doch ein sehr düsterer Film. Die drei befinden sich auf einer Reise, die sie in andere Lande und Welten führt als bisher.
Es war sehr schwierig für mich, diese neue Ära in Harry Potters Leben hörbar zu machen. Alle Charaktere verlassen ihre Familien und sind ‘on the road’. Man musste einen Schnitt machen und das Lustige, Magische, mit Hogwarts verbundene aus der Musik verbannen. Eine echte Herausforderung war für mich daher die Eröffnungsszene, ich habe sehr lange darüber nachgedacht.“

Die Eröffnung wird viele Fans der Reihe sogleich enttäuschen, denn sie enthält nicht wie gewohnt eine Celesta mit Hedwigs Thema. Stattdessen schälen sich in quälend langen Sekunden aus einem ominösen Wabern einzelne Streicherlinien, die in tiefen Registern arbeiten. Über die düstere Grundstimmung, die Desplat minimalistisch mit Kleinstfiguren erzeugt, legt sich eine einzelne Streichermelodie ohne wirklichen Erinnerungswert. Der dumpfe Bassston im Hintergrund, Trommeln und das eher Zähfließende denn wirklich Treibende in der Musik stehen in hartem Kontrast zu John Williams.
Über die Länge der Musik sind es vor allem die actionreichen Stücke, in denen sich Desplat von dem wenig erbaulichen Stil des Eröffnungstitels lösen kann. In „Sky Battle“ oder „Fireplace Escape“ wetteifern zackige Streicherlinien in mehreren Lagen mit Blechclustern, Schlagwerk und Holzbläsern. Besonders ersterer Titel weiß mit enormem Tempo und geschickter Instrumentation zu begeistern, während letzterer sogar Anleihen bei Williams-Stücken nimmt (am ehesten kommt einem „Minority Report“ in den Sinn). Einige Titel lassen sich in diese Reihe noch einordnen, beispielsweise „Snape To Malfoy Manor“, „Rescuing Hermione“ oder „Destroying The Locket“, insgesamt ist der erste Teil des Finales jedoch weniger actionlastig als sich vermuten lässt. Wie von Desplat angedeutet kommen zudem komische Momente recht kurz, in denen er angesprochene musikalische Spielereien zu Gehör bringt. Sehr nett ist beispielsweise „Detonators“, in dem Desplat die getragene Stimmung mit Streicherwirbeln, pizzicato, einem Flötenduett und marschierendem Fagott durchbricht. Auch Pauken kommen hinzu, sodass sich leichte Reminiszenzen an Williams erkennen lassen. In „The Will“ kommt dies ebenfalls kurz in den Sinn, als Desplat Streicher, Celesta und Harfe einsetzt und sogar Hedwigs Thema kurz zitiert.
Den weitaus größeren Teil nehmen aber die klangbetonten Suspense- und Emotionsstücke ein. Die Grenzen verlaufen dabei fließend, Desplat zeigt hier wiederholt die Tendenz, ein Streicherarrangement mit klangvollem Solo (zum Beispiel vom Cello wie in „At The Burrow“) langsam zu verwässern und zu einem undefinierten Soundteppich werden zu lassen. Immer wieder gleiten seine Titel ins Fragmentarische, minimalistische Linien werden nicht zum Aufbau einer sich entwickelnden Dramaturgie genutzt, sondern laufen sich tot. Immer wieder sind die langsamen Stücke schön anzuhören, etwa in „Ron Leaves“. Hier fächert Desplat seinen Streichersatz auf, lässt mehr Klangfarben zu und nutzt die Soli sehr musikalisch. Auch „Farewell To Dobby“ ist mit dem Cello-Solo recht ergreifend, wenn auch simpel gestaltet. In der Überzahl sind aber Titel, in denen die Musik mäandriert, kein wirkliches Ziel besitzt und sich einzelne Klanginseln ablösen.

Alles in Allem ist Desplats Potter eine durchwachsene Angelegenheit. Der Charme früherer Musiken fehlt, orchestratorisch hat sich gegenüber seinem Vorgänger aber durchaus etwas verbessert. Einige gute Einzeltitel stehen neben eher ratlos machenden Cues. Der Musik fehlt insgesamt ein roter Faden, eine stärkere motivische Durchdringung vielleicht, die den Einzelszenen einen kräftigen Zusammenhalt geben können. Dies muss nicht unbedingt markante, omnipäsente Themen bedeuten, diese können schließlich ebenso aneinander gereiht werden, sondern eine stärkere Verflechtung der „musikalischen Insellösungen“. So würden zwei oder drei Motive, die im Laufe der Musik immer wieder variiert auftauchen, genau diesen Effekt erzielen. Zwar gibt es diese durchaus, sie erfüllen die Funktion einer dramaturgischen Klammer aber nicht, weil ihr Wiedererkennungswert sehr gering ist. Im Filmkontext ist der Score zu „The Deathly Hallows“ sicher sehr effektvoll – dass bei Harry Potter die Messlatte höher liegt, haben wir John Williams zu verdanken.

Da nun die Reihe zu ihrem Beinahe-Ende gekommen ist, lohnt sich ein genereller Abriss aller Scores, um die Bewertung für Desplats Beitrag zu taxieren. Den stärksten Eindruck hat weiterhin eindeutig Williams mit „Azkaban“ hinterlassen (5 Sterne), gefolgt von seinem Eröffnungsscore zum „Sorcerer’s Stone“ (mit Bonus wegen Einführens aller Themen 4,5 Sterne). Dann folgt Williams’ und Ross’ Beitrag zur „Chamber of Secrets“ (mit etwas gutem Willen 4 Sterne). Die darauf folgende Lücke ist größer, denn Desplat, Doyle und Hooper überzeugten nur phasenweise. „The Deathly Hallows pt. 1“ „The Half-Blood Prince“ und „The Goblet of Fire“ würde ich bei soliden 3 Sternen verorten, „Order Of Phoenix“ bei 2,5. Desplat hat es somit nicht geschafft, wirklich nah an die Williamsscores heranzukommen.  Bleibt zu hoffen, dass der zweite Teil des Finales, für den Desplat bereits als Komponist bestätigt ist, actionreicher wird als sein Vorgänger.

Jan Zwilling / 12.11.10

Nutzer-Kommentare anzeigen

Zu diesem Beitrag existiert aktuell 1 Nutzer-Kommentar. Letzter Kommentar: 20.12.10.

» Alle Kommentare anzeigen

Nutzer-Kommentar hinzufügen

Um Nutzer-Kommentare zu erstellen, müssen Sie eingeloggt sein. Klicken sie auf Kontrollzentrum, um sich einzuloggen oder einen Account zu erstellen.