Kritiken
Hancock (John Powell)
Varese / 2008
Bewertung:

Um einer Filmmusik einen Verkaufserfolg zu verschaffen, werden mitunter eigenartige Marketingstrategien angewendet. Die vielen Superlative bei der Anpreisung von neuen apokalyptischen Meisterwerken jenseits der Vorstellungskraft oder die ständige Referenz auf vorherige Werke (vom Komponist von ...) gehören dabei mittlerweile zum Standard der großen Labels. Skurrile Züge erreicht diese Masche aber bei der aktuellen Musik zum Superhelden-Spektakel “Hancock” mit Will Smith als titelgebender Held. In der Presseinformation für den Score von John Powell ist es gelungen, fast jede Pop- und Rockgröße von den Rolling Stones bis zu Tom Waits, Whitney Houston und REM zu erwähnen. Der Haken dabei: Nicht die großen Stars haben etwas mit der Musik zu tun, sondern eine Riege von sieben zusätzlichen Percussionspielern, die irgendwann einmal für den einen oder anderen musiziert haben. Gut, wenn diese Rhythmusstars dem Score eine besondere Note verleihen könnten, dann wäre es gerechtfertigt, zumindest mit ihnen zu werben. Doch wie die Flötensoli von Legende Sir James Galway für “The Return Of The King” zeigten, muss ein großer Name nicht zwangsläufig für eine Zuarbeit stehen, die nicht ein beliebiger Orchester- oder Ensemblemusiker ebenso gut hätte leisten können.
Nicht nur auf den ersten Blick, sondern auch bei mehrmaligem Hinhören entlarvt sich dieser Marketinggag aber vollends als lahme Ente. John Powell komponierte für das etwas unkonventionell daherkommende Heldenepos einen sehr konventionellen Score, in dem das Schlagwerk eine große, wenn auch nicht vordergründige Rolle einnimmt - jegliche Besonderheit oder Schwierigkeit aber vermissen lässt. Es manifestiert sich vielmehr als üblicher Bestandteil eines genretypisch gewordenen Ensembles zwischen Rock und Orchester, in dem E-Gitarren, Keyboards und alle Arten synthetischer und natürlicher Percussions gleichberechtigt neben einem großen Streicherapparat und einem ausladenden Blechbläsersatz stehen. Diese Art von “Rockester-Musik” fertigte Powell im Prinzip schon mit seinem ersten Score, “Face/Off”, ist aber mittlerweile um einige Klassen routinierter im Umgang mit jeglicher Art von Instrumenten geworden.
Gleich zu Beginn lässt sich dies erkennen. Die eröffnende “SUV-Chase” lässt quietschige Elektrogitarren mit interessant modulierten Blechbläsern (auch hier klingt es leicht wie ein Quietschen), einer Batterie Schlagwerk und Streicherwirbeln kollidieren. Im Ergebnis ist es vor allem laut, aber mit soliden Mitteln. Wo zur Hochphase der Media-Ventures-Welle Mitte der neunziger Jahre vor allem die Keyboards und andere Elektronik werkelten, schafft Powell einen gut integrierten, analog aufzeichenbaren Klangmix. Mit diesem ist die Marschroute für die Actionpassagen bereits vorgegeben, denn viel aufregenderes passiert im Verlaufe von Hancocks missglückten Rettungsaktionen wahrlich nicht. Gelegentlich rücken die Percussions etwas in den Vordergrund, wie zum Beispiel die snare-drumartigen Einwürfe und die Becken in “Train Desaster”, an anderen Stellen rücken die Blechsätze den Score in die Nähe von “Spider-Man” (wie im Cue “To War"). Nimmt man den Versuch des Films ernst, einen etwas anderen Helden zu konzipieren, enttäuscht die Konventionalität der Musik doch etwas. So ernst hat man es mit dem Stilbruch wohl doch nicht gemeint.
Neben den Actionpassagen hat Powell auch nicht unwesentliches Material für ruhige Szenen zu bieten. Hier greift er den Gitarren- und Schlagwerkansatz auf und gibt den akustischen Vertretern eine Chance. Lockeres Gitarrengezupfe, Streicher und Rhythmusdeko wie Klacken, Klicken und Fingerschnipsen bestimmen zuweilen das Bild. Zuweilen gelingt ein netter Moment, wie mit dem wohligen Streichercue “Getting Therapy”, der schön mit einem Doppelsolo für zwei Violinen, Klavier und Gitarre spielt. Daneben gibt es für dunklere Momente ominös wabernde synthetische Collagen und dumpfe Basslinien, unterstützt vor allem durch die Streicher. Holzbläser finden so gut wie gar keine Berücksichtigung. Das ist schade, wenn man zum Beispiel bei “The Incredibles” gehört hat, wie man damit ein Genre wunderbar ironisch aufarbeiten kann. Die vielen kleinen und sympathischen Themen fehlen Hancock leider ebenso völlig.
Am Ende bleibt von der Euphorie des Pressetextes kaum mehr als bestätigte Skepsis übrig. John Powell zeigt zwar auch mit “Hancock”, dass er sich orchestratorisch in den letzten Jahren weiterentwickelt hat. Die Inspiration kann dieses Handwerk aber nicht ersetzen und so bleibt der Score eine blasse Fortsetzung des eingefahrenen Genrestandards. Eine handvoll gelungener Momente können dies leider auch nicht ändern - und die geballte Starpower der Percussionisten auch nicht.
Jan Zwilling / 12.07.08
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