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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Green Mansions (Bronislaw Kaper / Heitor Villa-Lobos)

FSM / 2005

CD

Bewertung:


    01. Main Title/Chase/River Boat (05:24)
    02. Abel and Jaguar (03:38)
    03. Dead Jaguar/The Village (02:23)
    04. My Name is Abel/Kuako (01:57)
    05. At the Pool/First Visit (04:04)
    06. Rima's Face/Rima/Nameless Chord (02:30)
    07. The Snake (03:04)
    08. Where is Your Mother?/Vultures/Look/The Flower (07:42)
    09. It's Gold/The Shuttle (02:24)
    10. Is It You?/The Prayer (05:37)
    11. Riolama (01:26)
    12. The Young Man (03:01)
    13. Nevertheless/Avoc, Didi/Marake (06:57)
    14. Which Way? (02:03)
    15. Escape (02:27)
    16. Natives Return/Natives Foiled (03:28)
    17. Nuflo's Story (02:08)
    18. You Will Go/Ruins/The Cave/Digging (10:08)
    19. Fire/Dead Fawn (03:29)
    20. Fight (02:20)
    21. End Title (03:03)

    TT: 79 min

Der Film „Green Mansions“- in Deutschland unter dem Titel „Tropenglut“ gelaufen- dürfte mittlerweile kaum noch bekannt sein und auch in der Filmographie Audrey Hepburns stellt das Melodram wohl eher ein Kuriosum dar inmitten von Erfolgen wie „Frühstück bei Tiffany“ oder „Geschichte einer Nonne“, die um dieselbe Zeit herum entstanden. „Green Mansions“, 1959 von Hepburns damaligem Ehemann Mel Ferrer in Szene gesetzt, erzählt die recht simple Geschichte von einem jungen Goldsucher (Anthony Perkins), der sich in ein geheimnisvolles Waldmädchen (Hepburn) im Urwald von Venezuela verliebt.

Für die Musik wurde damals der bekannte amerikanische Komponist Heitor Villa- Lobos (1887-1959) verpflichtet, da dieser sich vor allem durch seine südamerikanische „Jungel-Musik“, die er in Konzerthallen aufführte, einen Namen gemacht hatte und daher die perfekte Wahl zu sein schien. Doch diese Wahl barg große Probleme, über die der legendäre Komponist Miklos Rozsa in seiner Autobiographie „A Double Life“ berichtet: Rozsa traf Villa-Lobos, als dieser aus Brasilien nach Hollywood eingeflogen wurde. Der gebürtige Ungare Rozsa fragte Villa-Lobos bei diesem kurzen Treffen, wie weit er mit seiner Filmmusik zu Mel Ferrers Film sei, woraufhin der Südamerikaner erwiderte, die Filmmusik sei nahezu komplett fertig geschrieben und müsse nur noch aufgenommen werden. Als Rozsa jedoch fragte, ob er den Film bereits gesehen habe, verneinte Villa-Lobos woraufhin Rozsa sich auf den Arm genommen fühlte. Er beschwerte sich, dass niemand Villa-Lobos die Techniken und Grundlagen des Komponierens von Filmmusik beigebracht hatte und die Musik geschrieben worden war wie ein Konzertwerk.
Aus der Vorstellung des Südamerikaners, der Film würde nach seiner Musik geschnitten werden und nicht er müsse seine Musik dem Film anpassen, wurde natürlich nichts und er fand sich schnell in einem Flieger zurück nach Brasilien wieder. Stattdessen wurde der erfahrene Filmmusikkomponist Bronislau Kaper („Mutiny on the Bounty“, „The Prodigal“) engagiert, die Musik seines Kollegen zu adaptieren, neu zu bearbeiten und den Bildern des Filmes anzupassen. Kaper war bereits zuvor in den Film involviert und war damit beauftragt worden das Liebesthema für Hepburn und Perkins zu schreiben. Tatsächlich hatte Villa- Lobos zwar einige Score-Sequenzen zum Timing der Bilder geschrieben, aber er war völlig unfamiliär mit den Techniken eines Filmkomponisten.
Auch Jerry Goldsmith erzählte später in einem Interview über diese Begebenheit, indem er zugab, wie André Previn und er früher darüber nachdachten, wie sie den ursprünglichen Score von Villa-Lobos verwenden könnten, da die Musik jahrelang in den Archiven von MGM ungenutzt herumlag.

