Kritiken
Girl With A Pearl Earring (Alexandre Desplat)
Decca / 2004
Bewertung:

Johannes Vermeer ist einer der bekanntesten holländischen „alten Meister.“ Seine Motive waren fast immer ähnlich: Menschen, die Alltagstätigkeiten vor seinem Atelierfenster nachgehen, sind ein häufiges Motiv von ihm. Vor allem die Lichtstimmungen, die Vermeer nahezu realitätsgetreu rekonstruieren konnte, machen seine Bilder zu etwas Besonderem. Er war ein Perfektionist, der sehr lange an seinen Bildern gemalt hat, und deswegen gibt es auch nur wenige Gemälde von ihm. Eins davon ist das „Mädchen mit dem Perlenohrring“, von dem Experten nicht wissen, wer die dargestellte Frau ist. Das brachte die Engländerin Tracy Chevallier auf die Idee eine fiktive Geschichte zu entwickeln, wie dieses Bild entstand. Das Modell ist bei ihr die Magd der Vermeers, Griet (gespielt von Scarlett Johansson, „Lost In Translation“) in die sich der Maler insgeheim verliebt. Weiteres Konfliktpotential ergibt sich, als sich Vermeers Sponsor Van Ruijven ziemlich aufdringlich gegenüber Griet verhält und sie einmal beinahe vergewaltigt. Er ist es, der Vermeer engagiert, seine Magd zu malen, was für Eifersucht bei Vermeers Ehefrau sorgt.
Besonders aufsehenerregend ist der Film auf der visuellen Seite. Kameramann Eduardo Serra hat die Stimmung von Vermeers Gemälden detaillgenau in den Film übernommen und mit nur sehr wenigem, aber sehr weichen Licht gearbeitet, was dem Film eine wunderbare Ästhetik gibt. Die hervorragenden Darsteller tun da ihr Übriges um diesen Film wirklich gelungen zu machen.
Alexandre Desplat war zu diesem Zeitpunkt nur genauen Kennern der europäischen Filmmusikszene ein Begriff – in Amerika kannte ihn sogar fast niemand. Er hatte vor allem in Frankreich und zum Teil auch in Großbritannien Fernsehfilme und kleinere Kinofilme vertont. Regelmäßig arbeitete er vor allem mit dem französischen Regisseur Jaques Audiard zusammen.
Desplats Musik baut auf zwei Themen auf. Ein dezentes Thema für Vermeer und ein sehr eingängiges, den Score dominierendes Thema für Griet, welches stilistisch einige Ähnlichkeit mit John Williams’ „Abandoned In The Woods“ aus „A.I.“ hat. Damit zeigt sich schon, dass Desplats Stil in Richtung Minimal Music verweist – seine Musik ist im Gestus sehr fließend. Die dominierenden Instrumente des Scores sind die Streicher und die Holzbläser, Blech und Schlagwerk sind fast völlig abwesend, in den wenigen dramatischeren Passagen wird anstelle von Dissonanzen oder schnelleren Rhythmen (wie es heute im Film-Scoring oft der Fall ist) mit düsteren Moll-Klängen gearbeitet, was schon im Melodieverlauf von Griets Thema (welches sehr häufig erklingt) angelegt ist.
Die thematische Verarbeitung ist sehr dezent, Variationen finden (wenn überhaupt) vor allem durch kleine Veränderungen in der Instrumentierung oder den Tempi statt. Beim ersten Hören mag deswegen ein wenig der Eindruck von Redundanz entstehen, aber insgesamt bietet die CD über ihre 50 Minuten Laufzeit genügend Abwechslung, wenn auch die Musik hautpsächlich von ihren melodischen Einfällen - und nicht so sehr von der technischen Durchführung selbiger - lebt. Desplats Stil zeigt sich hier aber als erfrischend und unverbraucht – in einer Zeit, in der Minimalismen in der Filmmusik immer mehr Einzug finden, nicht gerade eine Selbstverständlichkeit.
Jan Boltze / 19.07.07
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