Kritiken
Hable Con Ella (Alberto Iglesias)
Milan / 2002
Bewertung:

Bei der Betrachtung einer Musik von Alberto Iglesias zu einem Film von Pedro Almodovar greift man fast reflexartig auf den Aspekt der langjährigen Zusammenarbeit der beiden Künstler zurück. Die Tradition von Herrmann/Hitchcock, Williams/Spielberg oder Goldsmith/Schaffner wirkt auf den zweiten Blick vielleicht etwas hoch gegriffen, doch im Vergleich zu aktuellen Duetten wie Abrams/Giacchino oder Audiard/Desplat wird die spanische Kollaboration diesem Erbe wohl am ehesten gerecht. Almodovars Filme, verschachtelte Miniaturen menschlicher Abgründe, gelten sowohl als künstlerisch wertvoll wie kommerziell erfolgreich. Iglesias Karriere wiederum ist seit 14 Jahren eng mit der Almodovars verknüpft. Ihr gemeinsamer Output gilt zurecht als Maßstab des europäischen Films. Nicht zuletzt formte Iglesias seine typischen Stilmittel - kammermusikalische Strenge, fast konzertante Streichersätze und vielschichtige Ernsthaftigkeit der Emotionen - maßgeblich durch Almodovars skurrilen, bittersüßen Blick hinter die Fassaden der Realität.
Der Film “Hable con ella” aus dem Jahre 2002 ist die vierte Zusammenarbeit der beiden. Er erzählt eine typische Almodovargeschichte: Die Wege zweier Männer treffen im Krankenhaus, beide lieben eine im Koma liegende Frau. In Rückblenden und ergreifenden Dialogen lichtet der Spanier langsam die Hintergrundgeschichte der vier Hauptfiguren. Beide Männer überwinden widerwillig ihre emotionalen Hemmschwellen und freunden sich an. Die Konklusion der Geschichte ist tragisch und optimistisch zugleich, hier zeigt sich die ungemeine Dichte zu den Figuren, die Almodovar seinem Zuschauer abverlangt.
Bis heute kann “Sprich mit ihr” als einer der besten Arbeiten von Almodovar bezeichnet werden, gleiches gilt auch für die Musik von Alberto Iglesias. In Reinkultur offeriert der in San Sebastian geborene Komponist hier die für ihn typischen Stilismen und trägt beträchtlich zur emotionalen Wirkung des Films bei. Kern seiner Musik ist ein intim besetztes Streichensemble, das zwischen 4 und 25 Spielern pendelt. Vielfältige Soli von Violine und Celli werden ergänzt von Gitarre, Klavier, einigen Holzbläsern und einer Solostimme. Die Arrangements werden von Iglesias klar in Richtung Melancholie gestaltet, dazu mischt sich in wechselnden Anteilen tänzerische Eleganz oder unterschwelliger Pessimismus. Für den leicht beschwingten, rhythmisch akzentuierten Teil der Musik orientiert sich Iglesias dabei teilweise an traditionellen Tanzformen wie dem Flamenco. Dieser Einfluss wird besonders in dem Titelstück “Hable con ella” deutlich. Lebhafte, rhythmische Streichersätze werden ergänzt von einem klangvollen Cellosolo des Hauptthemas. Gezupfte Bässe, ein B-Teil des Themas mit der Oboe, später auch Gitarre und traditionelles Schlagwerk rücken das Stück in Richtung konzertanter iberischer Folklore. Die Streicherbegleitung ist ungemein variabel gestaltet, zwischen rau und kantig und langsam fließend nutzt Iglesias alle Schattierungen der Instrumente. Die sinfonische Verbindung von Streichorchester und Gitarre erinnert teilweise gar an Joaquín Rodrigo. Die einprägsame melodische Gestalt des Themas tut sein Übriges.
Das Hauptthema tritt vor allem im ersten Drittel des Films und kurz vor Schluss in Erscheinung. Schön ist die etwas langsam schreitende Violineninterpretation in “Jordania”. Im größten Teil der Musik hat die Lebendigkeit des Hauptthemas jedoch keinen Platz. Schon der Eröffnungstitel “Sabana Santa” lässt das Streichorchester gedehnte, wehmütig-nostalgische Klänge vortragen, im weiteren Verlauf sorgen beispielsweise “La Noche Y El Viento” für schwere, langsame Tragik. Lang gezogene Streicherlinien, sorgsam verflochten, mit variablen Soli prägen weite Teile der Musik. Gelegentlich verschiebt Iglesias den Fokus mittels leichter Klangsynthetik, verfremdeten Gitarren, glockenspiel- und glasharfenähnlichen Klängen zu nebligen Arrangements, die Thomas Newman nahe stehen. In “La Mesita De Noche” oder “Trincheras” gibt er der Harfe viel Raum, auch der Streicherglanz verweist stellenweise auf Bernard Herrmann. Auch in den wenigen kraftvoll-dramatischen Szenen kommt einem der Amerikaner in den Sinn, denn so kraftvolle und eindringliche Streicherarbeit mit drängendem Rollen der Kontrabässe, rhythmischen Verschiebungen zwischen Celli und Violinen gelten als Markenzeichen Herrmanns. In “A Portagayola” setzt Iglesias zudem eine einzelne Violine als Klangkontrast über diese hektischen Arrangements, was sehr wirkungsvoll ist.
Dramaturgisches und musikalisches Highlight ist sicherlich die Stummfilmsequenz “El Amante Menguante”. Almodovar lässt einen der Männer seiner Angebeteten von einem Kinobesuch berichten. Der Film - ein junger Mann wird geschrumpft und versucht, das Liebesleben aufrechtzuerhalten - ist im Stile der frühen Zwanziger Jahre inszeniert und fungiert als Allegorie auf seine Beziehung zu der Frau im Koma. Filmhandlung und Film-im-Film verweben sich meisterhaft, gleiches gilt auch für die Musik von Iglesias. Das Hauptthema sowie ein Seitenthema adaptiert er als Streichquartett und gestaltet ein achtminütiges, konzertantes und dennoch höchst dramatisches Stück. Es funktioniert als geradezu prototypische Stummfilmuntermalung ebenso wie als Kommentar zur “realen” Handlung. Die höchst künstlerische Verquickung von Film und Musik ist ein kleines Meisterstück der beiden Spanier und lässt sie als kreatives Gespann zumindest in Sichtweite zu den großen Paaren der Filmmusikgeschichte rücken.
Fazit: “Hable con ella” ist eine technisch blitzsaubere, künstlerisch durchdachte und dramaturgisch sehr wirkungsvolle Arbeit. Der Hauptkörper der Musik ist problemlos im Viersternebereich zu verorten, mit dem Highlight “El Amante Menguante” ist eine 4,5-Sterne-Wertung jedoch kaum zu verwehren. Damit ist “Sprich mit ihr” die vielleicht beste Kollaboration von Alberto Iglesias und Pedro Almodovar. Unbedingt empfehlenswert!
Jan Zwilling / 08.02.09
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