Das Ergebnis aus dieser Zusammenarbeit eines experimentierfreudigen Konzertkomponisten und des begabten Themenschreibers Hollywoods ist – nicht nur für das Golden Age – ein einmaliges Klangerlebnis, das von seiner Frische und Brillianz in all den Jahren nichts verloren hat. Die Musik der beiden Künstler präsentiert sich als Mischung aus Spätimpressionismus, südamerikanischer Folklore und Kapers romantischer Hollywood Musik, die vor allem dann deutlich wird, wenn sein Liebesthema einsetzt.
Instrumentale Effekte, wie z.B. Flötentriller symbolisieren den tiefen Urwald und es wird schnell deutlich, von wem gewisse Passagen komponiert wurden, wenn Villa- Lobos „Urwaldmusik“ vom romantischen Hollywood- Sound Kapers durchbrochen wird, doch es entsteht eine Mischung, die durchaus passend ist, es fügt sich alles zu einer gelungenen Melange spätromantischer bis impressionistischer Klangmalerei. Teils zeigen sich die Komponisten gar Strawinsky- nah, wenn in einer Jagdsequenz harsche Blechbläserakkorde ineinander greifen und polyrhythmisch auseinanderdriften. Das Instrumentarium für diesen ausgefallenen Score reicht von Vibraphon, Celesta und diverser anderer Percussion bis zum üblichen Sinfonieorchester, wo der Schwerpunkt jedoch auf den Holzbläsern liegt, die oft dominant hervortreten.
Ein Hauptthema fehlt völlig, stattdessen komponierte Villa-Lobos ein Motiv für die Filmheldin Rima und ein Dschungel-Motiv, die mehrmals im Score auftauchen. Des Weiteren ertönt mehrmals ein so genannter „Bird Song“ und natürlich das Liebesthema von Bronislau Kaper, sodass der Score nicht etwa uneinprägsam oder anstrengend ist, sondern durch den Ideenreichtum der Komponisten immer wieder aufgelockert wird, was die Filmmusik nicht nur abwechslungsreich, sondern auch besonders farbenfroh macht. Das Besondere an dieser ausgefeilten Musik ist, dass sie eine breite Palette an Stilen bedient und daher viele anzusprechen vermag: impressionistische Holzbläserpassagen, lyrische Hollywood- Romantik, kantiger Expressionismus-Einfluss. 

Lukas Kendall von FSM würdigte dieses Meisterwerk der 50er Jahre mit einer hervorragenden Veröffentlichung, erschienen als FSM Vol. 8 Nr. 3, limitiert auf 3000 Kopien, die immer noch erhältlich sind (Stand Oktober 2009). Das Booklet ist vorbildlich, denn dort wird nicht nur ausführlich über die Produktion des Filmes und die Zusammenarbeit der beiden Komponisten berichtet, sondern der Leser und Hörer erhält zudem sorgfältige Track by Track- Analysen, in denen aufgelistet ist, welche Cues und Sequenzen von Kaper oder Villa- Lobos komponiert wurden- eine Mammutaufgabe, wenn man bedenkt, dass es Tracks gibt, die vom Südamerikaner begonnen, dann, nach nur wenigen Sekunden von Kaper fortgesetzt oder adaptiert wurden, um schließlich von additional music-Komponist Sidney Cutner beendet zu werden.

Alles in allem ein komplexes, heute noch frisch und unverbraucht klingendes Dokument und eine einzigartige Filmmusik, die in ihrer Art nie übertroffen wurde. Wem diese Filmmusik gefällt, dem sei empfohlen, in Villa- Lobos’ Konzertwerk „Forest Of The Amazon“ hereinzuhören, welches auf dem thematischen Material seiner teilweise abgelehnten Filmmusik basiert.

Aufgrund der hohen musikalischen Qualität der Filmmusik halte ich 5 Sterne für angemessen; für die hervorragende Präsentation auf CD ist ein Zuschlag von einem halben Stern absolut notwendig.

Stephan Eicke / 30.10.09

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